Konzert

Elbphilharmonie: Mit Brahms in der Höhle des Löwen

Pianist
Herbert Schuch
wurde 1979 in
Timisoara,
Rumänien,
geboren.

Pianist Herbert Schuch wurde 1979 in Timisoara, Rumänien, geboren.

Foto: Felix Broede

Pianist Herbert Schuch ist mit dem Philharmonischen Staatsorchester gleich zweimal in der Elbphilharmonie zu erleben.

Hamburg.  Guter Stall, hier und da ein Preis, stetige Karriere: Der Pianist Herbert Schuch, ausgebildet bei dem berühmten Meistermacher Karl-Heinz Kämmerling und ein später Schüler von Alfred Brendel, konzertiert am kommenden Sonntag und Montag mit Kent Nagano und dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg im Großen Saal der Elbphilharmonie.

Sie spielen Brahms’ Erstes Klavierkonzert, das er als sehr junger Mann schrieb, in der Elbphilharmonie mit einem hiesigen Orchester – gehen Sie in die Höhle des Löwen?

Herbert Schuch: Ich habe ein hartes Training hinter mir, ich habe in Salzburg studiert und Mozart gespielt, das ist das Gleiche. Aber es ist ein wahnsinnig schönes Gefühl, Brahms dort zu spielen, wo er geboren wurde und gelebt hat. Die Wege kreuzen sich über die Jahrhunderte.

Brahms geht immer in dieser Stadt.

Schuch: Wenn man das Programm ansieht, denkt man sich vielleicht, kann es nicht mal was Ausgefalleneres sein? Aber ich beschäftige mich jetzt schon seit einiger Zeit mit dem Klavierkonzert und glaube, man kann ihm nie wirklich gerecht werden. Der Punkt, an dem man alles verdaut hat und alles klar ist, diesen Punkt gibt es nicht. Da bleibt immer ein Rest von nächster Aufgabe. In dem Stück steckt unglaublich viel Potenzial.

Wie nähern Sie sich so einem Brocken?

Schuch: Vielleicht gar nicht so viel anders als der Komponist. Brahms hat ja auch angefangen, sich mit der Idee zu beschäftigen, und wusste vor allem erst mal, was er alles nicht wollte. Man muss sich dann im Arbeitsprozess immer wieder hinterfragen und Entscheidungen treffen: Werde ich in einer Phrase eher breiter, oder lasse ich die Musik fließen? Im Lauf der Zeit und mit den Erfahrungen nimmt so ein Stück Gestalt an. Das geschieht aber nicht bewusst, sondern irgendwann fängt das Werk an, mir dezent Hinweise zu geben, wie es wahrscheinlich gemeint ist. Es geht nicht darum, irgendetwas partout „anders“ machen zu wollen, sondern ist ein organischer Prozess.

... und der Kollege macht was ganz anderes draus.

Schuch: Mag sein. Aber wenn ich mir Aufnahmen anhöre, da spüre ich bei allen eben dieses Ringen. Die Aneignung ist ein ganz langsamer Prozess, der begleitet einen durchs Leben.

Was ist die spezifische Herausforderung an dem Brahms-Konzert?

Schuch: Das Großartige ist, dass Brahms aus traditioneller Sicht alles falsch gemacht hat. Es gibt diese typische Brillanz eines Klavierkonzerts nicht. Stattdessen bringt er eine heroische Verzweiflung zum Ausdruck, die noch viel existenzieller ist als bei Beethoven. Diese Direktheit, mit der er sich da öffnet, ist in den späteren Werken nicht so stark.

Er war ja auch in einer schwierigen persönlichen Situation, als er es schrieb, gerade was die Beziehung mit Clara Schumann betraf.

Schuch: Das spürt man alles. Seine Gefühle für Clara, aber auch die Verzweiflung, ein Stück zu schreiben, das seinen Ansprüchen genügt. Es ist ein durchlässiges Werk, was die Emotion angeht. Und der erste Satz ist wirklich eine Hommage an seine Heimatstadt. Ich sehe da immer ein Gemälde von einem Schiff vor mir, das in einen Sturm gerät. Wie der Sturm an den Masten zerrt und das Schiff in eine Schieflage gerät. Es ist ein Seestück, das kann ich gar nicht mehr anders hören. Und dann der absurde Gegensatz zum langsamen Satz, der wie ein Gebet und gar nicht gefällig wirkt. Dieser fast religiöse Charakter gehört eigentlich gar nicht in ein Klavierkonzert. Brahms hat das alles „durcheinandergebracht“. Und ganz am Schluss wird aus all den Extremen eine Einheit. Es ist unglaublich.

Philharmoniker Hamburg, Herbert Schuch So 13.1., 11.00, Mo 14.1., 20.00, Elbphilhar­monie, ausverkauft, Restkarten ggf. an der Ak.