Begegnung

Olli Dittrich: Der Mann, der Dittsche und Trixie ist

Der Hamburger
Humorist Olli Dittrich

Der Hamburger Humorist Olli Dittrich

Foto: WDR

Die ARD zeigt sein neues parodistisches Glanzstück wieder nur im Spätprogramm. Zum HSV geht er weiter bei jedem Heimspiel.

Hamburg. Es gibt diese eigentlich unzulässigen Verknappungen, die schnittigen Formulierungen. Journalisten überhöhen gerne. Für den Mann, um den es im Folgenden gehen soll, muss man das Wort „Unterhöhung“ erfinden; er spitzt die Realität zu, indem er von unten, von der Perspektive eines einfachen Menschen auf die Welt blickt.

Dieser Mann, um den es also gehen soll, und nun zur schnittigen Verknappung, ist: der Typ mit dem abgetragenen Bademantel. Er ist der überhaupt einzige Imbissbudenphilosoph mit Sendeplatz. Und er wird dies vermutlich immer irgendwie sein.

Er macht das nämlich schon seit beinah anderthalb Jahrzehnten. Sonntags in den Eppendorfer Weg fahren, zur Eppendorfer Grill-Station. Bierpulle in ‘ne Hand, als „Dittsche“ vorm Tresen aufstellen, „Ingo“ anquatschen, der eigentlich Jon Flemming Olsen heißt. Sind bald 250 Folgen „Dittsche“ jetzt, und was für eine gewaltige Zahl ist das, bitte schön, im Zeitalter der Unterhaltungssendungen, die in so großer Zahl auftauchen und wieder verschwinden wie nie zuvor? Ist ein Leben ohne Dittsche eigentlich vorstellbar, den berühmtesten, wenn auch fiktiven Arbeitslosen des Landes?

Wir treffen den großen Humoristen Olli Dittrich in den Räumen einer Produktionsfirma an der Hoheluftchaussee. Hier wird derzeit letzte Hand an den neuen „Trixie Dörfel“-Film gelegt, den neunten Teil von Dittrichs TV-Zyklus, in dem er Sendeformate und die in ihr versammelte Sozialfigur des Halbprominenten parodiert.

Nix für unter der Woche

Die Grill-Station ist zehn Minuten Fußweg entfernt. Aber sich dort zu treffen? Das hätte sich komisch angefühlt. Dittsche in der Imbissbude, das sind Sonntagabend-Vibes. Nix für unter der Woche. Und überhaupt sitzt Dittrich, der 62 Jahre alt ist, nicht im Bademantel, er sitzt in Jeans, langärmeligen Poloshirt und Funktionsweste im Konferenzraum, also völlig angemessen für diese Angelegenheit gekleidet. Er ist jetzt nämlich gar nicht Dittsche, und er ist auch gar nicht nur Dittsche, das wäre, siehe oben, eine unzulässige Verknappung. Olli Dittrich ist, wenn er nicht Olli Dittrich selbst ist, neben Dittsche auch Trixie Dörfel, die Schlagersängerin, er ist Kaiser Franz Beckenbauer, ist der Philosoph Konstantin Pfau, der Meisterreporter Sigmar Seelenbrecht. Und viele andere mehr.

Menschendarsteller, so hat er sich selbst einmal genannt. Jeder andere Schauspieler ist das auch, mag man einwenden: ein Mensch, der andere Menschen darstellt. Aber bei Dittrich ist die Schauspielerei nicht nur Ziel seines Tuns, sondern erst einmal auch Zweck. Er ist Humorist. Einer, der, ganz allgemein gesprochen, die Komik in jedem sucht, die menschliche Komödie, in der immer auch Tragik zu finden ist. Es ist alles da, der ganze Charakter, wenn Dittrich sich verkleidet und jemand anderes wird. Wenn er in seine Rollen schlüpft, wird er dann tatsächlich zum Menschendarsteller, und er veredelt damit die Stilform der Parodie.

Dittrichs große, einmalige Kunst ist es, soziale Typen, Berufsbilder, vor allem aber den in den Medien stehenden und die Öffentlichkeit suchenden Menschen zu karikieren. Stargast im ersten Trixie-Dörfel-Film war Stefanie Hertel, die sich als Volksmusik- und Schlagersängerin selbst spielte, die ihrem Genre bereitwillig und mit bemerkenswerter Selbstironie begegnete. Dittrichs Parodien sind Parodien, in denen keine Verletzungen zurückbleiben. Wie geht so etwas, Olli Dittrich?

Hoher Qualitätsstandard

„Vielleicht ist es tatsächlich der berühmte moralische Kompass, der mich auch davon abgehalten hat, Menschen, seien sie bekannt oder nicht, der Lächerlichkeit preiszugeben“, sagt Dittrich. Das muss reichen zum Werte-Überbau des eigenen Tuns, er kommt dann sofort zu etwas anderem, das aber auch etwas mit Ethik zu tun hat, durchaus. Er habe, erklärt Dittrich, „mit meinen Fernseharbeiten schon oft gezeigt, was mir wichtig ist“. Soll heißen: Egal, wen er anspricht, die Leute wissen, mit welchen hohen Qualitätsstandards sie es zu tun haben. Wenn Angekommensein und Erfolg, und über jene Themen wird später noch zu sprechen sein, sich besonders gut mit den Leuten illus­trieren lassen, die in Dittrichs Produktionen mitspielen, dann hat er einige Argumente auf seiner Seite– voilà, hier kommt sein Namedropping, vorgetragen mit unverhohlenem Stolz: Günther Jauch, Marius Müller-Westernhagen, Jan Delay, Matthias Brandt, Jan-Josef Liefers. Er könnte weitermachen.

Besonders mit den Hinweisen auf die eigene Akribie, den Willen zur Perfektion. Die Akkuratesse der Maskenbildner, die mit Schminke einen (viele) andere Menschen aus ihm machen, spiegelt sich in der Unbedingtheit, mit der er seine Imitationen, die nicht immer Überzeichnungen sind, ins Werk setzt.

Vielleicht sind die Zusagen, die vielen Gastauftritte, für ihn wie Facebook-Likes. Wie andere auch hat Dittrich die Welt der sozialen Netzwerke als „Belohnungssystem“ entlarvt. Er, der Vater eines 18-jährigen Sohnes, würde da nie mitmachen. Ein großes Thema, sein großes Thema: Wie Menschen sich mitteilen und in die Öffentlichkeit begeben, sich selbst entblößen, wie sie Teil des nie endenden Internet-Brummens werden oder sich der Medien- und Talkshowwelt ausliefern. Mit allen Chancen und Risiken.

Die Parodie, sagt Dittrich, ist ein Zertifikat der Größe. So sehr er bei vielen auf die Bereitschaft setzen kann, sich nicht ganz ernst zu nehmen, so entschieden verweist er auf die, die es noch besser haben. In Amerika, sagt Dittrich, „gilt das Parodiert-Werden als höchste Weihe, da gibt es ein lockereres Selbstverständnis; wer über den Dingen steht, der lässt sich auf den Arm nehmen“.

Milde Melancholie

Wir müssen nun über das Scheitern reden. Über das Leben, wenn es sich wie eine Niederlage anfühlt. Dittrichs Figuren, selbst (den späten) Beckenbauer, umweht oft eine milde Melancholie. Die Schlagerqueen Trixie Dörfel gerät in der neuen Episode in eine persönliche Spirale des Grauens. Eine Schlammschlacht mit dem Ex-Ehemann und andere Kalamitäten, und die Boulevardmedien hauen kräftig drauf. Das ist alles ein einziges Klischee, aber eben auch: wahr.

Und Dittrich, der sagt, dass er viel über die Menschen lernt, indem er sie tagtäglich einfach nur beobachtet, ist genau der Menschenkenner, der sich einer solch tragischen Person annehmen muss. Während er noch über die spezielle Fallhöhe („Scheitern ist in diesem Berufsbild nicht vorgesehen“) der Showwelt auslotet, bereitet man freilich selbst als Fragesteller schon die ganz persönliche Frage vor. Wahlweise die suggestivstmögliche oder, wie Dittrich gleich selbst sagen wird, einfach nur „rhetorische“ Frage, ob denn der heutige, der mit Grimme-Preisen geehrte und von Publikum und Kritikern gleichermaßen geliebte Künstler Olli Dittrich ohne den jungen, den strauchelnden und erfolglosen Olli Dittrich aus den Achtzigerjahren überhaupt denkbar wäre? Natürlich nicht, sagt Olli Dittrich.

Erinnerungen an die düstere Zeit

Welcher Mensch wäre schon der, der er ist, wenn er eine Lebensphase einfach ausblendet? Dittrich hat 2011 in seinem autobiografischen Buch „Das wirklich wahre Leben“ über die für ihn düstere Zeit berichtet, als er bei der Plattenfirma Polydor arbeitete. „Auf der falschen Seite des Schreibtischs“, wie er mehrmals schreibt. Im Gespräch erklärt er jetzt, er habe damals sein „Talent in Facetten geahnt“. Aber kreativ war er, der seit seiner Jugend in Bands spielte, im Bürojob eher nicht. Ein Fall für den Küchenpsychologen: Wer auf einer langen Strecke an seiner eigentlichen Berufung vorbeilebt, dem gibt das sein Körper irgendwann zu verstehen.

Dittrich litt unter einigermaßen schweren psychosomatischen Störungen und Angstzuständen, die er, ein damals etwa 30-jähriger Mann, erst mit Medikamenten, einer Therapeutin, einer Kündigung und auch privaten Neu-Ordnung der Verhältnisse in den Griff bekam. Hier, viele, viele Jahre später, an einem regnerischen Dezembertag, an dem man in einem schmucklosen Konferenzraum die Flugzeuge am Himmel im Landeanflug sehen kann, hier und jetzt sagt der Unterhaltungskünstler Olli Dittrich den ziemlich genialen Satz: „Mir hat damals lange der Mut zur eigenen Courage gefehlt.“

Aber er blickt versöhnlich auf die Zeit. Es war eben genau das: ein anderes Leben. Aus dem er auch herausfand, weil er zur richtigen Zeit die richtigen Menschen traf. Die ihm halfen, sein wahres Potenzial auszuschöpfen. Dittrich ist etlichen Menschen dankbar. Niemand schafft es ganz allein nach oben. RTL Samstag Nacht, „Die Doofen“: In den Neunzigerjahren wurde aus Dittrich eine mittlere Berühmtheit. Heute sagt er, dass er nicht wirklich populär ist. Im Sinne der Superbekannten. Es ist ihm auch lieber so.

Olli Dittrich ist der personifizierte Gegenentwurf zur wüsten, digital befeuerten Ego-Kultur. Er ist ein Meister der Inszenierung, aber es ist nie die der eigenen Person. Man kann ihn dafür überhaupt nicht genug preisen.

1989 das erste Soloalbum

Irgendwann lässt Olli Dittrich das Wort „Empathie“ fallen. Arbeitsgrundlage für einen wie ihn. Und außerdem durchaus eine Tugend, die, ein Stichwort: Flüchtlinge, ein Schlüssel für unsere Gegenwart sein könnte. Aber darum geht es jetzt nicht. Es geht um das Sich-hineinfühlen-Können in andere. Vielleicht auch den Hang zur Grübelei. Künstlerisch oder schöpferisch begabte Menschen hätten meist, sagt Dittrich, „das Gefühl für Zwischentöne, Zwischenstimmungen – nicht nur die eigenen, sondern auch die anderer Menschen“.

Dittrichs erste Leidenschaft, vielleicht neben Fußball, war die Musik. Er tingelte mit „Susis Schlagersextett“ durch die Provinz und war leidlich erfolgreich. Unter dem Künstlernamen „TIM“ nahm Dittrich 1989 sein erstes Soloalbum auf. Dass zum Konzert in der Großen Freiheit nur 14 zahlende Besucher kamen, ist heute eine gute Anekdote. Damals sorgte es für Verdruss. Das harte Brot der frühen Jahre haben auch andere geschmeckt, die heute vornehmlich und bundesweit bekannt im komischen Fach zu Hause sind. Olli Schulz ist da zu nennen, bei dessen Konzert in der Laeiszhalle Olli Dittrich unlängst bei ein paar Stücken trommelte.

Und Heinz Strunk, dessen Lebenslauf dem Dittrichs bemerkenswert ähnlich ist. Der heutige Bestsellerautor und Studio-Braun-Komödiant watete ebenfalls durch manche privaten Untiefen und war lange eher unten als oben. Heute macht Strunk wie Dittrich Humor statt Musik, und sein Schaffen zeichnet wie dasjenige Dittrichs gleichzeitig eine große Ernsthaftigkeit aus. Der eine wie der andere hatte erst relativ spät beruflichen Erfolg.

Mit Leidenschaft beim HSV

Was die Frage aufwirft, ob’s an Hamburg liegt. Ob speziell hier der Weg zum Ruhm über die Depression führen muss.

Eine Frage, die man nicht ernsthaft stellen und erst recht nicht ernsthaft beantworten kann. Die Fakten: Heinz Strunk, der große Tragikomiker unter den deutschen Schriftstellern, sagt über Olli Dittrich, den großen Tragikomikern unter den deutschen TV-Unterhaltern: „Ich halte Olli Dittrich für einen der ganz wenigen bedeutenden Humoristen des Landes.“

Olli Dittrich wiederum hat „Fleisch ist mein Gemüse“ natürlich gelesen und erinnert daran, dass er mit einer der dort auftretenden Figuren, einer Musikerin, selbst gemeinsam aufgetreten ist. Strunk und Dittrich teilten sich also eine Sängerin, auch das eine schöne Anekdote. Einen gemeinsamen Bekannten haben sie auch, den Filmemacher Lars Jessen. Im Studio-Braun-Film „Fraktus“, erzählt Dittrich, hätte er beinahe einen Gast-Auftritt gehabt, „hat sich dann zerschlagen, schade“.

Dann kommt er auf den Sendetermin seiner neuen TV-Satire zu sprechen. Oder besser gesagt: Er kommt nicht wirklich darauf zu sprechen. Dass die ARD Formate wie „Trixie Dörfel“ aufgrund selbst auferlegter Quotenziele erst kurz vor Mitternacht zeigt, muss und wird jedoch ihm stinken. Trotzdem sagt Dittrich: „Ich bin dem Sender dankbar, dass er mir die Möglichkeit gibt, meine Vorstellungen von gutem Fernsehen umzusetzen.“ Alles andere, wie schwer es ist, angesichts einer derart späten Ausstrahlung sein Publikum zu erreichen, sagt er nicht, jedenfalls nicht explizit.

Über den HSV, seinen Herzensclub, regt sich Olli Dittrich, der Herzenshumorist nicht nur aller Hamburger, übrigens nicht auf. Er geht, „mit Leidenschaft“, wie er betont, auch in der Zweiten Liga ins Stadion. Die Mannschaft habe sich konsolidiert, es mache mehr Spaß jetzt, wo das Schicksal des Vereins nicht in jedem Spiel auf der Kippe stehe. Seine Mundwinkel gehen, tatsächlich, ziemlich nach oben, wenn er an Fußball denkt.

Leben ohne Dittsche nicht denkbar

Man muss ihn verstehen: HSV-Fans waren das Verlieren so sehr gewöhnt, für sie ist das jetzt alles nicht unterklassig, sondern paradiesisch, ‘ne reine Weltsaison.

Olli Dittrichs Dittsche („Das perlt“, „Schön Pommes jetz‘, nä?“) hat allen Nicht-Hanseaten und auch manchen Hanseaten echtes oder fantasievoll erweitertes Norddeutsch überhaupt erst beigebracht. Für Dittrich selbst ist ein Leben ohne Dittsche, um auf die Frage zurückzukommen, nicht denkbar. Er ist die Rolle seines Lebens, und deswegen geht er 2019 erstmals mit „Dittsche“ auf Tour. Der war einst, Anfang der Neunzigerjahre im legendären Hamburger Quatsch Comedy Club, als Bühnenfigur entwickelt worden.

Dittsche, sagt Dittrich, „macht ohne Anstrengung auch 90 Minuten voll, da kann er sich dann richtig entfalten“.

„Trixie Nightmare - der tiefe Fall der Trixie Dörfel“ 20.12., 23.45 Uhr, ARD „Dittsche – live & solo“ 4./5.11.2019, Laeiszhalle, Tickets ab 22 Euro