Hamburg

Operettenmuffel aufgepasst: Die lustige Witwe macht Spaß

Das Ensemble hatte sichtlich Spaß in „Die lustige Witwe“ am Allee Theater – beim Singen wie auch beim Tanzen.

Das Ensemble hatte sichtlich Spaß in „Die lustige Witwe“ am Allee Theater – beim Singen wie auch beim Tanzen.

Foto: Dr. Joachim Flügel / FOTO: JOACHIM FLÜGEL

Am Allee Theater überzeugt die Premiere von Franz Lehárs „Die lustige Witwe“ mit liebevoller Ironie und reichlich Kalauern.

Hamburg.  Erstaunliche Symptome eines mitreißenden Abends: Wenn man sich selbst als bekennender Mitklatschmuffel plötzlich dabei ertappt, das Programmheft gegen die linke Hand zu klopfen. Wenn auch die Füße wie von allein im Rhythmus der Musik wippen und einem beim Schussapplaus fast der Ruf nach einer Zugabe auf der Zunge liegt.

Aber der wäre wahrscheinlich sowieso untergegangen im allgemeinen Jubel für die jüngste Produktion des Allee Theaters. Der Beifall zeigt: Es war eine dreifach sehr gute Idee des Intendanten Marius Adam, eine neue Operettenreihe zur Vorweihnachtszeit ins Leben zu rufen, diese Reihe mit Franz Lehárs „Die lustige Witwe“ zu starten und dafür erstmals den Regisseur Stefan Haufe an die Kammeroper zu engagieren.

Subtiler Seitenblick und liebevolle Ironie

Haufe erzählt die Geschichte um die Verlockungen der Liebe und des Geldes im mondänen Pariser Look der 20er-Jahre (Kostümbild: Barbara Hass, Bühnenbild: Michael Haufe), er führt die Figuren mit temposicherer Hand und profitiert dabei von seiner Erfahrung als Tänzer und Ballettchoreograf. Souverän und gut getimt schwingen die Sänger das Bein, wie gleich beim ersten Auftritt der Hanna Glawari, die wunderbar schmierig umschmeichelt wird. Die Verehrer sind scharf auf die junge Witwe und noch schärfer auf ihr Vermögen, das sie nach kurzer Ehe von ihrem verstorbenen Mann geerbt hat.

So geht jedenfalls das Gerücht. Dass am Ende doch die Liebe und nicht der schnöde Mammon regiert – diese Schlusspointe steuert die Operette auf allerlei Umwegen an, die der Regisseur mit feinem Blick fürs Detail und viel Humor inszeniert. Gekonnt balanciert er zwischen Kalauern, Hintersinn und subtilem Seitenblick und offenbart damit eine liebevolle Ironie. Haufe taucht etwa die Rendezvousszenen mit ihrem heimlichen Schmachten in ein tiefrotes Licht, das die Stimmung einerseits einen Tick überzeichnet, dabei aber andererseits trotzdem die anrührende Intimität dieser Begegnungen wahrt. Solche Nuancen genau zu treffen und damit das über hundert Jahre alte Augenzwinkern des Stücks ins Heute zu übersetzen, ist allerfeinste Musiktheaterkunst. Sie funktioniert nur mit einem wachen und spielfreudigen Ensemble, wie es jetzt wieder am Allee Theater zu erleben ist, auch in der Besetzung der zweiten Vorstellung.

Erstaunlich viele Ohrwürmer

Wirklich schwer, aus dem achtköpfigen Solistenteam einzelne Sänger hervorzuheben. Die junge Sopranistin Svenja Schicktanz überzeugt in der Hauptrolle mit neckischem Selbstbewusstsein und kecken Koloraturen, findet aber auch den süßen Schmelz, den Lehár der Partie in die Stimme legt; Robert Elibay-Herzog gibt den Grafen Danilo als charmanten Schlawiner mit hellem Bariton. Der Tenor Ljuban Zivanovic entzückt als schwärmerischer Jüngling Camille di Rossillon, die bezaubernde Natascha Dwulecki untergräbt die Behauptung „Ich bin eine anständige Frau!“ von Valencienne mit einem Augenaufschlag von allzu treuherziger Koketterie.

Das amüsante Verwirrspiel wird von einer Fülle an süffigen und walzersatten Melodien grundiert. Erstaunlich, wie viele bekannte Ohrwürmer da aus dem Kammerorchestergraben hervorquellen, wo Ettore Prandi wieder eine eigene Bearbeitung des Orchesterparts für das Allee-Theater-Ensemble dirigiert. Mit den Farben von Streichern, Klarinette und Flöte kreiert er zarte Mischungen für die romantischen Stelldicheins, entfacht aber auch den Schwung für die Ensembleszenen, die Regisseur Stefan Haufe mit seinen Choreografien belebt.

Höhepunkte sind – neben dem Finale – der schmissige Marsch „Wie die Weiber man behandelt“ und das Chanson „Wir sind die Grisetten“. Da legen die beiden Damen eine dermaßen flotte Sohle aufs Parkett, dass ein Hauch von Moulin Rouge durch Altona weht. So macht Operette Spaß, selbst wenn man nicht zu den Fans der Gattung gehört.

„Die lustige Witwe“, Allee Theater/Kammeroper (S Altona), Max-Brauer-Allee 76, Vorstellungen bis 27. Januar 2019, Karten unter www.kammeroper.alleetheater.de

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