Interview

Deep Purple-Bassist Glover: „Rockmusik steckt in der Krise“

| Lesedauer: 6 Minuten
Steffen Rüth
Deep Purple

Deep Purple

Foto: Jim Rakete

Ein Interview mit Roger Glover, Bassist der Band Deep Purple, die am 30. Mai ein Konzert in der Hamburger Barclaycard Arena gibt.

München.  Deep Purple sind immer noch: Ian Gillan, Roger Glover, Ian Paice, Steve Morse und Don Airey. Und sie haben nach wie vor Spaß. Auf dem aktuellen Album „inFinite“ bieten die britischen Miterfinder des Hardrock dem Alter jedenfalls fröhlich rockend die Stirn. Am 30. Mai spielen sie in der Barclaycard Arena. Wir trafen den 71 Jahre alten Bassisten Roger Glover in München.

Die Frage mag abgedroschen klingen: Hatten Sie Spaß bei der Albumproduktion?

Roger Glover: Die Frage ist überhaupt nicht abgedroschen, sondern sehr ­berechtigt. Spaß, Freude und Vergnügen sind Schlüsselbegriffe für uns. Wir ­haben Spaß an allem, was wir machen. Wir lieben es, live zu spielen, wir reisen gerne um die Welt, wir hatten eine tolle Zeit im Studio. Ohne Spaß wären wir falsch in unserem Job und sollten es lieber lassen. Wir müssten uns diesen Stress ja weiß Gott nicht mehr antun.

Stand der Spaß immer im Mittelpunkt bei Deep Purple?

Es gab in unserer langen und, nun ja, wechselvollen Geschichte auch Phasen, in denen sich die gute Laune in Grenzen hielt. Trotzdem machten wir weiter, denn irgendwie kam es uns als unsere Pflicht vor, uns reinzuhängen und die Sache durchzuziehen. Heute machen wir Musik, weil wir es wollen, und aus keinem anderen Grund.

Ist Rockmusiker der beste Beruf, den es gibt?

Mir fällt kein besserer ein. Ich erzähle mal eine Geschichte: Ich habe ja lange in Amerika gelebt, und für eine Weile hatte ich zwei Nachbarn, mit denen ich mich öfter mal zum gepflegten Besäufnis traf. Der eine war ein ehemaliger Tennisprofi, der andere ein erfolgreicher Banker an der Wall Street. Eines Abends saßen wir in der Bar und überlegten, wer von uns den coolsten Beruf hat. Der Tennisstar meinte, mit 35 sei seine Karriere vorbei, der Wall-Street-Typ fand es nicht sehr inspirierend, einfach nur Geld zu vermehren, das habe im Grunde keinen Wert. Also zeigten beide auf mich. Ich konnte nicht widersprechen.

Wer war der ehemalige Tennisprofi?

Mats Wilander. Wir sind bis heute gute Freunde.

Sie feiern 2018 Ihr 50. Bandjubiläum. Was fällt Ihnen dazu ein?

Blumensträuße? (lacht) Es ist ein Wahnsinnsprivileg, in einer Band wie Deep Purple zu spielen, die es seit fast 50 Jahren gibt. Ich fürchte, so etwas wird vielleicht nicht mehr so oft passieren. Wir sind eine aussterbende Spezies.

Dafür wirken Sie recht fit und agil.

Danke, aber machen wir uns keine Illusionen: Wir werden alt. Ewig werden wir nicht mehr weitermachen, irgendwann wird auch Deep Purple vorbei sein, Geschichte. Ian Paice hatte letztes Jahr einen leichten Schlaganfall, das war ein Weckruf für uns. Ihm geht es wieder gut, zwei Wochen später konnten wir die Tour fortsetzen. Und doch hat jeder von uns seine Wehwehchen.

Die Tournee heißt „The Long Goodbye Tour“, das neue Album „inFinite“, also „unEndlich“. Wann ist denn Schluss?

Noch ist es nicht so weit. Niemand von uns will aktuell, dass es schon aufhört, dazu machen wir diesen Job wie gesagt viel zu gerne. Trotzdem wird der Abschied irgendwann passieren. Wir wollen es etwas langsamer angehen lassen, gerade hatten wir vier Monate komplett frei, so viel wie noch nie. Wir werden uns nicht selbst ein Ablaufdatum verpassen, wir werden auch nicht mit großem Getöse einen Ort für das allerletzte Konzert bestimmen oder dergleichen. Wir werden uns aber auch nicht einfach wegschleichen. Sollte irgendwann Schluss sein, werden wir das sagen. Mann, ich bin über 70. Vielleicht geht es noch ein Jahr, zwei Jahre, fünf Jahre?

Einige Ihrer Songs werden in alle Ewigkeit existieren. Werden die Menschen in 200 Jahren „Smoke On The Water“ so betrachten, wie sie heute Beethovens Fünfte oder Mozarts „Zauberflöte“ sehen?

Ja, da ist sehr gut möglich. Und es wäre mir eine Freude und eine große Ehre. Ich hoffe, dass es so kommt. Hardrock hat so unglaublich viel zu bieten, unser Stil hat viel mehr Facetten als zum Beispiel Heavy Metal, bei dem es nur um die Wutfacette geht. Aber wir vermengen Folk, Pop, Jazz, Blues, Klassik zu enorm ausdrucksstarker Musik. Rockmusik steckt in der Krise, aber ich bin zuversichtlich, dass sie nie sterben wird.

Kommt es noch vor, dass Teenager Deep Purple entdecken?

Und ob! Für Kids war Deep Purple ­immer eine Art Abenteuerspielplatz, ­damals war unsere Musik wild und unvorhersehbar, und gerade in den letzten Jahren ist das Publikum vor allem in Europa wieder deutlich jünger geworden. Du stehst auf der Bühne und siehst vor dir die 20-Jährigen, und das ist einfach geil. Denn du siehst dich selbst durch deren Augen, hörst dich selbst durch deren Ohren. Wahrscheinlich sind wir selbst bei jeder Show die Ältesten in der Arena.

Ging es bei Deep Purple immer höflich zu? Die Auseinandersetzungen zwischen Jon Lord und Ritchie Blackmore sind legendär, auch Sie sind mal für Jahre aus der Band geworfen worden.

Sicher, wir hatten unsere Schlachten, aber es ging immer mit einem Grundrespekt vonstatten. Letztlich waren die Reibungen zwischen uns sogar gut für die Kreativität. Und sogar mein zeitweiliger Rauswurf geschah in einem Klima der Höflichkeit.

Sie leben seit acht Jahren in der Schweiz, in der Nähe von Zürich.

Ja, wobei das nichts mit der sehr freundlichen und zurückhaltenden Art der Schweizer zu tun hat, sondern einzig und allein mit meiner Frau, die eben Schweizerin ist. Sie hätte auch nach Amerika kommen können, aber es war einfacher für uns und speziell für sie, dort zu bleiben, wo sie zu Hause ist.

Konzert: Di 30.5., 20.00, Barclaycard Arena.
Karten (60,50 bis 95 Euro) u. a. in der Abendblatt-Geschäftsstelle, Großer Burstah 18–32, und unter T. 30 30 98 98