Europäisches Kulturerbejahr

Ausstellung: Wie man Archäologie entstaubt

Direktor Rainer-Maria Weiss vor der Helms-Lounge

Direktor Rainer-Maria Weiss vor der Helms-Lounge

Foto: Roland Magunia / HA

Das Archäologische Museum Hamburg liefert wichtige Funde für die große Berliner Schau „Bewegte Zeiten“.

Hamburg.  Gewandert ist die Menschheit schon immer: auf der Suche nach Nahrung, neuem Wissen und anderen Ressourcen. Das hat nicht nur die gerade zu Ende gegangene Schau „Zwei Millionen Jahre Migration“ im Archäologischen Museum Hamburg in Harburg gezeigt. Auch die Ausstellung „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vergangenen Donnerstag im Berliner Martin-Gropius-Bau anlässlich des Europäischen Kulturerbejahres eröffnet hat, zielt darauf ab. Mi­gration und damit einhergehend Inte­gration sind im wahrsten Sinne des Wortes steinalte Themen unserer Gesellschaft.

Und wir können einiges aus unserer Geschichte lernen, sagt Rainer-Maria Weiss (52), Hamburgs Landesarchäologe und Direktor des Harburger Hauses. „Germanische Krieger etwa wurden im Römischen Reich für ihre Größe und Stärke bewundert. Die Germanen wiederum wurden durch das hoch entwickelte Leben der Römer sozialisiert; sie rasierten sich, wussten Wein und Tischsitten zu schätzen. Dieses Kulturgut brachten sie bei ihrer Rückkehr zum Beispiel in ihre kleinen Dithmarscher Dörfer mit.

Kostbarste Leihgabe

Das ist es, was Integration eigentlich meint: nämlich das Positive einer fremden Kultur anzunehmen.“ Auf heute übertragen bedeute es: „Geflüchtete, die in Europa zu Handwerkern oder Ärzten ausgebildet werden, nehmen dieses Wissen mit in ihre Heimat und verbreiten es dort.“

Als Kurator verantwortete Rainer-Maria Weiss die vorhergehende Berliner Archäologie-Ausstellung „Menschen, Zeiten, Räume“. Jetzt blickt er gespannt auf die aktuelle „Leistungsschau“ des Museums für Vor- und Frühgeschichte Berlin, die spektakuläre Funde aus Forschung und Denkmalpflege der vergangenen 20 Jahre, von der Steinzeit bis ins 20. Jahrhundert, zeigen will. Wie Landesarchäologen aus allen Teilen Deutschlands hat auch Weiss Funde beigesteuert.

Zentrales Ausstellungskapitel

Unter den 40 Exponaten ist ein mittelalterliches Wagenrad das kostbarste. „Das ungewöhnlich gut erhaltene hölzerne Rad wurde im heute verlandeten Uferbereich eines Hamburger Fleets entdeckt“, erklärt der Archäologe. „Es gehörte ursprünglich zu einem Karren oder Wagen, der sicherlich zum Warentransport in der Stadt benutzt wurde.“ Die weltweit ältesten bekannten Wagenspuren stammten aus Norddeutschland und seien über 5000 Jahre alt. Möglicherweise ist das Rad also genau hier erfunden worden.

Auch ein Pilgerzeichen aus dem 15. Jahrhundert mit einem Bischofs-Por­trät, das während einer Grabung gefunden wurde, ist eine Hamburger Leihgabe für die Schau in Berlin. Harburg liegt an einem der ältesten und berühmtesten Pilgerwege des Mittelalters, dem Jakobsweg. Die Pilgerzeichen waren meist aus Blei, Zinn oder einer Blei-Zinn-Legierung und wurden an der Kleidung, dem Hut oder dem Pilgerstab getragen. Sie dienten als Beweis für die Religiosität und als Beleg für eine vollbrachte Pilgerreise.

Mobilität als Treiber der kulturellen Weiterentwicklung ist eins der zentralen Ausstellungskapitel. In einem anderen wird über Konflikte wie die bronzezeitliche Schlacht an der Tollense (Mecklenburg-Vorpommern, 1300 v. Chr.) berichtet; sie gilt als die früheste belegbare Schlacht in der Geschichte Europas.

Im Bereich Austausch liegt der Fokus auf Rohstoffgewinnung, Vertrieb und professionalisiertem Handel sowie die daraus entstandenen gesellschaftlichen und städtebaulichen Veränderungen. Der Goldhort im niedersächsischen Gessel mit 82 normierten ­Goldspiralen oder die Lübecker Kaufmannshäuser aus dem 12. Jahrhundert zeugen davon.

Erstaunliche Kenntnisse und Fertigkeiten

Das Kapitel Innovation teilt sich in geistig-ideelle und technische Errungenschaften. Unter Letzteres fällt der Faustkeil, den Forscher in Maschen im Landkreis Harburg fanden. Das Steinwerkzeug, das zum Graben, Schneiden und Schaben verwendet wurde, bezeichnen Experten gern als Schweizer Taschenmesser. Es sind diese Fundstücke, die den Alltag unserer Vorfahren anschaulich machen und beweisen, welche erstaunlichen Kenntnisse und Fertigkeiten die Menschen früher schon entwickelten. Wie sie durch Beziehung und Austausch vor mehreren Tausend Jahren die Grundlagen eines gemeinsamen Europas legten, das uns bis heute prägt. Wie Liebe, Eitelkeit, Neid, Gier, die Freude am Schönen und Luxuriösen schon immer da waren.

„Wer sind wir, die wir heute meinen, alles zu wissen und zu können?“, so Weiss. „Wenn man uns und einen Bronzezeitler im Wald aussetzt – wer überlebt dann? Durch die Ausstellung erhoffe ich mir mehr Erdung und Respekt für die Leistungen unserer Vorfahren. Denn ohne sie wären wir nicht dort, wo wir heute stehen.“

„Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“ bis 6.1.2019 im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin, Mi–Mo 10.00–19.00, Di geschlossen, Eintritt: 12,- (erm. 6,-), www.gropiusbau.de