Hamburger Konzerthaus

Was wird aus der guten alten Laeiszhalle?

Manche Elbphilharmonie-Abonnenten kennen diesen Saal nur noch aus ihrer Erinnerung, denn sowohl NDR als auch Philharmoniker haben ihre Abo-Konzerte aus der Laeiszhalle abgezogen

Manche Elbphilharmonie-Abonnenten kennen diesen Saal nur noch aus ihrer Erinnerung, denn sowohl NDR als auch Philharmoniker haben ihre Abo-Konzerte aus der Laeiszhalle abgezogen

Foto: Thies Raetzke

Jeder will in die Elbphilharmonie. Doch viele vergessen, dass Hamburg seit 110 Jahren einen sehr klassischen Konzertsaal hat.

Hamburg. Drei kulturpolitische Ansagen blieben während der jahrelangen Image-Achterbahnfahrt der Elbphilharmonie-Baustelle stets demonstrativ unangetastet: Nach der Eröffnung soll ihr Betrieb finanziell nicht zulasten anderer Kultureinrichtungen gehen, auf gar keinen Fall soll er das. Sie soll einen der zehn besten Konzertsäle der Welt bieten, ­obwohl die Bewertungskriterien ­dafür nie klar waren oder belastbar erklärt wurden. Und: Die Laeiszhalle, ihre in die Jahre gekommene, blattvergoldete Schwester, soll nicht zur programmatischen Verliererin im Zusammenspiel der Hamburger Konzerthäuser werden. Und ihr historischer Glanz soll nicht neben dem des spektakulären Neubaus verblassen, den seit seiner ­Eröffnung im Januar 2017 Millionen Menschen aus aller Welt besucht und bestaunt haben.

Tja.

Der Spielzeit-Alltag sieht anders aus als die Behörden-Rhetorik es so gern vorhersagte. Zumindest in dieser Saison – denn die Planungen der Veranstalter stehen längst fest – wird sich nichts Gravierendes daran ändern, dass die ­Laeisz­halle ins Hintertreffen geraten ist. Und dort wohl auch vorerst bleibt. Ihr Profil ist bescheidener als zu den Zeiten, in denen sie Hamburgs einzige große Klassik-Adresse war. Sie ist B-Spielstätte im Schlagschatten der Elbphilharmonie, wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als der Conventgarten die schickere und wohl auch klanglich bessere Adres­se war. Der fiel 1943 dem Bombenhagel zum Opfer; seitdem war der neobarocke Backstein-Bau das erste, weil einzige Haus am Platz.

Angebot drastisch ausgedünnt

Beim Stöbern im Spielplan zeigt sich das quantitativ ordentliche Angebot früherer Jahre drastisch ausgedünnt. Im Kernsortiment (Klassik bis Spätromantik, gängige Orchestergrößen, die die historisch bewährte Schuhschachtel-Akustik nicht überstrapazieren) wurde umgeschichtet. Von Generalintendant Lieben-Seutter ebenso wie von örtlichen Anbietern, die dorthin gehen, wo Bares lacht. Sowohl der NDR als auch die Philharmoniker sind mit ihren Abo-Konzerten ausgezogen, ein Zurück ist nicht in Sicht. In ihren Elbphilharmonie-Konzerten sind sie bis an den tariflich vertretbaren Anschlag verplant und ausabonniert. Paradiesisch. Einfacher kann man sein Etat-Soll nicht erfüllen.

Große Orchester-Gastspiele, ob mit oder ohne Virtuose, finden nun ebenso im Neubau statt; jeder Termin eine hübsch ratternde Gelddruckmaschine. Warum dann dort spielen, wo es nicht automatisch so lohnend ist?

In der Laeiszhalle geblieben, um zu bleiben, sind die Symphoniker, als Residenzorchester und Gütesiegel-Polierer. Sie bescherten Generalintendant Lieben-Seutter durch das erste, in Eigen­regie organisierte Martha-Argerich-Festival einen überregional beachteten Veredelungseffekt. Der größte Teil der Pro-Arte-Klavierabende ist nach wie vor auf jener Bühne präsent, auf der Horowitz sein letztes Konzert gab.

Das gilt auch für die NDR-Reihe „Das Alte Werk“, deren empfindsam klein besetztes Repertoire sich nicht ­unbedingt mit den Gegebenheiten der Elbphilharmonie verträgt. Kammer­musik dominiert im Kleinen Saal, wie eh und je. Dazu kommen einige Konzerte des Ensembles Resonanz, das mittlerweile ein Standbein im eigenen Resonanzraum und ein Residenz-Ensemble-Spielbein in der Elbphilharmonie hat. Außerdem die Hamburger Camerata und etliche honorige Lokalgrößen. Ein Treppenwitz dieser Musik-Geschichte: Vor gut zwei Jahrzehnten musste die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen ihre ambitionierte Konzertreihe in der Laeisz­halle, einem für ihre Größe idealen Saal, wegen Publikums-Desinteresse einstellen. Seit einigen Spielzeiten sind sie wieder da, mit konstantem Erfolg. In der Elbphilharmonie.

Keine frischen Profil-Impulse zu erkennen

Alles in allem: Die Laeiszhalle ist ein Weltklasse-Saal, der dieses Niveau allerdings nicht erkennen lässt, mit einem quantitativ überschaubar ehrgeizigem Angebot. Trotz zahlreicher Themen-Schwerpunkte im prall gefüllten Programmbuch gibt es keine Festival-Insel, die eindeutig auf Güte und Charakter der Laeiszhalle abzielt. Was auch daran liegen kann, aber nicht sollte, dass Lieben-Seutters Team alle Hände voll mit dem Tagesgeschäft in der Elbphilharmonie zu tun hat. Für diese Saison geplant waren einmal 250 Konzerte, mittlerweile sind es 370.

Das kostet und bindet alle Kräfte – und wohl auch jene Kreativität, die an der Laeiszhalle schon mal vorbeidenkt. Und diese Formate wären für die Stadt auch nicht gänzlich umsonst zu haben. Dabei wäre die Laeiszhalle mit ihren 2025 Plätzen im Großen Saal das ideale Überlaufbecken, um jene Publikumsmassen zu versorgen, die (immer noch) keine Elbphilharmonie-Karten ­bekamen. Und erst recht diejenigen, die eine hatten und so begeistert waren, dass sie gern öfter solche Klassik hören würden, auch in der Laeiszhalle. So läuft ein wichtiger Kulturauftrag ins Leere. Nachfrage: ja. Aber Angebot: nun ja.

In dieser Spielzeit finden nur 30 von rund 350 Hamburg-Musik-Veranstaltungen in der Laeiszhalle statt. Dafür ­beinhaltet der Laeiszhallen-Kalender mittlerweile viele Acts, deren Repertoire keine Opus-Zahlen trägt, von ergrauten Barden wie Konstantin Wecker oder Angelo Branduardi bis zur Befindlichkeits-Dichterin Julia Engelmann. Ein Grund: der Ausfall des CCH, das für dieses Sortiment eine bewährte Abspielstätte war.

Der wichtigere aber: Die Klassik-Stars wissen zwar aus langjähriger Erfahrung, wie fein die Laeiszhalle für vieles ist. Sie wollen nun aber dann doch in die Elbphilharmonie. Dort ist das Ausverkauftsein sicherer als das Amen in ­Kirchen, dort kann man sich den Prestige-Vermerk „Elbphilharmonie“ im ­Lebenslauf erspielen. Manche Künstler vermerken mittlerweile schon ihr Elbphilharmonie-Debüt als „viel beachtet“ in ihren CD-Texten, bevor das Konzert überhaupt stattgefunden hat. In ist, wer drin war. Alles nicht verwerflich, aber dennoch ein Problem.

Haus für Kenner

Die Zahlen vom Laeiszhallen-Hausherrn Hamburg Musik sind eindeutig: In der Saison 2015/16 waren es 389.000 Besucher in 602 Veranstaltungen, 2017/18 kamen 328.000 zu 478 Terminen. Die Termin-Entlastung war stets Teil des Langzeitplans der Generalintendanz. Doch bislang sind keine frischen Profil-Impulse zu erkennen. „Die Laeiszhalle ist weiterhin das Konzerthaus, mit dem sich insbesondere viele der alteingesessenen Hamburger Musikfreunde am stärksten identifizieren. Es ist das Haus für Kenner und Liebhaber.“ Aus der Kulturbehörde heißt es: „Die ­Laeiszhalle wird weiterhin sehr gut ­angenommen und ist sehr gut ausgelastet.“

Die Philharmoniker werden bis auf Weiteres nur mit Bonus-Terminen im Kleinen Saal in der Laeiszhalle präsent sein. Dort hat man erkannt: „Zwei Konzerthäuser so unterschiedlicher Art in einer Stadt zu haben ist ein Privileg, das genutzt werden muss“, sagt Pressesprecher Hannes Rathjen. Ihr Standbein jedoch – schon, um nicht gegen das Residenzorchester vom NDR ins Hintertreffen zu geraten – bleibt im Großen Saal der Elbphilharmonie.

„Schwerpunktveränderung ist nicht geplant“

Der Kommentar von NDR-Klangkörpermanager Achim Dobschall zum Thema Laeiszhalle: „Sie ist nach wie vor ein attraktiver Konzertsaal mit einem ganz besonderen Charme.“ Doch es gab keine Angaben, ob man diesem Charme je wieder verfallen möchte.

Das Ensemble Resonanz, das seine erste Hamburger Adresse sehr bescheiden im Laeiszhallen-Souterrain hatte, hat sich erfolgreich hochgespielt und räumlich verändert. „Eine Schwerpunktveränderung ist nicht geplant“, erklärt ­Geschäftsführer Tobias Rempe. Er sagt aber auch, dass es „auf lange Sicht vielleicht wertvoll sein wird, eine größere Halle zu haben, deren Mietpreisstruktur es leichter macht, neue und mutige Programmideen zu präsentieren“.

Wenig überraschend: Die Symphoniker planen nicht nur ihre Abo-Konzerte in der Traditionsspielstätte, sondern auch musikvermittelnde Zusatzveranstaltungen, sind sie doch die Platzhirsche und konkurrenzlos präsent. „Die Attraktivität der Laeiszhalle ist nicht nur ungebrochen, sondern massiv gestiegen“, betont Pressesprecher Olaf Dittmann. „Es gilt, die seit weit mehr als 100 Jahren bewährte, von Künstlern weltweit anerkannte, freundliche, zugängliche Laeiszhalle nicht nur an Konzertabenden mit Leben zu füllen.“

Kombi-Programme bei passender Gelegenheit

Ob und was Hamburg Musik perspektivisch in und mit der Laeiszhalle vorhat, wird nicht verraten. Dafür seien Saison-Verkündigungen gedacht. So viel aber wird orakelt: „Große internationale ­Orchester wird es in der Laeiszhalle auf absehbare Zeit eher in Ausnahmefällen geben.“ Und Kombi-Angebote, also ein erstes Gastspiel im Neubau und ein zweites, mit angepasstem Programm, im Altbau? „Kann sich bei Gelegenheit ergeben“, erklärt Elbphilharmonie-Pressesprecher Tom R. Schulz. Vordringlichkeitsempfinden klänge anders. Zeichnet sich ein Orchester-Gastspiel ab, werde nicht aktiv versucht, es auf die Laeisz­hallen-Bühne zu bringen.

Pro Arte will sein Angebot in der ­Laeiszhalle tendenziell ausbauen (kein Wunder, da die Buchungsdichte in der Elbphilharmonie kaum noch Spiel-Räume und Einnahmemöglichkeiten bietet), passend zur Saalgröße, also eher kleinere Formate, sagt Geschäftsführer Burkhard Glashoff. „Bei unseren Porträt-Künstlern werden wir in Zukunft beide Hallen gleichwertig in die Konzertplanung einbeziehen. Für die Musikstadt Hamburg ist und bleibt die Laeiszhalle ein relevanter Ort. Ihre besonderen Qualitäten sind durch die Eröffnung der Elbphilharmonie erst richtig sicht- und hörbar geworden.“

In der Sommerpause fanden einige Sanierungsmaßnahmen in der Laeiszhalle statt, unter anderem auch am Dach. Ihr Markenkern wäre, unter der Devise „Zurück in die Zukunft“, eine nächste Baustelle.