Sprachforschung

Buchtipp: Warum Deutsch nicht zur Weltsprache taugte

Deutsch spricht keiner, aber Oktoberfest wird auch in den USA gefeiert

Deutsch spricht keiner, aber Oktoberfest wird auch in den USA gefeiert

Foto: dpa Picture-Alliance / Erik S. Lesser / picture alliance / dpa

Das kluge Sprachgeschichtsbuch „Letzter Schultag in Kaiser-Wilhelmsland“ untersucht eine verpasste internationale Karriere.

Hamburg.  Die Weltsprache ist Englisch, und ihr Triumph ist gnadenlos. Anglizismen fluten die anderen Sprachen der Welt. Durchaus vorstellbar, dass das Deutsche besonders aufnahmebereit ist, was ja erst einmal eine gute Sache zu sein scheint. Puristen sind oft borniert. Wäre da nicht halt doch der Verlust der eigenen Sprache zu beklagen. Und gleichzeitig die permanente Überschätzung des Englischen, seine Glorifizierung, wie sie heutzutage gar nicht so selten ist.

Wobei es in der Tat noch angehen kann, dass sich das Englische zum Beispiel nicht nur deshalb so wohl in der Popmusik fühlt, weil die Popmusik eine englische Erfindung ist, sondern auch, weil seine Elastizität so gut zur Musik passt, besser jedenfalls als andere Sprachen. Darüber hinaus wird oft behauptet, das Englische stelle so viele Wörter bereit, die den Punkt besser träfen als das Deutsche. Das stimmt insofern, als Vorgänge und Erfindungen heute international sind – da denkt man sich für eine Sache halt nicht unbedingt ein neues Wort aus. Aber warum man plötzlich im Deutschen „Impeachment“ statt „Amtsenthebungsverfahren“ sagen muss? Kann nur am kürzeren Wort liegen. Und dennoch sei gesagt: So gut wie niemand weiß, ob es für die ein oder andere Sache nicht doch ein slowenisches, norwegisches oder portugiesisches Wort gibt, das noch treffender oder wenigstens genauso treffend ist.

Zufälligerweise ist aber Englisch die Sprache, auf die sich schon lange alle geeinigt haben. Also wird sie belehnt, sei es, aus fadenscheinigen Coolness-Gründen oder eben nur deswegen, weil es die einzige Fremdsprache ist, die man nebenbei noch so (leidlich) spricht.

Der Erste Weltkrieg beendete die Deutsch-Expansion

Früher haben Sprachen mehr miteinander konkurriert. Das Französische versteht sich wahrscheinlich immer noch als Weltsprache, das Deutsche wäre es gern geworden. Davon berichtet Matthias Heines souverän geschriebene und prägnante Studie „Letzter Schultag in Kaiser-Wilhelmsland“, die zum einen eine Art Trauerbuch über die verpasste Weltkarriere des Deutschen ist. Zum anderen referiert es auf kundige Weise das, was der Untertitel verspricht: „Wie der Erste Weltkrieg die deutsche Sprache für immer veränderte“.

Heine, im Hauptberuf Kulturredakteur bei der „Welt“, zielt dabei aber nur nebenbei auf die Begriffe und Redewendungen ab, die der Krieg ins Deutsche brachte: „Grabenkrieg“ oder „Auf Tauchstation gehen“ zum Beispiel. Das Wesen Deutschlands war vor einem Jahrhundert militaristisch geprägt, das galt auch für die Sprache.

Hauptlinie der schlüssigen Argumentation Heines, sein Fluchtpunkt für die Geschichte der deutschen Sprache und ihrer (verhinderten) Ausbreitung ist jedoch die Grenze, die der Erste Weltkrieg setzte: Nach ihm war es vorbei mit dem Ansehen Deutschlands in der Welt. Die Welt wurde ihm feind.

Boykott der deutschen Sprache

Es gab groß angelegte Sprachtilgungen und Umbenennungen etwa in Amerika, wo die Germanophobie spätestens mit dem Kriegseintritt der Amerikaner grassierte. Normal war, dass aus einer „German Street“ in Cincinnati eine „English Street“ wurde. Der Boykott des Deutschen betraf auch die Umbenennung des englischen Königshauses (von Sachsen-Coburg-Gotha in Windsor), außerdem in ungleich größerem Maße die Wissenschaft, in der Deutsch Anfang des 20. Jahrhunderts führend war.

Auch die vorübergehend erfolgreichen Bemühungen, das Deutsche in den Kolonien zu einer Blüte zu verhelfen, starb mit dem vom Krieg erzwungenen Ende der überseeischen Projekte. Wo heute das Goethe-Institut in fremden Ländern das Interesse an deutscher Sprache und Kultur zu wecken versucht, war die Kolonialmacht Deutschland brachialer, wie überhaupt die Deutsch-Lobbyisten als Sprachnationalisten die politischen Expansionswünsche spiegelten. Der Deutschmelancholiker Heine vergisst nicht, die zwischen 1870 und 1914 vom chauvinistischen Furor befeuerten meist erfolgreichen Versuche, dem Deutschen das Französische auszutreiben. Erst seitdem sagt man „Fahrschein“, nicht „Billett“. Der deutsche Größenwahn, diese totale Übersteigerung des Nationalgefühls, die in den Nationalsozialismus münden sollte, kündigte sich damals heftig trompetend an.

Erster Weltkrieg machte Bemühungen um das Deutsche zunichte

Die Stärke dieses kleinen sprachgeschichtlichen Kompendiums liegt dennoch in der Engführung des Themas, dem strikten Blick auch auf die Idee, was hätte sein können. Wo Heine noch einmal mit Bitterkeit darauf verweist, dass es gerade Juden waren, die in Osteuropa als Sprachpfleger und Sachwalter des Deutschen auftraten, rückt er implizit immer das „Was wäre wenn“ in den Mittelpunkt, die alternative Geschichte, die eben nicht nur dem Deutschen, sondern auch den Deutschen und der ganzen Welt hätte beschieden sein können. Das Image und die Möglichkeiten Deutschlands litten unter dem Ersten Weltkrieg und dem aggressiven Streben nach dem Platz an der Sonne so sehr, dass all seine Expansionsbestrebungen, zu denen – und das macht dieses Buch deutlich – besonders die Ausbreitung der Sprache gehörte, zunichte gemacht wurden.

Ohne den Ersten kein Zweiter Weltkrieg, ohne Kriege länger bestehende Kolonien und damit beharrlich existierende deutsche Sprachinseln im Südwestpazifik oder in Afrika, oder eine deutschsprachige Literaturszene in Prag: Das sind interessante Gedankenspiele. Sie haben nichts mit Nationalismus oder Ethnozentrismus zu tun, aber vielleicht durchaus etwas mit Stolz auf die deutsche Sprache, sie ist eine der großen Kultursprachen der Welt. So wie das Englische, das dem Deutschen von der Ausbreitung her auch vor dem Ersten Weltkrieg bereits weit voraus war.

Matthias Heine: „Letzter Schultag im ­Kaiser-Wilhelmsland“, Hoffmann und ­Campe, 221 Seiten, 16 Euro