Ausstellungen

Masken erzählen in Hamburg vom Kolonialismus

Der Künstler Joe Sam-Essandoh
mit
einem Maskenobjekt

Foto: Sankofa Altona

Der Künstler Joe Sam-Essandoh mit einem Maskenobjekt

Im Altonaer Museum und im Ottenser Stadtteilarchiv laufen Ausstellungen, die die koloniale Vergangenheit Altonas thematisieren.

Hamburg.  Es gibt ein Kapitel in der Altonaer und damit Hamburger Geschichte, das ist unrühmlich und wird bis heute kaum thematisiert. Als Altona noch zu Dänemark gehörte, befand sich dort dessen zweitgrößter Hafen. Eine Reihe von Kaufleuten und Reedern, nach denen noch immer Hamburger Straßen benannt sind, zählten damals zu denen, die in den Handel mit sogenannten Kolonialwaren, also Zucker, Baumwolle, Tabak, Kakao, Gold, Silber, Kupfer, verwickelt waren.

Bekannte Männer wie Georg Friedrich Baur, Johann Daniel Lawaetz, Caspar Voght oder Georg Heinrich Sieveking waren "Menschenhändler, Profiteure oder Plantagenbesitzer", sagt die finnische Künstlerin Hannimari Jokinen, die sich seit 15 Jahren mit Hamburgs Kolonialgeschichte befasst und darüber intensiv geforscht hat.

Veranstaltungsreihe mit Lesungen

Vor 100 Jahren wurden die drei damals dänischen Jungferninseln in der Karibik an die USA verkauft. Zum Gedenken wird nun in einer Veranstaltungsreihe mit Lesungen, Kurzfilmen, Stadtrundgängen und zwei Ausstellungen im Altonaer Museum und im Ottenser Stadtteilarchiv der transatlantische Dreieckshandel mit versklavten Menschen zum Thema. Die neue Direktorin des Altonaer Museums, Anja Dauschek, findet, dass in ihrem Haus "das Thema der dänischen Kolonialgeschichte neu aufgerollt werden muss".

Dazu sind umfangreiche Recherchen notwendig: Welche Reeder involviert waren, welche Schiffe wen oder was transportierten – all das gilt es herauszufinden im Zuge der Erneuerung der Dauerausstellung, die seit Jahren fällig ist. In diese Richtung sei inzwischen ausführlich wissenschaftlich gearbeitet worden, sagt die Direktorin. Die Forschungsergebnisse könne man nicht ignorieren.

Johann Daniel Lawaetz beispielsweise hat von sehr armen Altonaer Arbeitern und Waisenkindern für einen Hungerlohn oder sogar in Zwangsarbeit Baumwolle und Wolle weben lassen. Darüber habe er 1815 in seinem Buch "Ueber die Sorge des Staates für seine Armen und Hilfsbedürftigen" geschrieben, berichtet Hannimari Jokinen.

Transatlantischer Dreieckshandel

Der transatlantische Dreieckshandel mit Baumwolle lief so: Die Baumwolle kam als Rohstoff aus der Karibik nach Altona, wurde dort von den Armen gesponnen, gewebt, auf den vielen Bleichwiesen gebleicht und bedruckt. Einen Teil dieser bunt bedruckten Baumwolle verschifften die Hamburger Kaufleute nach Westafrika und tauschten sie gegen versklavte Menschen ein. Diese wurden über den Atlantik verschleppt, um auf den zahlreichen Plantagen in Übersee neue Baumwolle zu ernten. Der Dreieckshandel mit Waren und Menschen wurde abgewickelt mit Schiffen wie denen, die jetzt als Modelle in der Ausstellung des Altonaer Museums stehen.

Der ghanaische Künstler Joe Sam-Essandoh nähert sich dem Thema darüber hinaus an diesem Ort auf künstlerische Weise. Seine ausdrucksstarken Maskenobjekte, die in einem abgedunkelten Raum aufgehängt und angestrahlt sind, sprechen eine deutliche Sprache. Sie sind kunstvoll aus Materialien gebaut, die mit der Kolonialgeschichte zu tun haben: Kupfer, Tropenholz, Stoffe, Zucker, Silber, Muscheln. Und sie erzählen schon durch ihre Machart Geschichten.

Eine Maske etwa hat Sam-Essandoh aus einer blechernen Milchkanne gefertigt – eine Anspielung auf die schwarzen Ammen, die den Kindern der weißen Herren ihre Milch geben mussten. Ein anderes Mal hat der Künstler westafrikanische Riesenbohnen verwendet, die über die Atlantikwellen bis heute an die Strände Amerikas geschwemmt werden. Diese Bohnen nehmen den gleichen Weg über den Atlantik wie einst versklavte Menschen aus Afrika. Anja Dauschek betrachtet die Masken-Installation "als Denkanstoß und als Hinweis, dass es hier etwas zu tun gibt. Da machen wir jetzt weiter".

Auch Arbeiten Eidelstedter Schüler

Auch die Ausstellung zu diesem Themenkomplex im Ottenser Stadtteilarchiv ist sehenswert – schon wegen der so schönen wie beziehungsreichen In­stallation "Translantic" der Künstlerin und Kuratorin Hannimari Jokinen, in der die Elbvillen einstiger Kolonialherren eine Rolle spielen. Auch Schüler der Stadtteilschule Eidelstedt zeigen hier ästhetisch und inhaltlich bemerkenswerte, vielgestaltige Arbeiten, die die anderen ausgestellten Werke sinnvoll und interessant ergänzen.

"Ahoobaa – den Ahninnen und Ahnen
gewidmet"
von Joe Sam-Essandoh, Altonaer Museum (S Altona), Museumstraße 23,
bis Ende 2017, Di-So 10.00-17.00,
Eintritt: 8,50/5,-
"Translantic" Ausstellung im Stadtteilarchiv Ottensen (S Altona), Zeißstraße 28, bis 20.8., Di, Mi 9.30-13.00, 14.00-16.30, Do 14.00-19.00, Eintritt frei; weitere Informationen über Veranstaltungen: www.sankofa-altona-vi.de

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.