Gastspiel

Elbphilharmonie: Grandioser Bruckner, ganz ohne Huster

Sir Simon Rattle

Foto: Imago

Sir Simon Rattle Foto: Imago

Sir Simon Rattle dirigierte das erste Gastspiel der Berliner Philharmoniker im Großen Saal der Elbphilharmonie.

Hamburg.  Es scheint ganz einfach zu sein, ganz selbstverständlich beinahe. Wieder einmal hat der Große Saal der Elbphilharmonie für ein besonderes Orchester eine seiner besonderen Ausnahmen ­gemacht. Er hat demonstriert, dass er trotz seiner heiklen Hellhörigkeit, die bei unsachgemäßer Behandlung von Noten mehr knallhart entlarvt als weichzeichnend vermischt, auch enorme Wärme und wohlfeile Brillanz ­ermöglichen und abbilden kann.

Am Sonntag gastierten die Berliner Philharmoniker und ihr Noch-Chefdirigent Sir Simon Rattle in Hamburg, als Referenzgröße für die hiesigen Notwendigkeiten und Möglichkeiten wurden sie mit Spannung erwartet. Und sie machten bei ihrem Debüt in diesem Raum mit souveräner Leichtigkeit alles richtig, was man auf diesem Präsentierteller richtig machen muss.

Avantgarde-Gruß aus der Küche

Für Simon Holts Orchester-Etüde „Surcos“, mit der das Konzert begann, passte Rattles Bezeichnung „Tapas“, denn diese Handvoll Minuten waren ­lediglich ein Avantgarde-Gruß aus der Küche, aparter Vorgeschmack auf das abendfüllende Hauptgericht: Bruckners Achte, ein Circus Maximus aus Weltschmerz und Pathos, in dem es deutlich wagnert und stellenweise wabert.

Viel mehr Bruckner an einem Abend geht kaum, als ein Stück Klang-Architektur, für das – wie beim Saal selbst – die edelsten Materialzutaten gerade gut genug sind. Dass Kent Nagano im Februar diese Symphonie im Großen Saal sehr ­demütig dirigiert hatte, machte das Schonwiederhören noch spannender.

Ordnender Blick aufs Ganze

Rattle, als Bruckner-Interpret weit weniger zurückhaltend als Nagano, gestaltete jeden der episch ausholenden Sätze wie ein detailverliebter Innenausstatter, der dabei, geduldig und mit ­sicherem Gespür fürs Timing, den ordnenden Blick aufs Ganze aber nicht vergisst. Mit den Berliner Philharmonikern hatte er die denkbar besten instrumentalvirtuosen Voraussetzungen, um nicht ins bloße, fade Polieren abzugleiten.

Von Eingewöhnungsschwierigkeiten der Berliner in die frische Hamburger Akustik war jedenfalls nichts zu hören. Stattdessen führten die Instrumentengruppen vor allem vor, wie exquisit sie sind. Soli, so edel, als wären sie auf der Goldwaage abgewogen. Zusammenspiel auf allerhöchstem Niveau. Viele vergaßen das Atmen, alle das Husten.

Energische Effizienz

Echte Anpassungsprobleme hätten auch sehr verwundert, schließlich kennt dieses Orchester jeden Top-Saal der Welt und hat seit mehr als einem halben Jahrhundert das Prinzip Weinberg-Saal tief in seiner Klang-DNA verankert. Der ­Gefühlsmittelpunkt der Elbphilharmonie, nach dem Berliner Vorbild geformt, ist mit seiner erlebnisakustisch gedachten Architektur ein naher Verwandter. Was sollte da noch schiefgehen?

Rattle konzentrierte sich also mit energischer Effizienz und durchaus ­zügigen Tempi auf die strahlende Großartigkeit der Partitur, weniger auf die existenzielle Brüchigkeit ihrer Bestandteile. Selbst in den finstersten Abgründen des dritten Satzes schimmerte noch tröstliche Zuversicht durch; das Finale war eine letzte, großartige Lektion über die Kunst, Höchstspannung aufzubauen und effektvoll zu entladen.

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