Filmfestspiele

Christiane Pauls Liebeserklärung an die Berlinale

Berlinale-Profis:
Die Schauspielerin Christiane Paul (42) hat die Fotografenmeute gelassen im Griff

Berlinale-Profis: Die Schauspielerin Christiane Paul (42) hat die Fotografenmeute gelassen im Griff

Foto: picture alliance

Heute beginnen die Filmfestspiele. Zum Start erinnert sich die Schauspielerin an ihre schönsten Erlebnisse. Ein Gastbeitrag.

Hamburg.  Die Berlinale – das ist Großkampfzeit. Eine tolle, wunderbare, auch verrückte Zeit. In der du außer­gewöhnliche Filme sehen kannst, die vielleicht nie regulär ins Kino kommen. Und wo du ständig lauter Menschen aus der gesamten Filmbranche triffst. Aber das Ganze ist auch mit totaler Hektik verbunden. Empfänge, Veranstaltungen, sodass man manchmal gar nicht dazu kommt, ins Kino zu gehen. Dann die große Mitgliederversammlung der Filmakademie: Da bist du Sonnabendnacht ewig lang unterwegs und musst am Sonntagfrüh zum Sektionstreffen, das kann regelrecht in Stress ausarten. Das darf man aber eigentlich niemandem ­sagen. Es ist ja doch ein großes Privileg, da hinzudürfen, das ist nicht selbstverständlich.

In den letzten drei Jahren habe ich während der Berlinale leider immer ­gedreht, sodass ich das Festival gar nicht richtig mitbekommen habe. In diesem Jahr aber habe ich frei und werde diesen Luxus genießen. Ganz früher stand ich immer schon frühmorgens um sieben in der langen Schlange vor den Ticketcountern. Ich traf mich da immer mit Martin Eigler, dem Regisseur, der unter anderem „Morgen hör ich auf“ inszeniert hat, ich stand da immer schon, weil ich ein Frühaufsteher bin, mit Kaffee für uns beide, und dann haben wir die Berlinale miteinander verbracht. Das schaffen wir heute nicht mehr, aber als kleines Ritual treffen wir uns immer einmal während des Festivals.

Immer an etwas zu essen denken

Früher hat man das alles aber auch noch ganz anders wegstecken können. Inzwischen bin ich etwas vorsichtiger geworden, um diese Zeit durchzustehen, ohne krank zu werden. Ich diszipliniere mich tatsächlich. Ich versuche ­etwa, möglichst keinen Alkohol zu trinken und immer einen warmen Mantel dabei zu haben. Lieber dick eingepackt, auch wenn das nicht so gut aussieht, aber dafür nicht frieren.

Und ganz wichtig: Immer an etwas zu essen denken. Ich war mal bei einer Berlinale-Vorführung völlig ausgehungert, da hat mir der Weltkino-Verleiher von Werner Herzog seine Erdnüsse überlassen. Er hat mir später dann die Werner-Herzog-DVD-Edition geschickt und noch mal ein Päckchen Nüsse dazu gepackt: „Falls noch mal der Hunger kommt“. Das fand ich ziemlich lieb. Seither habe ich immer eine Packung Mandeln in der Handtasche. Nicht nur zur Berlinale. Auch sonst. Mandeln sind gesund und gehaltvoll, das kann ich nur empfehlen. Ansonsten muss man sich von dem Gedanken, sich auf der Berlinale gut zu ernähren, einfach verabschieden. Da muss man abends auch mal eine Currywurst an einer Imbiss­bude essen, das gehört dazu. Und das liebe ich.

Ganz außergewöhnlich und unbeschreiblich ist es natürlich, mit einem Film im Wettbewerb vertreten zu sein. Ich hatte das mit „Das Leben ist eine Baustelle“, das ist tatsächlich schon 20 Jahre her! Ich war da damals noch ganz jung und wahnsinnig aufgeregt. Und hatte keine Ahnung, was da alles auf mich zukommen sollte. Der damalige Presseagent, Wolfgang W. Werner, hat mir geraten, ein Hotelzimmer zu nehmen, er meinte, ich käme zwischen der Pressekonferenz morgens und der Filmpremiere abends nicht mehr nach Hause. Ich habe das in den Wind geschlagen, aber natürlich kam ich nicht mehr nach Hause. Und er hat mir angeboten, mich kurz in seinem Zimmer umzuziehen. Und so steht man plötzlich in einem fremden Hotelbadezimmer. Zum eigentlichen Abend kann ich heute gar nicht mehr sagen, wie das war.

Der rote Teppich und alles, das war wie ein Rausch, der an mir vorbeigezogen ist. Wie der Film gelaufen ist und wie das Publikum reagiert hat, kann ich beim besten Willen nicht mehr sagen. Das ist eine absolute Ausnahmesituation. Jetzt bin ich ja etwas älter und weiß: Man muss solche Momente ganz bewusst erleben. Weil sie so schnell vorbei sind. Und weil man einfach nicht so viele Gelegenheiten hat, um so etwas zu erleben. Bei der Emmy-Verleihung letztes Jahr ist es mir etwas besser gelungen. Aber damals war ich einfach noch zu jung und unerfahren.

Hamburger Schauspieler grüßen die Hauptstadt:

„Die große Freiheit hat mich fertig gemacht“
Die große Freiheit hat mich fertig gemacht, ich bin ein Wrack

Einmal war ich in der Jury von ­Amnesty International, das war eine ganz andere, sehr bereichernde Erfahrung. Das waren natürlich alles Filme mit Amnesty-Themen, zum Teil sehr heftig und kaum auszuhalten. Darüber konntest du dich dann mit den anderen Juroren austauschen, die aus ganz anderen Bereichen kamen und denen du sonst nie begegnet wärst.

Ich erinnere mich an die Jahre, wo ich einfach nur Filme sehen konnte. In Spitzenzeiten habe ich es auf drei bis vier Filme pro Tag geschafft, heute bin ich froh, wenn ich zwei, drei insgesamt sehen kann. Denn es ist ja auch ein ­berufliches Parkett, auf dem man sich bewegt. Man trifft lauter Menschen, die man lange nicht gesehen hat.

Dieter Kosslick und sein schwarzer Humor

Und dann, natürlich, ist da noch der rote Teppich. Es gibt bestimmt Leute, die sagen, dass sie nur ins Kino wollen und dass der rote Teppich nicht so ihres ist. Ich sehe das anders. Ich muss nicht, ich darf über den roten Teppich. Das ist einfach ein Teil meines Berufs, es ist auch ein Privileg, und es macht Spaß. Du bist da plötzlich für einen Moment ein Teil von diesem Ganzen.

Klar, es ist nicht gerade die ideale Zeit im Februar, um im Abendkleid über den Teppich zu laufen. Aber wie sieht Festival-Direktor Dieter Kosslick das mit seinem schwarzem Humor: Wir profitieren vom Klimawandel.

Familie kommt zu kurz

Was allerdings wirklich zu kurz kommt während der Berlinale, das ist die Familie. Die wird bei mir ausgelagert. Leider sind wir da in diesem Jahr im Rhythmus falsch. Sonst sind ja ­immer Winterferien, da kann man die Kinder gut in Urlaub schicken. Diesmal bleibt mir nur die Devise: Ich bin nicht da, ich bin nicht ansprechbar. Zumindest die ersten drei, vier Tage nicht. Aber meine Familie kennt das ja schon von mir. Ich hoffe, es ist mir da keiner wirklich böse. Sonst könnte ich das wohl ­alles gar nicht wahrnehmen. Und nicht genießen.