Uraufführung

Frau Spieß probt im Schmidt Theater den Rollentausch

Mag’s bunt: Schauspielerin Carolin Spieß (46) fährt oft per Fahrrad ins
Schmidt, das mit dem Tivoli seit 2001 künstlerische Heimat ist

Mag’s bunt: Schauspielerin Carolin Spieß (46) fährt oft per Fahrrad ins Schmidt, das mit dem Tivoli seit 2001 künstlerische Heimat ist

Foto: Markus Richter

Hamburgerin Carolin Spieß inszeniert neues Schlager-Musical „Cindy Reller“. Geschichte spielt in einer Tierhandlung auf St. Pauli.

Hamburg.  Seinen Geburtstag im Theater zu verbringen kann richtig schön sein – vor allem für Besucher. Für Schauspieler gehört es mehr oder minder zur Routine. Auch Carolin Spieß kennt das. An diesem August-Tag, an dem im Schmidt Theater erstmals das Schlager-Musical „Cindy Reller“ präsentiert wird, sticht sie nicht nur wegen ihres farblich hübschen Sommerkleids hervor. Carolin Spieß hält bei „Cindy Reller“, das am 15. September seine Uraufführung feiert, auch die Fäden in der Hand. Die 46-Jährige hat die Regie im Stück von Martin Lingnau und Heiko Wohlgemuth, bei dem Assoziationen zu „Cinderella“ naheliegen – mit dem Unterschied, dass die Geschichte vom lebensfrohen Aschenputtel im Schmidt in der Gegenwart spielt, in einer kleinen Tierhandlung auf St. Pauli.

Dass Carolin Spieß das Stück inszeniert, ist auch insofern kurios, als sie 2009 mit dem musikalischen Weihnachtsmärchen „Cinderella“ im Winterhuder Fährhaus ihr Regiedebüt gegeben hat. „Cindy Reller“ indes soll ein Stück für Erwachsene sein, gehalten im typisch frechen schmidtschen Stil.

In „Heiße Ecke“ spielte sie zehn Jahre lang die Hannelore

Jenen hat sie selbst in zahlreichen Hausproduktionen der Unterhaltungstheater Schmidt und Schmidts Tivoli verkörpert. Angefangen von „Pension Schmidt“-Folgen, der „Villa Sonnenschein“ bis zum Dauerbrenner „Heiße Ecke“, in dem sie seit der Uraufführung 2003 fast zehn Jahre lang als Imbisswirtin Hannelore ihren Senf dazugab. Noch beeindruckender agiert Carolin Spieß indes seit 2013 in der schrägen musikalischen Komödie „Die Königs vom Kiez“ an der Seite ihres Kollegen Götz Fuhrmann: Als liebestolle Nachbarin Berta gibt sie darin dem Begriff „Rampensau“ eine großartige (sau)komische Note.

Bei „Cindy Reller“ vollzieht die Darstellerin nun gleich einen doppelten Rollentausch: Sie darf nicht nur Regie, sie muss auch Schmidt-Hausherr Corny Littmann führen, der die Erfolgsproduktion „Die Königs vom Kiez“ inszeniert hat. Littmann spielt in „Cindy Reller“ den Werbemogul und cholerischen Vater Edelbert, dessen Sohn sich nach dem Glück mit der schlagerseligen Cindy sehnt. Probleme scheint die neue Bühnenkonstellation Spieß–Littmann kaum zu bereiten. „Corny ist ein großer Komiker“, sagt Carolin. „Ich habe von ihm viel gelernt in Sachen Timing, wie man Pointen platziert, aber auch in Sachen Dramaturgie sowie Umbauten ...“

Denn: Spieß, die zur Regie über die „Learning by doing“-Methode kam, ist auch im Schmidt längst keine Inszenierungs-Novizin mehr. 2011 brachte die ausgebildete Schauspielerin – damals hochschwanger – „Räuber Hotzenplotz“ auf die Bühne, 2012 folgten „Es war einmal – 7 Märchen auf einen Streich“ und 2014 „Der kleine Störtebeker“. Für das im Schmidt zweimal wiederaufgenommene fantasievolle und sehr unterhaltsame Familien-Musical über die (fiktive) Kindheit und Jugend des legendären Piraten wurde Carolin Spieß beim Deutschen Musical Theater Preis 2015 in der Kategorie „Beste Regie“ nominiert.

Zwar hat sie zuletzt schon das Kiez-Stück „Komma rein hier!“ für Erwachsene inszeniert, das war jedoch „nur“ ein Solo von und mit Torsten Hammann im Schmidtchen. Jetzt aber hat sie außer Littmann noch fünf weitere Darsteller zu führen, singende Tierpuppen und 20 neue Schlagerkompositionen Martin Lingnaus unter einen Hut zu bringen. Wie das geht? „Im Zweifel gucke ich, was die Geschichte noch braucht“, sagt Carolin Spieß. Dann fragt sie sich: „Ist die Handlung eines Charakters nachvollziehbar?“ Bei „Cindy Reller“ heißt das etwa: Ist es glaubhaft, wenn der Sohn sich um seinen jähzornigen Vater Edelbert sorgt, weil der Werbemacher von Insolvenz bedroht ist? Carolin Spieß nennt das „eine Spur legen“, und das versuche sie für jede der Figuren.

Spuren hat die Mutter eines fast fünf Jahre alten Sohnes auch außerhalb des Schmidt-Imperiums hinterlassen. Jüngst lief eine Staffel der ARD-Telenovela „Rote Rosen“ mit ihr, in „Der Dicke“, „Neues aus Büttenwarder“, „Notruf Hafenkante“ sowie beim ZDF-Kommissar „Stubbe“ war sie ebenfalls im Fernsehen zu sehen, zudem in der Kinokomödie „Kein Sex ist auch keine Lösung“. Und in der Kinderbuchverfilmung „Die kleine Hexe“, Drehbeginn ist im Oktober, spielt sie eine Sumpfhexe.

Carolin Spieß, in Hannover geboren, in Ahrensburg aufgewachsen, aber „gefühlt waschechte Hamburgerin“, bleibt eben eine Frau für viele Rollen. Sogar in „Cindy Reller“: Dort ist die Regisseurin jetzt auch als Zweitbesetzung für die Rolle der Renate Reller-Rochen vorgesehen – als böse Stiefmutter.

„Cindy Reller“ UA Do 15.9., 20.00 (ausverk.), dann Sa 17.9., 20.00, bis 8.1.2017, Schmidt (U St. Pauli), Spielbudenplatz 24/25, Karten zu 17,40 bis 63,-: T. 31 77 88 99; www.tivoli.de