Hamburg

Pop-Duo Schnipo Schranke ist der neue Liebling der Szene

Schnipo Schranke
besteht aus der
gelernten Cellistin
Daniela Reis (Lockenkopf)
und der
Blockflötistin Fritzi
Ernst

Schnipo Schranke besteht aus der gelernten Cellistin Daniela Reis (Lockenkopf) und der Blockflötistin Fritzi Ernst

Foto: Jenny Schaefer

Das Hamburger Duo hat mit „Satt“ gerade sein Debütalbum veröffentlicht, in dem es vor allem um Liebe und Sex geht.

Hamburg.  Im Hip-Hop gehört es zum guten Ton, sich im Song selbst zu behaupten. Gerne zählen die Rapper dann Statussymbole auf, die sie dank ihrer Reimkünste anhäufen konnten. Jenseits vom simplen „mein Haus, mein Boot, mein Auto“-Geprotze machen jetzt zwei Frauen aus Hamburg aufs Schönste und Skurrilste einen auf dicke Hose. Schnipo Schranke heißt das Pop-Duo, Kurzform für Schnitzel Pommes rot-weiß. Fritzi Ernst und Daniela Reis sind nicht nur in kürzester Zeit zu Szenelieblingen avanciert, sondern werden derzeit auch von ARD bis arte von den Medien geherzt.

Ihr Debütalbum „Satt“ erschien soeben bei der Hamburger Plattenfirma Buback Tonträger, Heimat von Künstlern wie Jan Delay und Die Goldenen Zitronen. Ein Zuhause also für Menschen mit Haltung. Die besteht bei Schnipo Schranke vor allem darin, sich weder den Mund noch die eigene Wurschtigkeit verbieten zu lassen. Und das wirkt in Zeiten angst-besetzten Anpassungswillens wie ein erfrischender Schlag in die Magengrube.

„Das ist die neue Schule / das ist Schnipo Schranke / ne Kurze und ne Kranke / zwei Peanuts ein Gedanke / wir spielen nicht zum Mitwippen / wir brauchen Kohle für Kippen“, proklamieren sie sprechsingend in ihrem „Schnipo Song“. Naiver Größenwahn in Piano-Popsongs, die so eingängig quengeln, dass sie die nächste Revolution ebenso beschallen könnten wie einen Kindergeburtstag. Wären da nicht die Texte. Die handeln von Liebe und Sex. Von dem, was untenrum passiert. Und im Kopf. Da wird in „Herzinfarkt“ zum Beispiel das Schamhaar des Angebeteten besungen. „Gute Reise“ wiederum ist eine Ode an die Monatshygiene.

Wer genauer hinhört, merkt allerdings, dass das Explizite kein Selbstzweck ist, sondern dass da zwei Menschen das Leben, die Peinlichkeiten und den Herzschmerz mit Humor und Fantasie zu nehmen versuchen. Mit einer Lyrik, die irgendwo zwischen der „Bravo“ und Udo Jürgens die Ausfahrt Richtung Eigensinn genommen hat.

Als „frech“ werden jene gerne bezeichnet, die die Dinge – und Geschlechtsteile – beim Namen nennen. Das ging Charlotte Roche mit ihrem Roman „Feuchtgebiete“ nicht anders. Doch wer Fritzi Ernst und Daniela Reis trifft, hat keineswegs den Eindruck, den Provokateurinnen vom Dienst zu begegnen. Im Gegenteil.

Die Musikerinnen, beide Ende der 80er-Jahre geboren, sind ziemlich lustig. Ziemlich nachdenklich. Und sehr freiheitsliebend. Beim Interview im Buback-Büro erzählen sie, wie sie sich an der Musikhochschule in Frankfurt kennenlernten, um alsbald festzustellen, dass das enge Korsett der Virtuosenausbildung so gar nicht ihrer Vorstellung von Kunst entsprach.

„Ich hatte ein totales Existenzloch. Ich dachte immer, ich werde klassische Cellistin. Und plötzlich wusste ich: Es wird nicht funktionieren“, erzählt Daniela Reis. Eine dünne Type ist sie, das lockige Haar kurz, die Klamotte schlabbrig. Beide strahlen eine angenehme Uneitelkeit aus. Popstars ohne Photoshop. Mädchen, mit denen man Mofas stehlen möchte. Fritzi Ernst – lange Haare, offener Blick – hätte nach ihrem Studium der Blockflöte Musiklehrerin werden können. Doch das fühlte sich nicht richtig an.

Vor der Kunst allerdings, da lag die Langeweile. Das Durchhängen und TV-Glotzen. Bis zu der Erkenntnis: „Entweder, wir verkiffen unser Leben, oder wir fangen etwas an, was richtig krass geil ist“, erzählt Reis. Die Entscheidung fiel auf: Popstar werden.

Die beiden schotteten sich ab und entdeckten die Subkultur für sich, indem sie sie selbst erschufen. Ohne Szene­einflüsse von außen. „Wir kannten die ganzen jungen Bands nicht. Wir kannten die Hamburger Schule nicht. Wenn ich mit zwölf schon etwas von den Goldenen Zitronen gewusst hätte, wäre mein Werdegang ganz anders gewesen. Aber wahrscheinlich wäre es dann nicht so hübsch geworden, wie es jetzt ist, weil man sich viel zu stark hätte beeinflussen lassen“, erzählt Reis.

„Wir haben unseren eigenen Kosmos entwickelt, indem wir uns selbst zu Künstlern erheben“, sagt Ernst. Ein Do-it-yourself-Geist, der der Ursprungsidee von Punk schon recht nahe kommt. Und der doch ganz anders ist, weil er in einem anderen Jahrtausend spielt. In einer Zeit, in der Fernsehformate wie „Popstars“ alle naselang neue Helden küren. „Seit ich im Kindergarten war, habe ich gesagt: Mama, ich werde mal berühmt und kaufe dir eine Villa“, erzählt Reis, lacht und ergänzt: „Jetzt merke ich, dass ,Fame‘ als Lebensziel natürlich Unsinn ist.“

Mit einer Mischung aus Utopie und Leidenschaft, Willen und Gelassenheit betreiben die beiden ihre Kunst. Halb überrascht, halb beglückt erzählen sie von dem erfüllenden Gefühl, sich auszudrücken. Eine starke Symbiose in Sprache und Schrullen ist da zu spüren, die ohne Vertrauen nicht funktionieren würde. Und die wohldurchdacht ist. „Als es aufs Album zuging, haben wir jede Zeile gecheckt und geguckt, dass nichts willkürlich ist“, erzählt Daniela Reis. So entstanden akzentuierte Verse wie: „Nimm meine Hand / nimm mich an der Wand“.

„Ich finde, dass wir eine Sprache benutzen, die relativ normal ist. Wenn man mit seinen Freunden abends weg geht, redet man ja auch so“, sagt Reis. Schnipo Schranke möchte keineswegs den Tabubruch herbeisingen, sondern das Leben schlichtweg nicht in standardisiert schöner Poesie verklausulieren. Da heißt ein Song über abgelehnte Liebe eben „Pisse“. Und in einem Lied wie „Schrank“ wird eine Romanze mit einem Psychothriller gekreuzt.

„Wir versuchen, alles so echt wie möglich auszudrücken“, sagt Reis. Frei nach dem Prinzip des Pop, Komplexes möglichst simpel auf den Punkt zu bringen. Kunst ist für Schnipo Schranke Schutz- und Lebensraum für Wachstum. Und als Biotop dafür haben Reis und Ernst Hamburg auserkoren.

„Wir wussten, dass wir hier verstanden werden“, sagt Reis. Rocko Schamoni hörte das Demo und zählt seitdem ebenso zu den Schnipo-Förderern wie Frank Spilker von Die Sterne. Ted Gaier von den Goldenen Zitronen wiederum hat das Album produziert. „Die Menschen in Hamburg sind unglaublich aufrichtig und herzlich“, sagt Reis. „Wir sind glücklich hier.“ Kein ganz schlechter Start.

Schnipo Schranke „Satt“ (Buback Tonträger), live: Fr 4.12., Uebel & Gefährlich