Pop aus Hamburg

Duo Joco: Der Soundtrack zur Schwesternliebe

Die Schwestern
Cosima (l.) und
Josepha Carl bilden
das Popduo Joco

Die Schwestern Cosima (l.) und Josepha Carl bilden das Popduo Joco

Foto: Sony Music

Hamburger Duo Joco hat mit „Horizon“ ein wundervolles Debütalbum herausgebracht. Und spielt Anfang Juli beim Daughterville Festival.

Hamburg. Da sind diese Stimmen, die so transparent klingen, als verwirbelten sich zwei Luftströme zu einem. Die sich spielerisch abwechseln, als flöge der Klang wie ein Federball hin und her. Die Musik des jungen Hamburger Duos Joco, das jetzt sein wundervolles Debütalbum „Horizon“ veröffentlicht hat, ist durchdrungen von tiefer Harmonie. Von einem blinden Vertrauen, wie es wohl nur entstehen kann, wenn zwei Menschen zusammen aufgewachsen sind.

Die Schwestern Josepha und Cosima Carl sitzen vor dem kleinen Café Mikkels in Ottensen, am weiß gebeizten Holztisch mit gelben Blumen dar­auf. Zwei Frauen, die eine gewisse Zeitlosigkeit ausstrahlen. Die in einem Jungmädchen-Pferdefilm ebenso mitspielen könnten wie in einem mondänen New Yorker Drama. Zwei unterschiedliche Persönlichkeiten, doch ihre Symbiose scheint im Gespräch immer wieder durch. Und entfaltet sich im kammermusikalischen Folk-Pop.

„Zweistimmiger Gesang gehört zu unseren Lieblingsbeschäftigungen. Es macht Spaß, neue Figuren zu erschaffen und nicht bloß die eine Stimme eine Terz unter die andere zu legen“, sagt Cosima, mit 28 Jahren die Ältere von beiden. Und ihre vier Jahre jüngere Schwester Josepha ergänzt: „Wir sind beide Front-Sängerinnen.“

Joco ist ein gleichberechtigtes Projekt. Es ist nicht die eine der Star und die andere die Steigbügelhalterin. Eine demokratische Poesie, die auch in dem elegischen Lied „We Draw A Line“ zum Ausdruck kommt. „Der Song hat tatsächlich mit zwei Linien angefangen, die ich auf ein Blatt Papier gemalt habe“, erzählt Cosima. Kraftvolle Bilder wie dieses hat Cosima ein ums andere Mal auch beim Singen vor Augen. Farben sieht sie dann. Oder fühlt sich in eine nebelige Stimmung hinein. Ein instinktiver Zugang zur Musik, der bereits in jungen Jahren geprägt wurde.

„Unseren Eltern war es megawichtig, dass wir mit Musik aufwachsen“, erzählt Cosima. Ihre frühe Kindheit verbrachten die Schwestern in Kiel, dann zog die Familie, zu der noch zwei Brüder gehören, ins ostfriesische Moormerland in der Nähe von Leer. Jedes Kind sollte sein Instrument finden, weshalb die Eltern zu Hause eine Auswahl wie in einem Musikladen versammelten. Josepha spielte zunächst Flöte, entschied sich dann mit neun Jahren aber für Saxofon. „Sie hat tatsächlich an ihren Fingern gezogen, damit die länger werden“, erinnert sich Cosima und lacht. Sie selbst wählte das Piano. „Eigentlich waren wir fast jeden Tag an der Musikschule“, erinnert sich Josepha. Wenn die Schwestern erzählen, wie sie in der Wohnstube alle gemeinsam musiziert haben, klingt das wie in einem alten schönen Film.

Zwar erfüllte sich der Traum der Mutter von einer Familienband nicht. Doch Josepha und Cosima wählten den professionellen Weg und studierten am Artez-Konservatorium in Enschede. Und während sie sich in verschiedenen Bands von Garagenpunk über Jazz bis Reggae ausprobierten, wurde ihnen nach und nach bewusst: So intuitiv wie mit der eigenen Schwester lässt es sich mit niemand anderem musizieren. „Wir merken erst jetzt so richtig wie wertvoll das ist, so krass aufeinander eingespielt zu sein“, sagt Cosima. Und Josepha schiebt hinterher: „Wir können uns komplett aufeinander verlassen.“ Auch, als ihre künstlerische Zukunft auf eine harte Probe gestellt wird.

Vor zwei Jahren, als die beiden gerade beschlossen hatten, mit Joco so richtig durchzustarten, hatte Josepha einen Fahrradunfall. „Das ist das Schlimmste, was uns bisher passiert ist. Ihr Kiefer hing irgendwo im Rachen. Sie lag in einer Lache aus Blut, und ich habe ihre Zähne von der Straße aufgesammelt“, erinnert sich Cosima. Ein Horror, erst recht für eine Sängerin. Diese Erfahrung verarbeiteten sie in „Bleeding“, eine fragile Akustiknummer, die etwas Heilendes hat.

Als es Josepha besser ging, verfolgte das Duo seinen Traum weiter. Damals befanden sich die Schwestern gerade zwischen zwei Blöcken des Hamburger Popkurses, den sie so bravourös beendeten, dass sich die Professoren Peter Weihe und Anselm Kluge für Joco einsetzten. „Anselm Kluge und Peter Weihe haben uns darin bestärkt, uns zu zweit ohne Band auszuprobieren“, erzählt Josepha begeistert. Cosima fügt hinzu: „Der Popkurs war für uns ein Wachrütteln. Deswegen sind wir nach Hamburg gezogen. Und das fühlt sich hier genau richtig an für uns.“

Über Kluge entstand der Kontakt zum Produzenten Steve Orchard, der mit U2, Björk, Coldplay und Paul McCartney gearbeitet hat. Mit ihm spielte Joco in nur zwei Tagen, nach akribischer Vorbereitung, das Debütalbum „Horizon“ ein. Und zwar in den legendären Abbey Road Studios in London. Ein magischer Raum, an dem die Songs von Joco groß werden konnten. „Dort gibt es diese warme Atmosphäre“, sagt Josepha. „Als könnte man spüren, dass dort schon viele coole Sachen entstanden sind“, ergänzt Cosima. Wenn die beiden von diesem geschichtsträchtigen Studio erzählen, wird ihre Begeisterung für Klang, für Technik und Ins­trumente greifbar. „Das ist da groß wie eine Turnhalle. Und alles stand fertig mikrofoniert da“, sagt Josepha. Eine Spielwiese aus Steinway, Wurlitzer, Rhodes sowie dem Celesta-Piano, das die Beatles einst für ihre Hits nutzten.

Doch auch in Hamburg haben sie ein künstlerisches Zuhause gefunden, im Frauenmusikzentrum in Ottensen, wo sie komponieren und proben können. Josepha schlagwerkend, Cosima an Gitarre und Piano, beide singend. So wie sie es in „Over The Horizon“ tun. Ein Song, den sie für ihren Großvater geschrieben haben, nachdem er gestorben ist. „Wir haben direkt mitbekommen, wie der Geist aus seinem Körper gegangen ist“, erzählt Cosima. Das hätte bei all der Trauer auch etwas Positives in sich gehabt, sagt Josepha. „Es hat sich grundsätzlich richtig angefühlt, nicht festzuhalten.“ Eine innere Freiheit, die die Songs von Joco beflügelt. Fliegen tun sie dann von ganz allein.

Joco „Horizon“ (Sony Music)Live: 4.7., Daughterville Festival, Wilhelmsburg