Musik

Die Frau, die Hamburgs Pop geprägt hat

Retrofuturistischer Rock’n’Roll: Peta Devlin vom Trio Mars Needs Women, startklar in Planten un Blomen

Retrofuturistischer Rock’n’Roll: Peta Devlin vom Trio Mars Needs Women, startklar in Planten un Blomen

Foto: Pressebild.de/Bertold Fabricius

Musikerin und Produzentin Peta Devlin, einst Mitglied bei Die Braut Haut Ins Auge, legt mit Mars Needs Women eine tolle Rock’n’Roll-Platte vor.

Hamburg.  Es gibt Stimmen, denen ist die Liebe zur Musik deutlich anzuhören. Der von Peta Devlin definitiv. Glitzernd ihr Popgesang. Wild das Rock’n’Roll-Rufen. Satt der Soul-Schmelz. Dringlich und cool kann sie klingen, Wärme und Witz kann sie in ihr Timbre legen. Und mit eben dieser Stimme erzählt Peta Devlin im Café Panter in der Marktstraße, wie es die gebürtige Britin einst mit 18 von London nach Hamburg zog. Und wie sie sich an der Elbe immer mehr und neu vernetzte. Denn, so viel steht fest: Kaum eine Frau hat die hiesige Pop-szene so stark und schön geprägt wie die Musikerin und Produzentin.

Zum Interview erscheint Peta Devlin mit zum Turm toupiertem Haar. Passend zum Stil ihrer neuen Band Mars Needs Women, die ihr so eben erschienenes Debütalbum am 19. März im Hafenklang präsentiert. Doch dazu später mehr. Zunächst geht es zurück ins England der ausgehenden 1980er-Jahre. „Für junge Leute, die gerade die Schule verließen, sah die Situation damals nicht rosig aus. Die Welt auf der Insel erschien mir sehr klein“, erzählt Devlin. Der Zungenschlag ihrer Herkunft ist noch in charmanten Nuancen hörbar. Einen Au-pair-Job in Hamburg nutzte sie zur Flucht aus der heimischen Enge. Doch ihre wahre Berufung fand sie mitten im Herzen der Stadt. Als Straßenmusikerin. Hauptsächlich in der Mönckebergstraße und der Spitaler Straße. „Das war sehr anders als jetzt. Es gab eine aufregende Straßenmusikszene mit sehr guten Musikern. Zum Beispiel mit Abi Wallenstein“, erinnert sich Devlin. Ein Pool an Talenten, die sich mittags trafen, sich zu immer neuen Bands formierten und Rock’n’Roll-Klassiker sowie Country-Songs zu Gehör brachten.

„Das war super. Viele Leuten blieben stehen. Die Stadt kam einem vor, als ob sie uns gehörte.“ Ein musikalisches Miteinander, in dem Devlin zahlreiche Protagonisten der so genannten Hamburger Schule kennenlernte. So auch Bernadette Hengst, mit der sie bis 1999 in der wegweisenden Popband Die Braut Haut Ins Auge spielen sollte. „Es hat sofort Peng gemacht. Wir waren beide Blondinen, die wussten, was sie wollten“, sagt Devlin. In nur zwei Wochen lernte Devlin Bass spielen für ihr erstes Konzert mit der Braut. Ausprobieren. Auftreten. Alles machen können. Solch ein ungestümer Geist war selten in der Musikszene. Wenn er von Frauen kam. Ein Grund, weshalb die Band gerne von Frauenhäusern und zu Mädchenprojektwochen eingeladen wurde. Ein zweischneidiges Schwert.

„Wenn sich das anbot, haben wir dort gespielt, klar. Aber wir haben damals schon ein Selbstverständnis angestrebt, das die Musik in den Vordergrund stellt“, erzählt Devlin. Dass da Frauen die Instrumente bedienen, sollte nicht die Hauptattraktion, die große Überraschung sein. Schließlich seien männliche Kollegen auch nicht ständig gefragt worden: „Wie ist es denn so, in einer Männerband zu sein?“

Zu sehr Vollblutmusikerinnen, um Vorzeige-Feministinnen zu sein. Zu poppige Songs, um zum Diskursrock der Hamburger-Schule-Bands zu passen. Sich zu positionieren, sei nicht einfach gewesen, erinnert sich Devlin.

Doch gerade dieses Ausloten, das Machen und Weitermachen, das Wilde und Verspielte hat die Bräute zu tollen Rollenvorbildern für all jene gemacht, die nicht nur brave Mädchen sein wollten. „Viele Frauen um die Mitte 30 sagen heute: Ihr wart für uns wichtig, ihr wart für uns eine Kultband. Das ist ein Riesenkompliment. Dann war vieles, was wir gemacht haben, vielleicht doch richtig“, sagt sie rückblickend.

Was Peta Devlin auszeichnet, ist eine aufrichtige Neugierde. Ob sie nun bei der Band Oma Hans dem Punk gefrönt hat. Ob sie sich in der Formation Cow der Liebe zum Country widmete. Ob sie mit Ärzte-Schlagzeuger Bela B. den Blues und Rockabilly erkundete. Oder ob sie im Soundgarden-Studio von Produzent Chris von Rautenkranz ihr Know-how in Tontechnik verfeinerte. „Ich bin ein Gadget-Freak. Jemand, der gerne rumtüdelt“, sagt Devlin, die in ihrem eigenen Studio mittlerweile Hörspiele und Filmmusik aufnimmt, die aber auch Alben von Bands wie Blumfeld, Die Sterne und Superpunk produziert hat. Ein Nerd im besten Sinne. „Ich lese wahnsinnig viel darüber, wie Musik in den 1960ern und 1970ern entstand“, erzählt Devlin. Fasziniert ist sie etwa von den Studiomusikern des Motown-Labels, die sich nachts noch zu Jamsessions trafen, einfach aus der Passion heraus. „Das war eine Auseinandersetzung mit Musik, die sehr locker und sehr entspannt und sehr leidenschaftlich war.“

Der Spirit der einstigen Straßenmusikerin, sich mit anderen kreuz und quer auszutauschen, bleibt prägend für Devlins Schaffen. Das Unmittelbare, Unperfekte liebt sie nach wie vor. Es ist der Sound, der auch die Platte von Mars Needs Women trägt. „Mir ist es wichtig, dass die Musik einfach ist. Alle spielen laut und nach vorne. Das Leben ist schließlich schon kompliziert genug“, sagt Devlin und zeigt auf die Handys, die auf dem Cafétisch liegen.

Auf der Platte bringen Devlin, meist an Bass mit Gesang, sowie Gitarristin Barbara Hass und Schlagzeugerin Susie Reinhardt den Männern auf dem roten Planeten mit ironischem Twist den Rock’n’Roll. Sowohl mit eigenen Kompositionen, aber auch mit wunderbar dreckig intonierten Interpretationen von Klassikern wie Smokey Robinsons „Get Ready“ oder Larry Williams’ „Bad Boy“.

„Musik ist eine Momentaufnahme. Ich liebe die Energie, die entsteht, wenn drei, vier, fünf Leute das allererste Mal gemeinsam eine Idee umsetzen. Das ist wie der erste Kuss“, erzählt Devlin. Bei den Aufnahmen mit Produzent Ted Gaier hätten sie selten mehr als zwei, drei Takes gespielt. Eine direkte Wucht, die sich auch live transportieren soll. Inklusive stilechter silberner Raumanzüge. Mission Musik – startklar.

Mars Needs Women (B-Sploitation/Rough Trade), live: 19.3., 21.00, Hafenklang