Thalia Theater

„Die jungen Kollegen spielen wie die Teufel“

Kollegen seit 30 Jahren – und damit eigentlich fast schon Familienmitglieder: Schauspieler Christoph Bantzer und Marina Wandruszka

Kollegen seit 30 Jahren – und damit eigentlich fast schon Familienmitglieder: Schauspieler Christoph Bantzer und Marina Wandruszka

Foto: Marcelo Hernandez

Christoph Bantzer und Marina Wandruszka feiern Bühnenjubiläum. Das Thalia Theater fühlt sich für sie wie eine Familie an.

Hamburg.  30 Jahre am selben Theater spielen – das können nur sehr wenige Schauspieler. Am Thalia Theater feiern jetzt gleich zwei Schauspieler ihr 30-jähriges Jubiläum: Christoph Bantzer und Marina Wandruszka. Beide kamen 1985 mit Intendant Jürgen Flimm ans Thalia, hatten aber davor schon in Zürich zusammen gespielt. Wir sprachen mit ihnen über herrische und weniger herrische Regisseure, das Glück, die richtigen Rollen zu bekommen oder die falschen zu meistern und das gute Gefühl, an einem Theater engagiert zu sein, das sich wie eine Familie anfühlt.

Hamburger Abendblatt: Was hat sich in den 30 Jahren, in denen Sie zum Thalia-Ensemble gehören, am meisten am Theater verändert?

Marina Wandruszka: Der Beruf ist derselbe geblieben, aber die Bedingungen sind wesentlich härter geworden. Die Ruhe ist raus aus dem Betrieb und zwar in allen Bereichen. Es gibt weniger Mitarbeiter, aber es wird sehr viel mehr produziert, viel mehr gearbeitet. Es gibt auch mehr Spielstätten. Früher bestand unser Ensemble aus 46 Schauspielern, im vergangenen Jahr waren wir 34.

Christoph Bantzer: Die jungen Kollegen spielen wie die Teufel.

Wandruszka: Es gibt Kollegen, die haben jeden Tag Probe und jeden Tag Vorstellung. Auch am Wochenende. Das gab es früher nicht. Dazu existiert ein schöner Spruch: ,Ein Schauspieler macht es, oder er macht es doch‘. Wir spielen eben alle auch gern.

Was war Ihre wichtigste Arbeit?

Bantzer: Vieles. Vor allem die Inszenierungen mit Jürgen Flimm. Ich habe immer sehr viel Glück mit meinen Rollen gehabt. Die Kraft habe ich aus der Arbeit mit dem Ensemble geschöpft.

Hat sich am Spielen generell etwas geändert? Wird ein anderer Stil gefordert?

Wandruszka: Wir spielen heute mehr nach vorne als früher, schauen ins Pu­blikum. Wir gucken uns seltener an. Aber das ändert sich gerade wieder ein bisschen, wie jeder Stil. Vor 33 Jahren, als Christoph Bantzer und ich uns kennengelernt haben, ging gerade die Zeit des Artifiziellen vorbei. Die Radikalität wurde in die Figuren verlegt, in das, was zwischen den Menschen auf der Bühne passiert.

Was erzählen Sie jungen Kollegen von früher?

Wandruszka: Es war damals sehr viel leichter, einen Skandal zu provozieren. Das haben wir auch gerne gemacht. Gegen zu viel Sattheit. Heute hat sich die Arbeitswelt für viele sehr geändert, ist brutaler geworden, da muss man die Zuschauer nicht auf die Probleme der Welt aufmerksam machen. Sie werden ja geradezu von Problemen erdrückt.

Bantzer: Es ist aber auch nicht unsere Aufgabe, die Zuschauer von Problemen abzulenken. Unser Publikum erwartet von uns, dass wir uns mit diesen Schwierigkeiten beschäftigen und ihm nicht eine schöne Kunstwelt vorführen. Dass das auch unterhaltsam sein kann, sollte klar sein. Es ist eine zentrale Aufgabe des Theaters auch für Fröhlichkeit zu sorgen.

Haben Regisseure früher anderes von Ihnen gefordert als heute?

Wandruszka: Die Regisseure alten Stils waren Diktatoren. Da hieß es, ,gehen Sie dort rüber‘ und ,jetzt müssen Sie weinen‘. Und wenn man’s nicht genauso machte, haben sie geschrien ,Liebe Frau, Sie haben von Tuten und Blasen keine Ahnung‘, worauf eine Kollegin mal antwortete, ,bei Tuten mögen Sie recht haben‘. Wer ihnen so Kontra gab, wurde meist akzeptiert. Die Regisseure, die ihnen folgten, sahen uns als Partner. Ich werde nie vergessen, wie ich als Jüngste auf einer Probe von Hans Neuenfels gefragt wurde, wie ich das finde, was die Kollegin dort macht. Ich bin vor Schreck, dass ich gefragt werde, fast in Ohnmacht gefallen. Regisseur Peter Stein hat später mal gesagt, ,mit Bruno Ganz begann die Emanzipation des Schauspielers‘. Das war zu Beginn der 70er-Jahre, als sich alles änderte. In den 90er-Jahren kamen plötzlich wieder Regisseure, die alles bestimmen wollten. Und die ganz Jungen, die sind jetzt wieder ganz entspannt. Mit denen entwickeln wir auf den Proben alles gemeinsam. Diese Regisseure sind auf die Energie der Schauspieler angewiesen, die miteinander spielen.

Spielen Sie besser bei einem Diktator oder bei einem Mitbestimmer?

Bantzer: Wir spielen bei einem Diktator nicht besser.

Wandruszka: Ein Regisseur sollte ein Klima des Vertrauens herstellen, und in diesem Raum gibt man dann alles. Jürgen Flimm hat das so formuliert, ,Schauspieler sind bunte Vögel. Da muss man nur unter die Flügel pusten, damit sie fliegen‘.

Was passiert, wenn Sie wüste Regieeinfälle nicht spielen wollen?

Wandruszka: Das passiert am Thalia nicht. Wir sind ein selbstbewusstes Ensemble. Da kann man niemanden zwingen, etwas zu spielen, das er nicht will. Unser Problem ist eher, wenn ein Regisseur zu wenig Ideen hat. Wir fordern dann mehr, wollen weiter probieren. Dann kämpfen wir. Am meisten am Theater nervt mich, wenn es oberflächlich ist, wenn man nicht versucht, die Tiefen auszuloten.

Sind Ihnen Rollen angeboten worden, die Sie nicht spielen wollten?

Bantzer: Nur einmal.

Haben Sie sie gespielt?

Bantzer: Ja. Aber gegen den Strich.

Gibt es Rollen, die Sie gerne gespielt und nicht bekommen haben?

Bantzer: Eigentlich nicht. Ich hatte wahnsinnig viel Glück, konnte so viele von mir geschätzte Rollen spielen.

Wandruszka: Meine Lieblingsrolle ist die Minna in ,Minna von Barnhelm‘. Die habe ich leider nicht am Thalia gespielt. Aber in Zürich.

Welche Schauspieler bewundern Sie?

Bantzer: Hans-Christian Rudolph.

Wandruszka: Ich auch. Weil man nie gesehen hat, wie er etwas macht.

Bantzer: Gert Voss, Will Quadflieg, das war ein toller Mann, sehr kollegial.

Wandruszka: Christa Berndl.

Haben Sie sich als junge Schauspieler bei älteren Kollegen Sachen abgeguckt?

Wandruszka: Man lernt beim Spielen von älteren Kollegen ohne es zu merken. Heute lernen Schauspielschüler sehr viel Technik. Bei uns ging es immer nur ums Innere.

Haben Sie je daran gedacht, Ihren Beruf hinzuschmeißen?

Bantzer: Nein. Nie.

Wandruszka: In letzter Konsequenz nicht. Aber ich habe mich früher schon darüber geärgert, dass ich zu der Generation gehöre, in der eine Frau lange nicht Regie führen konnte.

Was wird für Schauspieler mit den Jahren besser?

Bantzer: Es wird schwieriger. Man lernt ja den Beruf nie aus. Man bekommt zwar mehr Sicherheit. Aber je mehr man den Beruf erfährt, desto mehr weiß man, wie schwierig, wie gefährdet alles ist, was man versucht.

Wandruszka: Für mich hat sich etwas verändert, was mich total beglückt: Ich darf jetzt Männer spielen. Frauen sollen immer nur schön sein. Viele Schauspielerinnen haben alle Knochen kaputt, weil sie so viel auf hohen Absätzen herumlaufen müssen. Für Männerrollen ist das wurscht. Ich habe da viel mehr Freiheit.

Hat das Thalia etwas, das besonders ist?

Wandruszka: Wir kennen uns alle, die Wege sind kurz. Es ist wie in einer Familie. Wenn man hier durch die Gänge geht, ist es wie nach Hause zu kommen. Und das Verhältnis zwischen Bühne und Zuschauerraum ist perfekt. Es ist intim. Ich liebe dieses Haus.

Bantzer: Ich spiele an diesem Theater wahnsinnig gerne. Hier herrscht ein guter Geist. Man hat das Gefühl, die Muse, deren Namen das Theater trägt, hat dieses Haus wirklich geküsst.