Film

„Desaster“ mit alten Freunden vom Thalia Theater

Die attraktive Lydia (Beine: Anna Loos) hat den Schweizer Anwalt Dr. Jürg Würsch (Stefan Kurt) voll im Griff

Die attraktive Lydia (Beine: Anna Loos) hat den Schweizer Anwalt Dr. Jürg Würsch (Stefan Kurt) voll im Griff

Foto: studiocanal

Am Donnerstag startet der zweite eigene Kinofilm von Justus von Dohnányi. Alle beteiligten Akteure kommen vom Theater.

Hamburg. „Er ist die treibende Kraft“, sagt Stefan Kurt und zeigt mit dem linken Daumen auf Justus von Dohnányi. Der schüttelt leicht den Kopf, als würde ihm dieses Lob nicht gebühren, und trinkt noch schnell einen Schluck Kaffee, bevor er mit Verve und fast jungenhafter Begeisterung von seinem neuen Film erzählt.

„Desaster“ heißt der Streifen, der morgen in die Kinos kommt, Dohnányi hat ihn zusammen mit den Schauspielkollegen Stefan Kurt und Jan Josef Liefers gemacht. Es ist eine rabenschwarze Komödie, für die er das Buch geschrieben, Regie geführt und sich mit seinen alten Thalia-Kumpels die Hauptrollen sowie den Produzenten-Job geteilt hat. „Wir haben uns nach unserer Zeit am Thalia Theater nie aus den Augen verloren“, sagt er. Deshalb hat das Trio bereits 2007 gemeinsam einen erfolgreichen Low-Budget-Film gestemmt, vor zwei Jahren rief Dohnányi seine Schauspielerfreunde wieder an und fragte, ob man nicht noch einen weiteren Film in gleicher Konstellation drehen wolle. Alle wollten, weil „Bis zum Ellenbogen“ sehr viel Spaß gemacht hatte und wieder ein Ensemblegeist durchschien, den man von vielen Gastspielreisen mit dem Thalia Theater in positiver Erinnerung hatte.

„Wir waren mit den Robert-Wilson-Inszenierungen in Messina, in Portugal, in den USA. Das hatte etwas von einer Klassenreise“, erinnert Dohnányi, 54, sich und verzieht das Gesicht zu einem Grinsen. „Es war eine tolle Zeit“, ergänzt der ein Jahr ältere Kurt, „weil Flimm uns sehr viel freie Hand gelassen hat.“ Beiden fällt sofort „Die Eroberung des Südpols“ ein, ein kleines Stück, das im TiK gespielt wurde. „Rosi, mein Kirschkern“ zitiert Stefan Kurt, Dohnányi zählt die Namen der beteiligten Schauspieler auf. Beim Morgenkaffee in einer Lounge an der Großen Elbstraße schwelgen sie in Erinnerungen an glückliche Theaterzeiten und den Quatsch, den sie Anfang der 90er-Jahre auf der Studiobühne des Thalia Theaters in der Kunsthalle machen durften.

Viel von diesem anarchischen Witz und dieser Spielfreude steckt auch in „Desaster“. „Wenn man etwas unentgeltlich macht, muss man sich wenigstens aufeinander freuen“, sagt Dohnányi. Die Dreharbeiten hatten wieder etwas von Klassenreise, Ort des Geschehens war eine alte Villa in der Nähe von St. Tropez, an einer Klippe gelegen und mit einem herrlichen Blick auf das Mittelmeer. Die Villa, die Dohnányi umsonst von Freunden für die Dreharbeiten überlassen wurde, war zugleich Dreh- und Wohnort. Die Schauspieler logierten dort, der Rest das Teams kam in ein paar Bungalows in der Nähe unter.

Alle acht beteiligten Schauspieler kommen vom Theater und sind gute Freunde des Produzenten-Trios: Liefers brachte seine Frau Anna Loos mit, Oscar Ortega Sanchez gehörte in den 90er-Jahren ebenfalls zum Thalia-Ensemble, Milan Peschel hat öfter mit Dohnányi gearbeitet, Angela Winkler wurde von Stefan Kurt angefragt, Max Simonischek, der jüngste dieses hochkarätigen Ensembles, ist der Sohn der ehemaligen Thalia-Kollegin Charlotte Schwab. „Max kennen wir, seit er sieben ist“, bemerkt Stefan Kurt. Auch Angela Winkler, eine der Grand Dames des deutschen Theaters, logierte nicht in einem Hotel, sondern in der Villa. „Normalerweise traut sich niemand, Angela Winkler so einen Drehbuch-Quatsch anzubieten. Aber Stefan hat es gemacht, und sie war begeistert“, so Dohnányi. Alle Schauspieler haben für „Desaster“ auf ihre Gagen verzichtet, erst, wenn der Film sein Budget eingespielt hat, bekommen sie Geld.

Der Spaß war jedoch groß und das Essen hervorragend. Dohnányis T-Shirt verdeckt nicht, dass er um Bauch und Hüften etwas zugelegt hat. „Ich habe mir da unten eine kleine Wampe angefressen mit viel Weißbrot und Öl. Aber das passte sehr gut zu meiner Filmfigur.“ Der Autor Dohnányi hat dem Schauspieler Dohnányi eine Rolle auf den Leib geschrieben, die er schon immer spielen wollte: einen prolligen Killer namens Ed, der Sätze sagt wie: „Ich traue niemand, der einmal im Monat blutet und nicht stirbt“. Ed ist blöd und brutal, sein Buddy Mace (Jan Josef Liefers) ist genauso brutal, aber einer, der Nietzsche zitiert und von einer Doktorarbeit faselt, die er auf einem Smartphone geschrieben hat. „Wir haben uns alle ganz schön verunstaltet“, räumt der Schauspieler-Regisseur lachend ein. Stefan Kurt trug ein Toupet, das irgendwann im Swimmingpool landete, Jan Josef Liefers musste sich die Haare raspelkurz schneiden lassen.

Bei den Dreharbeiten hatte Dohnányi den Hut auf und bestimmte, welche Szenen wie gedreht werden sollten. „Und wir haben dann gemeckert“, so Kurt. „Das waren jedoch positive Diskussionen. Ich wäre ja bescheuert, wenn ich den Input der Kollegen nicht annehmen würde“, stellt Dohnányi schnell klar. 700.000 Euro standen als Budget zur Verfügung, das entspricht der Hälfte eines „Tatort“-Etats. 37 Drehtage sah der Drehplan vor, ein „Tatort“ kommt in der Regel mit 15 Tagen weniger aus. Zwar habe man mit dem Hessischen Rundfunk einen Ko-Produzenten, aber im Fernsehen sieht Dohnányi seine schwarze Komödie nicht: „Der Humor ist speziell, vielleicht ist er manchen Zuschauern zu wild. Für uns war wichtig, die künstlerische Kontrolle zu behalten.“

Das Drehbuch strotzt nur so vor Wortwitz, Slapstick und aberwitzigen Gewaltexzessen – die jedoch nicht explizit gezeigt werden. „Wir sind näher an Monty Python als an Quentin Tarantino“, sagt Dohnányi. „Desaster“ hat eindeutig das Zeug zum Kultfilm.