Konzerthaus

Elbphilharmonie ist nackt, doch es bleibt jede Menge zu tun

Da fehlt doch was? Die Elbphilharmonie ohne Baukräne, fotografiert vom gegenüberliegenden Ufer aus

Da fehlt doch was? Die Elbphilharmonie ohne Baukräne, fotografiert vom gegenüberliegenden Ufer aus

Foto: Michael Rauhe

Erstmals hat Hamburg freie Sicht auf sein neues Wahrzeichen. Kräne sind abgebaut, aber an den Anblick muss man sich auch erst gewöhnen.

Hamburg.  „Das ist kein Bluff, es geht wirklich los.“ Ole von Beust privatisiert schon seit 2010 sehr entspannt vor sich hin und sieht sich das Rathaus, wenn überhaupt, nur noch von außen an. In den Archiven der Verwaltung verstauben Aktenberge aus den Parlamentarischen Untersuchungsausschüssen neben den von der Wirklichkeit überholten Festpreis-Verrechnungen. Doch von Beusts Pointen-Klassiker, mit dem er sich als Erster Bürgermeister bei der symbolischen Grundsteinlegung am 2. April 2007 in der Anekdoten-DNA der Elbphilharmonie verewigte, der gilt jetzt wieder. Seit gestern ist das Konzerthaus am Elbufer komplett kranfrei.

Würde Georg Philipp Telemann, von 1721 bis 1767 Director Musices der Freien und Hansestadt, noch leben und nicht – posthum beschwert mit einer fehlerhaften Gedenktafel – unter dem Rathaus begraben liegen, er hätte garantiert eine passende Festmusik vorbereitet. Irgendwas mit vielen Pauken und noch mehr Trompeten in feierlichem D-Dur, als Pflichtstück-CD für jede Touristen-Barkasse, die bis zum geplanten Eröffnungskonzert am 11. Januar 2017 devot um die Elbphilharmonie herumtuckert.

Seit Anfang letzter Woche, von wetterbedingten Pausen unterbrochen, haben Spezialisten sich von oben nach unten vorangearbeitet. Sie haben das letzte riesige Hochtief-Hilfsmittel in mühsamer Handarbeit Stück für Stück verschwinden lassen, Stahl-Portion für Stahl-Portion. Mit extra entworfenen Bolzenlösergeräten, die die dicken Dinger trotz des im Hafenwind angesetzten Rosts aus den Halterungen drückten, war das nicht einfach, aber dennoch: einfach so. Die Einzelteile des letzten Krans, der im Jahre des Herrn 2007 auch der erste seiner Art auf der Baustelle war, wurden auf ein Schiff verladen, und weg sind sie nun.

Unverstellter Blick auf alles, von allen Seiten. Hobbyfotografen müssen jetzt nicht mehr mit einem virtuellen Radiergummi an ihrem Smartphone-Foto herumbasteln, um so zu tun, als ob. Ein komplett ungewohnter Anblick, an den man sich als kulturinteressierter und geduldiger Hamburger erst mal gewöhnen muss, nach etlichen Jahren Verspätung und Hunderten Millionen Mehrkosten und dem Krisenelend der letzten Jahre.

Wer hätte das um 2012 gedacht, als monatelang überhaupt nicht gearbeitet wurde oder man die eher pro forma anwesenden Bauarbeiter an einigen wenigen Händen abzählen konnte. Im Juni 2009 war der erste von damals vier Kränen von 82 auf 111 Meter aufgestockt worden, um die gläsernen Fassadenelemente zur Montage zu transportieren. Ende 2009 erreichte man die Maximalhöhe von 125 Metern. Aus, vorbei, es war einmal.

Vor fast genau einem Jahr hatte die Spaßvogel-Seite „Der Postillon“ große Teile des Internets noch mit einer niedlichen Falschmeldung zum Feixen gebracht: Der Senat wolle die Baukräne, die lieben und teuren, unter Denkmalschutz stellen, weil sie aus dem Hamburger Stadtbild einfach nicht mehr wegzudenken seien. Bei der letztlich erfolgreichen Hamburger Weltkulturerbe-Bewerbung waren die Elbphilharmoniekräne als Sättigungsbeilage zur Speicherstadt und dem Kontorhausviertel zwar nicht dabei. Einen nachträglichen Ehrenplatz auf der Hamburger Unesco-Adressliste hätten sie aber verdient. Oder wenigstens kleine Gedenktafeln, dort, wo alle Welt sich an ihr beschauliches Da-Sein gewöhnt hatte. Sie waren die Preisschild-Symbole am Horizont, das Mehrkosten-Menetekel im Elb-Panorama.

Alle Kräne sind weg. Die Elbphilharmonie ist tatsächlich fertig, von außen. Also: fast. Beinahe. So gut wie. Im Prinzip, nur dieser Optik nach, könnte man jetzt glauben: Ein-, zweimal gut durchsaugen, ordentlich durchlüften, das restliche Werkzeug wegräumen und tief durchatmen, und dann könnte es doch auch schon losgehen mit dem ersten Konzert.

Kann es natürlich nicht. Unterhalb des Wellendachs bleibt eine Menge zu tun bis zum Übergabetermin im Herbst 2016. Der große Saal ist noch in Arbeit, der kleine auch, der ganz kleine ebenfalls. Einzig der Hotelteil liegt schon im Dornröschenschlaf, unter Plastikfolien gebettet, bis es soweit ist; die Stühle in den Zimmern auf die Bettdecken gepackt, damit sie keine Druckspuren in der Auslegeware verursachen.

Vor fast drei Wochen erst hatte die Stadt zu einem Besichtigungstermin auf die ebenfalls weit fortgeschrittene Plaza geladen. Kultursenatorin Barbara Kisseler war dort zu Recht stolz wie Bolle, und sehr viele Journalisten, die stumm staunend aus dem Baustellenfahrstuhl kamen und zum ersten Mal eine andere Welt betraten. Jene heile, frisch gestrichene, nahezu einzugsbereit wirkende Welt, die es jahrelang nur als Architektenversprechen gab und nicht als konkret betretbares Etwas. Es gab Jahre, in denen auch diese Theorie schon wie eine üble Fiebervision behandelt wurde.

Für den gestrigen Etappensieg über die verheerenden Widrigkeiten der Entstehungsgeschichte gab es keine offizielle Einladung, kein Begrüßungswort des örtlichen Regierungschefs. Früher – in den dunklen Jahren der Verzögerungen, Kräche und wütenden Schuldzuweisungen von allen an alle – hätte das Rathaus für Positivmeldungsglücksmomente wie diesen alles stehen und liegen gelassen. Was wiederum zeigt, wie angenehm normal der Umgang mit dem einstigen Krisenthema mittlerweile geworden ist.

Geschichte wiederhole sich nicht, heißt es gern. Dazu passt der wunderhübsche Wink des Schicksals, dass in der vergangenen Woche, am ursprünglich letzten Tag der Elbphilharmonie-Entkranung, 300 Kilometer entfernt ein historischer Kultur-Festakt mit Bauhelmpflicht stattfand: das Richtfest der Berliner Staatsoper Unter den Linden. Dort hatte man 2010 mit den Sanierungsmaßnahmen begonnen und wollte eigentlich 2013 fertig sein, nun hofft man auf Herbst 2017. Mit den Kosten, bei 149 Millionen gestartet, ist man momentan bei rund 400 Millionen Euro. Willkommen im Club. Tapfer bleiben. Das wird schon noch.