Hamburg

Träume von Waisenkindern in der Hongkong Gallery

Die österreichische
Fotokünstlerin
Christiane Peschek
in der Hongkong
Gallery neben einer
ihrer namenlosen
Arbeiten aus der
Serie „13 Kinder,
10 Häuser“

Die österreichische Fotokünstlerin Christiane Peschek in der Hongkong Gallery neben einer ihrer namenlosen Arbeiten aus der Serie „13 Kinder, 10 Häuser“

Foto: Michael Rauhe

Der ehemalige „Spiegel“-Titelbild-Chef Stefan Kiefer zeigt Arbeiten von Christiane Peschek in seiner neu eröffneten Hongkong Gallery.

Hamburg.  Manche Jungs wollen Feuerwehrmann werden, wenn sie groß sind. Sie wollen Brände mit Wasser besiegen, wollen Retter sein, Helden. Der Junge aus einem Waisenhaus in Wien aber träumt sich als Flamme, die die Kraft hat, Wasser auszulöschen. Es ist ein mythischer, irritierender Traum, ein Selbstbild, in dem etwas vom verzehrenden Zorn eines seelisch gebrannten Kindes zu ahnen ist, das das Feuer absolut nicht scheut. Auf einem ins Ikonografische verdichteten Foto von Christiane Peschek ist dieser Wasserwehrmann mit dem unendlich sanften Gesicht jetzt in einer bewegenden Ausstellung zu sehen, die im Rahmen der Triennale der Photographie in der Hongkong Gallery gezeigt wird: „13 Kinder, 10 Häuser“.

Peschek, 31, stammt aus Salzburg, wo sie Fotografie und Szenografie studiert hat, und lebt heute in Wien. Zu den Besonderheiten ihrer Bilder gehört, dass das, was darauf zu sehen ist, ohne sie gar nicht existieren würde. Denn Peschek arrangiert auf ihren Fotos nicht nur Licht und Schatten, Ausschnitt und Format. Sie initiiert und inszeniert das Gezeigte selbst. Ihre Arbeit „13 Kinder“ entstand aus dem Bedürfnis heraus, elternlos und in der Gruppe aufwachsenden Kindern den Mut zu geben, sich selbst anders zu sehen oder besser: sich so zu zeigen, wie sie sich im Innern selbst wahrnehmen.

Am linken Handgelenk trägt Peschek ein schwarzes, tätowiertes Quadrat

„Ich bin immer mit einem Riesenkofferraum voller Kleidungsstücke und Stoffe gekommen“, erzählt Peschek. Um die Distanz zu verringern, verkleidete sie sich beim Fotografieren selbst und ließ die Kinder entscheiden, welches Foto sie in der Ausstellung zeigen sollte. Weil die Künstlerin, die sich als Hommage an den russischen Konstruktivisten Kasimir Malewitsch ein schwarzes Quadrat auf das linke Handgelenk hat tätowieren lassen, eine Liebhaberin der Abstraktion und der Reduktion ist, erscheinen die Kinder auf den Fotos ohne jedes auf ihre gewohnte Umgebung hinweisende Dekor. Den Hintergrund liefern allein farbige Tücher, deren Knickfalten die Fotografin bewusst unausgebügelt ließ.

Freitagabend, 19.44 Uhr. In Ermangelung von im Schreibwarenhandel erhältlichen roten Klebepunkten greift Stefan Kiefer zum Filzstift und malt einen roten Kreis unten rechts neben eines von Pescheks Kinderfotos. In diesem Augenblick fügt Kiefer, 57, seinen vielen Beschäftigungen eine weitere hinzu: Die des Galeristen.

Der Mann, der 18 Jahre lang die Titelbilder des „Spiegel“ verantwortet hat und mit einer Ausstellung der besten „Spiegel“-Titel aus 50 Jahren international Furore machte, hat das Wochenmagazin vor einiger Zeit verlassen und verfolgt nun im fünften Stockwerk eines alten Speicherhauses in der HafenCity auf satten 400 Quadratmetern den Zusammenschluss all seiner Lebensaktivitäten und Passionen als architektonisches Gesamtkunstwerk. Proberaum für seine Band (Kiefer ist Schlagzeuger), Designstudio, Yogastudio, Fotostudio, zudem viel Platz, den jeder mieten kann, der in der Gruppe mal ein Brainstorming machen will – und jetzt noch eine ins Loft hineingebaute, intime Galerie: Einen schöneren Einstand als mit Pescheks starken Arbeiten hätte Kiefer sich nicht wünschen können. Keine zwei Stunden nach Eröffnung der Vernissage hatte er sein erstes Bild verkauft.

Abseits der Ikonen der Kinderträume, in einem Nebenraum, hängt Pescheks zweite, formal vollkommen andere, thematisch jedoch verwandte Arbeit: „10 Häuser“. Sie entstand in diesem Frühjahr in Hamburg. Mit der Einladung zur Triennale der Photographie verband Kurator Krzysztof Candrowicz den Wunsch, Peschek möge auch in Hamburg ein Fotoprojekt mit Waisenhauskindern realisieren.

Weil diese Kinder auf Fotos nicht mehr gezeigt werden dürfen, kam sie auf eine andere Idee. Ausgerüstet mit Heißkleber, Papier, Pappe und allerlei disparaten Materialien, ließ sie die Kinder ihr Traumhaus basteln. Dabei entstanden hinreißend fragile, fantastische Gebilde, die Peschek ausnahmslos vor hellem Hintergrund fotografierte. Wie sie hier hängen, streng und licht in ihren weißen, quadratischen Rahmen, sehen sie aus wie moderne Kunst.

Christiane Peschek „13 Kinder, 10 Häuser“, bis Fr, 26.6., Hongkong Gallery (Metrobus 6), Hongkongstr. 7, geöffnet täglich 10.00–18.00