Hamburg

"Coup Fatal" auf Kampnagel: Alles so schön bunt da?

Viel Musik und womöglich noch mehr Symbolik: Alain Platels „Coup Fatal“ auf Kampnagel

Viel Musik und womöglich noch mehr Symbolik: Alain Platels „Coup Fatal“ auf Kampnagel

Foto: Chris van der Burght

Alain Platels „Coup Fatal“ ist eine Afro-Pop-Oper-Tanz-Show, die nicht nur begeistert. Zu viel Showbühne , zu wenig Reibungsfläche.

Hamburg. Zu viele unaufgelöste Widersprüche an einem Theaterabend sind also auch nicht gut. Der Kongo, ein Land voller praller Lebenslust und ex-tremer Gewalt gegen Ohnmächtige, dazu zurechtarrangiertes Musikmaterial von Monteverdi bis Gluck, aus einer Zeit, in der das Führen von Kriegen zum guten Ton der Mächtigen gehörte. Gesungen wurde schön, stellenweise, aber nicht immer ausreichend abwechslungsreich, von einem Countertenor auf der Kampnagel-Bühne.

Begleitet, umtanzt und mitbesungen wurde er von einem Dutzend durchtrainierter Männer, die viele interessante Instrumente beherrschen, aber noch interessantere Hüftschwünge und gut definierte Muskelgrupppen. Vor Vorhängen, die der Bühnenbildner als drastische Sterblichkeitserinnerung aus leeren Patronenhülsen angefertigt hat. Da kann man schon mal ins Trudeln geraten mit den Subtexten, Bilderrätseln und Bedeutungsebenen.

Für die Wiener Festwochen hatte der belgische Regisseur Alain Platel mit seinem Hauskomponisten Fabrizio Cassol und dem Countertenor Serge Kakudji diesen „Coup Fatal“ inszeniert. Dass Belgien einst als Kolonialmacht im Kongo regierte, war eine weitere Einstiegsmöglichkeit ins Staunen und Grübeln. Einfacher wurde die Sache damit nicht, durchgängig überzeugend ebenfalls nicht.

„Hochkultur“ und „Weltmusik“ - verwoben und eingeebnet

Denn hier kam in zwei Stunden sehr viel zusammen, was partout zusammengehören sollte. Einerseits der Clash of Cultures, bei dem traditionelle Instrumente wie das Daumenklavier Likembe und jede Menge Percussion mit barocken Affekt-Vertonungen aneinandergeraten und die Klischees über „Hochkultur“ und „Weltmusik“ virtuos verwoben, aber auch eingeebnet wurden.

Andererseits bestand der erste Teil aus sehr viel Leerlauf für das Ensemble, das lieber zweimal zu viel tanzte als einmal zu wenig und dabei ignorierte, dass es bei einer Bühnenarbeit gern auch um eine zusammenhängende Geschichte gehen darf.

Schon die erste Szene war, eigentlich, voller Innenspannung: Von links trat ein Gitarrist ins Bild, von rechts der Likembe-Spieler. Beide trafen sich wie zum Duell im Morgengrauen in der Mitte, um aus dem Prolog-Motiv aus Monteverdis Oper „Orfeo“ von 1607, für eine höfische Gesellschaft in Mantua geschrieben, einen gemeinsamen Nenner zu finden, eine Schnittmenge der Kulturkreise, die aber tunlichst nicht nach Crossover-Brei schmecken sollte.

Entkommen vor der Einmischungsabsicht unmöglich

Später folgten Arien von Händel und Vivaldi. Im Programm hatte ein Tippfehler aus Gluck „Glück“ gemacht. Vielleicht war aber auch das Absicht. Doch die „Erkennen Sie die Melodie?“-Regiemethode, die wie in einer öffentlich-rechtlichen Wochenend-TV-Show so überdeutlich auf die friedenstiftende Kraft von Musik setzt, egal, woher sie kommt, ergibt letztlich nur dann tieferen Sinn, wenn die Zutaten des Experiments und ihre Bedeutungstraditionen auch allen bekannt sind.

In Nina Simones „Young, Gifted And Black“ kletterten zwei Sänger zum Aufbegehren in die Stuhlreihen, jedes Entkommen vor der Einmischungsabsicht unmöglich machend. Das, immerhin, war sehr unzweideutig, ebenso wie die grellbunte Herrenmodenschau, die als Verweis auf kongolesische Dandys und ihre verständliche Realitätsflucht ins Großgemusterte einen Schlussstrich unter eine umjubelte Show zog, die zu viel Showbühne war, aber zu wenig Reibungsfläche.

Weitere Termine: Freitag und Sonnabend, jeweils 20 Uhr. Karten (12 bis 32 Euro) unter T. 27 09 49 49