Aufführung in Hamburg

Flüchtlinge tanzen für ein besseres Leben

Spannungsgeladene Szene mit Tänzern des „Community Dance“Projekts
„Tanz zwischen den Welten“ von Royston Maldoom und Tamara McLorg in Harburg

Spannungsgeladene Szene mit Tänzern des „Community Dance“Projekts „Tanz zwischen den Welten“ von Royston Maldoom und Tamara McLorg in Harburg

Foto: Roland Magunia

Royston Maldoom („Rhythm is it!“) probt mit Flüchtlingen und mittellosen Menschen ein Projekt zum Thema Armut. Premiere ist am 7. Mai.

Hamburg. Eine nach der anderen stehlen sich 20 Frauen in Mänteln auf die Bühne. Sie rücken zusammen, starr, die Arme vor der Brust verschränkt, vermeiden sie jede Berührung. Ein Sinnbild für die soziale Isolation vieler mittelloser Menschen in Deutschland; Auftakt der Choreografie der Engländerin Tamara McLorg, die an diesem Nachmittag in Harburg an einem „Community Dance“-Projekt arbeitet. Weitere 20 Frauen und Männer haben am Vormittag mit Royston Maldoom getanzt. Durch seinen Film „Rhythm is it!“, der ein Schülertanzprojekt in Kooperation mit den Berliner Philharmonikern dokumentiert, ist der 72 Jahre alte englische Choreograf zum Weltstar geworden.

Sein aktuelles Projekt hat am 7. Mai Premiere in der Harburger Friedrich-Ebert-Halle, da, wo auch geprobt wird. Über den Tanz kommen hier Menschen zusammen, die sich sonst nie kennenlernen würden, die Hälfte ist mittellos oder Flüchtling, doch das Thema Armut wird über die Kunst auf völlig neue Weise kommuniziert: „Die Unterschiede zwischen den Teilnehmern spielen auf der Bühne keine Rolle mehr“, stellt die Flüchtlingshelferin Doris Wache fest, die selbst mittanzt.

„Wir alle hier gehen während der Proben auf eine Reise, in der es um Selbstwertgefühl, gegenseitige Wahrnehmung und Vertrauen geht“, sagt Tamara McLorg. Zu der hypnotischen Streichermusik von Angèle Dubeau tanzen die Frauen auf der Bühne – ernst, wahrhaftig, tief berührend – und zeigen, was das Leben ausmacht: manchmal sich verkriechen, manchmal einander halten und vertrauen, ein Kind wiegen, sich aufrichten, kraftvoll lospreschen. Tamara McLorg und Maldoom arbeiten seit fast 40 Jahren zusammen, in Deutschland, Palästina, Osteuropa, in vielen Ländern Afrikas, in Südamerika und Neuseeland. Vor Ort suchen sie professionelle Assistenten, die danach das Begonnene fortsetzen können, hoffentlich auch in Hamburg.

Projektleiterin Sylke Känner vom Paritätischen Wohlfahrtsverband, der das Ganze finanziert, hat die Choreografen eingeladen: „Wir wollen nicht nur über Teilhabe reden, sondern wir wollen sie ermöglichen.“

Begrenzungen sollen aufweichen: „Wir alle haben viele Etiketten auf uns kleben. Hier geht es darum, wieder zu entdecken, wer man wirklich ist“, sagt Tamara McLorg. Eine Grundidee steht am Anfang der Arbeit, aber „die Tänzer sind Teil dessen, was wir gemeinsam entwickeln. Das ist die künstlerische Herausforderung“.

Ihre lebenslange Passion für das Tanzen teilt sie mit Maldoom, der gerade etwas matt und zerknittert um die Ecke biegt. Ein zierlicher Mann mit hellwachen, liebevollen Augen. In letzter Zeit spürt er die eigene Müdigkeit, aber wenn ihm jemand ein Projekt anbietet, dann muss er einfach wieder aufbrechen und neue Menschen in dieses Wunder hineinholen, das „Community Dance“ heißt.

Dass Kunst die Macht habe, das Leben zu transformieren, sagt Maldoom: „Tanz ist eine ganz besondere Kunstform: Er ist physisch, emotional, spirituell, kognitiv und sozial.“ Die Erfolge seien spürbar und vielfach sogar messbar, er könne gar nicht mehr zählen, wie viele Mitwirkende danach wieder einen Job gefunden haben, glücklichere Menschen wurden, sich stabiler in der Welt bewegten. Stets startet Maldoom seine choreografische Arbeit in der Stille, die manche nur schwer aushalten. Hier geht es darum, die eigene Mitte zu finden. „Diese Menschen brauchen keinen weiteren Sozialarbeiter. Für sie ist es am wichtigsten, den Rucksack ihrer Vergangenheit ablegen zu können.“ Illusionslos sieht er auf die Entwicklung des globalen Kapitalismus: „Es ist extrem schwer für die Leute, ihren Selbstwert jenseits der übermächtigen Kategorie des Habens zu spüren. Meine Botschaft lautet: Jeder Mensch ist wertvoll. Armut bedeutet nicht Minderwertigkeit.“ Der größte Teil seiner Arbeit sei „generell politisch“ .

Die Frauen in der Nachmittagsgruppe sind eher mit dem täglichen Überleben beschäftigt. Ulrike Bergemann zum Beispiel hatte vor drei Jahren ein schweres Krebsleiden: „Meine große Hoffnung war, wieder tanzen zu können. Hier blühe ich auf!“ Mit ganzem Körpereinsatz gibt sie sich in ihren Tanz. Aus Syrien ist die rotlockige Summer Sormani vor sechs Monaten nach Deutschland gekommen. Sie ist Malerin, Dichterin und Sängerin. „Dies hier ist für mich eine komplett neue Erfahrung. Ausdruckstanz ist eine Kunstform, die alles in sich vereint: meine Leidenschaft, meine Individualität. Tanz kann unser Leben verändern, denn hier geht es um das Leben selbst: Ich bin glücklich, so wie schon lange nicht mehr.“

Sieben Tage Zeit für 40 Kostüme: Die Kostümbildnerin Katharina Schmige hat sich selbst übertroffen. Ihre Idee war, durch entsprechende Färbungen und Batik so etwas wie Verletzungsspuren zu kreieren, die Shirts und Hosen sollten etwas Angekratztes, Angerissenes haben. Seelische Narben graben sich oft schon sehr jung ein: Nicole Dudda, 20, hat zum Beispiel einen Drogenentzug hinter sich. Ihre Ärztin hat ihr vom „Community Dance“ erzählt. „Das Gefühlvolle, das ist eigentlich nicht mein Ding“, sagt sie. Ihre Richtung, das war bisher akrobatischer Breakdance zu harten Beats. Ein paar Minuten Adrenalin pur im Halbkreis der Zuschauer, und dann Schluss, aus. Hier, auf der Bühne, steht sie für kurze Zeit auf ihrem Ellbogen in der Luft.

Am Anfang konnte sie sich nicht einlassen, „aber dann hab ich gesehen, dass das den anderen auch nicht so leicht fällt. Das Gute ist: Wir öffnen uns alle.“ Früher, da sei sie öfter mal unzuverlässig gewesen. Jetzt fährt sie jeden Tag zwei Stunden hin und zwei zurück, um dabei zu sein: „Das Tanzen hier öffnet mir ganz andere Sichtweisen auf die Welt und das Leben.“

Aufführung: 7. Mai, 19.30 Uhr, Friedrich-Ebert-Halle. Eintritt: 14,90/9 Euro an allen VVK-Stellen