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„Wir, Geiseln der SS“: 130 Menschen als Faustpfand

| Lesedauer: 5 Minuten
Alexander Josefowicz
Fahrt ins Ungewisse: Fey von Hassell (Henriette Schmidt) trifft im Lager Innsbruck ein. Szenenfoto aus dem Zweiteiler „Wir, Geiseln der SS“

Fahrt ins Ungewisse: Fey von Hassell (Henriette Schmidt) trifft im Lager Innsbruck ein. Szenenfoto aus dem Zweiteiler „Wir, Geiseln der SS“

Foto: Frank van Vught

Der Film „Wir, Geiseln der SS“ beleuchtet ein nahezu vergessenes Kapitel der NS-Zeit, ist aber nicht unproblematisch.

Es ist noch nicht einmal ein Menschenalter her, da stand das Dritte Reich kurz vor der Kapitulation. Anfang April 1945 glaubte wohl kaum noch jemand an den gebetsmühlenartig propagierten Endsieg. Die Truppen von Wehrmacht und SS standen längst nicht mehr in den zuvor eroberten Gebieten, sondern im Kerngebiet des „Tausendjährigen Reichs“. Den Nazis ging es zu dieser Zeit nicht mehr darum, ihre perverse Vision eines deutschen Weltreichs umzusetzen, sondern um eine ebenso perverse Variante der Schadensbegrenzung.

Seien es die berüchtigten Todesmärsche, mit denen KZs „evakuiert“ wurden, um die Spuren der Gräueltaten vor den alliierten Truppen zu verstecken, seien es heimliche Hinrichtungen wie die des Hitler-Attentäters Georg Elser, dessen Tod als Ergebnis eines Angriffs der Alliierten inszeniert werden sollte. Oder sei es die Geschichte einer kleinen Gruppe von Häftlingen, die das zweiteilige Doku-Drama „Wir, Geiseln der SS“ am heutigen Dienstag bei Arte aufrollt: Die letzten Handlungen der Führungsriege des Dritten Reichs sollten nur noch die eigene Situation verbessern.

Mit Bussen wurde im Frühjahr 1945 eine Gruppe von sogenannten Sonder- und Sippenhäftlingen gesammelt und in Richtung Alpen gefahren. Es ist nur eine vergleichsweise kleine Episode in der unendlich lang erscheinenden Liste der Untaten der Deutschen im Dritten Reich. Aber auch sie verdeutlicht die menschenverachtende Grundhaltung des Regimes. Das zeigt sich schon in der Zusammensetzung der Häftlingsgruppe: Sonderhäftlinge waren entweder Menschen, von denen sich das Reich eine stärkere Verhandlungsposition erhoffte – wie zum Beispiel der frühere französische Ministerpräsident Blum und andere Politiker, aber auch italienische Partisanen-führer oder Soldaten der alliierten Truppen –, oder Menschen, die die Reichsführung als einflussreiche Gegner Hitlers wahrnahm. Sippenhäftlinge wiederum hatten sich selbst nichts zuschulden kommen lassen. Sie waren nur deshalb gefangen genommen worden, weil sie Angehörige von Regimegegnern waren. Unter den Deportierten, deren Geschichte „Wir, Geiseln der SS“ erzählt, waren auch Frauen und Kinder der Attentäter des 20. Julis um Graf Schenk von Stauffenberg. Allgemein wird davon ausgegangen, dass die gut 130 Menschen als Faustpfand dienen sollten, als Tauschware oder, wie es einer der Schauspieler in der Dramatisierung der Ereignisse, die einen großen Teil des Films einnimmt, formuliert als „menschliche Wertgegenstände der SS“.

In zwei Teilen über insgesamt knapp zwei Stunden Laufzeit verfolgt die Dokumentation den Weg der Häftlingsgruppe, deren Geschichte auch als Sinnbild des Fanatismus der SS gelten kann. Als sich abzeichnet, dass die Häftlinge den alliierten Truppen in die Hände fallen könnten, wollen die Bewacher, allen voran der Untersturmführer Bader, sie liquidieren. Der hochrangige Wehrmachtsoffizier Bogislaw von Bonin, der wegen Verweigerung eines Führerbefehls in Haft genommen worden war, schafft es, das Wehrmachtskommando von der sich zuspitzenden Situation in Kenntnis zu setzen. Die Geiseln der SS kommen zunächst in die Obhut der Wehrmacht, nach der Kapitulation werden sie den Amerikanern überstellt.

Zur Dramatisierung der Ereignisse bedient sich „Wir, Geiseln der SS“ auch Archivmaterial und Augenzeugeninterviews, zum Großteil mit den damaligen Kindern, die Teil der Häftlingsgruppe waren. So entsteht ein vielschichtiges Bild der Zeit von der Deportation bis zur Befreiung der Geiseln. Aber auch wenn diese Geschichte eine bereits fast wieder vergessene ist und die letzten Tage des Dritten Reichs auf eindrückliche Weise beleuchtet, ist „Wir, Geiseln der SS“ nicht unproblematisch: Es fehlt der größere Kontext, um die Geschehnisse tatsächlich beurteilen zu können.

Die deutsche Wehrmacht, die in diesem Fall wohl tatsächlich ein Massaker an Gefangenen verhindert hat, erscheint zu positiv: In Italien wie auch in allen anderen Kriegsgebieten begingen nicht nur SS und Polizeibataillone, sondern auch die lange Zeit als „sauber“ geltenden Soldaten der Wehrmacht Kriegsverbrechen. Zwar ist nicht bekannt, inwiefern der als tugendhafter Offizier dargestellte von Bonin, der sich am Ende sogar den Respekt seiner britischen Mitgefangenen verdient hat, Kenntnis der Gräueltaten hatte. Dass der Karriereoffizier, der vor seiner Verhaftung im Oberkommando des Heeres, also an einer der militärischen Schlüsselstellen des Dritten Reichs, tätig war, nichts vom Holocaust wusste, darf wohl bezweifelt werden.

Auch auf die Gefangenen wird mit wenigen Ausnahmen nicht näher eingegangen. Zwar wird erklärt, dass die Amerikaner die Gruppe auf Capri gleichsam internierte, um festzustellen, mit wem man es zu tun hatte. Die Chance aber, auf die Rolle des ehemaligen österreichischen Bundeskanzlers Kurt Schuschnigg einzugehen, eines Faschisten, der Österreich bis zum Anschluss an das Deutsche Reich diktatorisch regierte, wird nicht genutzt. Und Hjalmar Schacht, der ehemalige Reichswirtschaftsminister, eine trotz seiner Verhaftung wegen Verbindung zu den Hitler-Attentätern zumindest zwielichtige Persönlichkeit, wird nicht einmal erwähnt.

„Wir, Geiseln der SS“, Di, 7.4., 20.15 Uhr, Arte
und Di, 14.4., 20.15 Uhr, ZDF