Schauspielhaus

„Der Entertainer“: Die große Kunst des Scheiterns

| Lesedauer: 6 Minuten
Armgard Seegers

Foto: pa/BARBARA GINDL/www.picturedesk.com

Christoph Marthaler inszeniert „Der Entertainer“ und begeistert das Schauspielhaus-Publikum. Ein großartiges Stück um vergangenen Glanz.

Hamburg. Abgetakelte, schäbige Unterhaltungskünstler, die armselige, schale Witze erzählen und kitschige Lieder singen, hat John Osborne in seinem Drama „Der Entertainer“ für das Theater erfunden und damit auch den Niedergang einer Kultur, ja Großbritanniens beschrieben. Eine Familie, in der drei Generationen ökonomisch, physisch und psychisch mit Gebrauchshumor ums Überleben kämpfen, das muss Christoph Marthaler interessieren, den Regisseur, der wunderlich aus der Zeit Gefallenes so herrlich traurig und altmodisch auf die Bühne bringen kann wie niemand sonst. Dass sich „Der Entertainer“ und Christoph Marthaler nicht schon früher gefunden haben, ist unglaublich, sie passen perfekt zusammen. Das konnte man am Sonnabend sehen, als Marthalers Inszenierung des „Entertainers“ am Schauspielhaus Premiere hatte. Das Stück um vergangenen Glanz und mittelmäßige Existenzen, die verzweifelt an alten Ritualen festhalten, wurde nach zweieinhalb Stunden stürmisch gefeiert.

Marthaler und sein Ensemble – neun Schauspieler, drei Tänzerinnen und fünf swingende Musiker – zeigten schreckliche, peinliche, komische, sentimentale, großartige Momente an Schauspiel-, an Unterhaltungskunst. Sie präsentieren arme Gigolos, drittklassige Künstler, traurige Trinker, emsig wütende Spaßvögel. Und man denkt bei jeder komischen wie bei jeder lausigen Pointe, hoffentlich ist es mit dieser Bühnenkunst noch lange nicht vorbei.

„Ich bin rechtzeitig abgegangen, der Beruf ist kaputt,“ erklärt Großvater Billy Rice seiner Enkelin (Sasha Rau) und redet davon, dass heute nur noch „Schlampen“ auftreten und „Neger“ im Haus leben. Großspurig schimpft er über Fremde und Freunde. Jean-Pierre Cornus Billy läuft in einem scheußlich durchsichtigen Umhang herum, mit langen strähnigen Haaren. Mehr Kleinbürger als Gentleman-Künstler. Nur manchmal verfällt er ins Steppen, singt eine Arie und scheint glücklich.

Archie Rice schlägt sich durchs Unterholz des schlechten Geschmacks

Auf der Bühne hat Duri Bischoff einen schäbigen Theatersaal mit Loch in der Decke aufgebaut, samtrot bezogenen Treppen, abgewetzten Sesseln und noch einer Bühne, die wiederum von einem roten Samtvorhang verschlossen ist. Gelegentlich öffnet sich der Vorhang und eine zweite Familie erscheint. Nicht so versoffen wie die Rices von vorne, eher verfressen und dicklich. Josef Ostendorf und Bettina Stucky geben die ganz abgewrackten Künstler, diejenigen, die winken, wenn ein Tusch aus dem Orchestergraben kommt. Ostendorf im engen, roten Nicki und Stucky im drallen, rot-schwarzen Korsett versuchen es mit der Kunst wie Laien in einer TV-Talentshow. Ja, singen können sie, Stucky sogar auf italienisch. Die Zaubernummer, bei der Ostendorf Stucky in einer Kiste durchschneiden soll, misslingt völlig. Herrlich. Peinlich. Die einzige Künstlerin hier scheint „die englische Halbschwester“, Marion Martienzen, die kurzfristig die Rolle übernommen hat.

Osbornes Text ist von allem befreit, was britisch ist. Er wurde mit Aktuellem aufgeladen, das Hamburg und Europa betrifft: Da wird der Witz vom Bankkunden erzählt, der sagt: „Ich möchte gerne ein Gyros-Konto eröffnen“. Und die „Tante von der Bank“ antwortet: „Das ist hier nicht so Ouzo“. Die Enkelin wird erschrocken gefragt: „Du bist doch nicht etwa eine Veganerin?“ Und Stiefmutter Rice schnattert: „Ich will nicht in Billstedt oder Stellingen Nord in einem Heim enden.“

Wie ein Dienstleistungssadist

Die Hauptfigur ist Archie Rice, ein Vorstadt-Don-Juan, Möchte-Gern-Komiker, Zyniker und guter Pointensetzer. Michael Wittenborn beginnt schon mal gut: „Ich darf hier nur noch auftreten, weil ich die Frau des Intendanten bin“. Stimmt ja fast. Drei Revuegirls umschmachten ihn. Seine Frau Phoebe (Irm Herrmann) kommt gerade aus dem Kino. Sie hat sich vor Langeweile den Film zweimal angesehen, weiß aber nicht mehr, wie er heißt. Phoebe ist wirklich keine Leuchte. Aber gegen den Rest der Familie kann sie genauso austeilen wie alle anderen. Und bei den sich ellipsenförmig drehenden Gesprächen ist sie immer vorne weg. Archie Rice trägt einen weißen, zu großen Anzug. Früher, da passte er vielleicht mal. Heute wünscht Archie aber immer noch: „Have a Rice Day“. Archie trägt schlecht geschnittene, blonde Haare und ein Tuch um den Hals, wie ein alternder Stenz. Er singt, wie ein Schlagerfuzzi, Neues und was aus seiner „guten alten Zeit“, die „Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe“ und den „Lachenden Vagabund“. „Entschuldigung, ich bin heute ein bisschen angeschlagert“, erklärt er. Wittenborn ist mal Kabarettist, mal Comedian. Souverän serviert er zynisch Schales und Schauriges. Wie ein Dienstleistungs-Sadist schlägt er sich durchs Unterholz des schlechten Geschmacks. Er weiß, was er tut und säuft sich vielleicht gerade deshalb hinterher die Birne voll. Sohn Frank (Jan-Peter Kampwirth) ist dagegen nur sein müder Abklatsch. Eine Glasbaustein-Brille verdüstert seinen Blick, aber er tigert ständig zum Mikrofon, um loszulegen wie Mario Barth. Doch nie zündet einer seiner Gags.

Die fünfköpfige Band älterer Herren in türkisfarbigen Dinner-Jacketts, zu denen auch, wie das Programmheft schreibt, „ein lautloser Trompeter“ gehört, spielt kräftig swingend auf. Tanztee scheint angesagt. Am Ende wird dann doch das eine oder andere Lied zu viel gesungen. Man glaubt glatt zweimal zuvor, es höre auf, bis dann Archie ganz klein, traurig und stimmbandwund den 60er-Jahre-Hit der „Kinks“ singt, „Death of A Clown“. Danach kann dann wirklich nur noch der tosende Applaus kommen.

Der Entertainer am Schauspielhaus wieder am 18.2., 24.2. und 4.3. um 20 Uhr, Karten unter 24 87 13