Studie

Heinz Bude seziert die Furcht der Mittelschicht

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Der renommierte Wissenschaftler untersucht unsere "Gesellschaft der Angst". Heinz Budes Buch liest sich wie eine Aktualisierung der "Risikogesellschaft" von Ulrich Beck.

Hamburg. Die Gesellschaft, in der wir leben, hat ein mentales, ein Psychoproblem. Das geht morgens los, wenn wir nicht aus dem Bett kommen – keine Energie für das Tagewerk in der Arbeitsmühle. Keine Lust auf den Leistungsdruck, keine Lust, Entscheidungen zu treffen. Keine Lust auf Hiobsbotschaften aus der Wirtschaft, keine Lust auf Krise. Keine Lust auf NSA und Datenspionage, auf die alten und neuen Kriegsschauplätze dieser Welt.

Stattdessen Angst um den Job, um den eigenen Kontostand, Angst vor dem Statusverlust und den Mitbewerbern im Büro. Angst vor der Klimaerwärmung und um die Kinder, deren Zukunft auch davon abhängt, ob sie die richtigen Bildungseinrichtungen besuchen. Angst davor, nicht den Platz in der Gesellschaft zu bekommen, der einem gebührt. Angst vor der großen Leere, wenn alle Ziele und Lebensentwürfe ihren Sinn verlieren. Angst vor dem Abstieg.

"Angst als Prinzip" nennt der am Hamburger Institut für Sozialforschung tätige Wissenschaftler Heinz Bude die Grundlage unserer Existenz. Er tut dies in seinem aktuellen Buch "Gesellschaft der Angst", das hellsichtig und pointiert Lebensumstände beschreibt – indem es ausschließlich die problematischen Aspekte betrachtet. In dieser Lesart ist der Mensch der Moderne permanent in einer Unsicherheitsspirale gefangen.

Wo Mediziner seit längerem Burnout-Patienten zählen und über die Zunahme depressiver Verstimmungen referieren, entwirft Bude, der zu den profiliertesten Soziologen der Republik gehört, ein umfassendes Angstbild aus Fallbeispielen und Forschungsergebnissen, die einen hohen Wiederkennungswert beanspruchen können.

Budes Studie hat einigermaßen für Furore gesorgt und ist so etwas wie die Aktualisierung eines Buches, das in den Achtzigerjahren erschien und den paradigmatischen Titel "Risikogesellschaft" trug. Ulrich Beck beschrieb damals die Lebensformen in einer individualisierten Gesellschaft, in der jeder abseits traditioneller Familien- und Ortsgebundenheit auf eigenes Risiko existiert.

Beck prägte das Bild der "Drahtseilbiografien" – mit Artisten, die immer vom Absturz bedroht sind, weil keine Bindung an Menschen, Jobs oder Heimat mehr dauerhaft ist: Der flexible Mensch als perfekt zugerichtetes Objekt des Kapitalismus.

Das Ich nun ist in den gegenwärtigen neoliberalen Zeiten noch brüchiger geworden und die Angst, dass alles den Bach heruntergeht, größer. Wie werde ich jemand, wo ist mein Platz in der Gesellschaft? Wie bereits Ulrich Beck geht es Bude nicht um die Vorteile, die die Freiheit mit sich bringt, das Leben zu führen, das wir führen wollen – möglich ist ein solches nur in einer verhältnismäßig durchlässigen Gesellschaft, in der einem von Hause aus zunächst einmal keine Wege der Selbstentfaltung verschlossen sind. Die Wahlmöglichkeiten erscheinen in der auf Entscheidungen drängenden Multioptional-Allgemeinheit als Bedrohung: Bloß nicht die falsche Wahl treffen.

Nein, in "Gesellschaft der Angst" geht es um ein allgegenwärtiges, diffuses Gefühl der Erschöpfung, Bedrohung und Unsicherheit, das besonders die Mittelschicht erfasst hat. Also diejenige Gesellschaftsschicht, die doch eigentlich gute Chancen hat, weil sie eine gute Ausbildung besitzt und auf dem Jobmarkt bessere Karten als viele andere. Die Gesellschaftsschicht eines Landes, das in der seit 2008 andauernden Finanz-, Wirtschafts- und Währungskrise bislang eine Insel der Seligen ist, in dem dennoch Endzeitstimmung herrscht.

"Angst zeigt uns, was mit uns los ist", schreibt Heinz Bude; und wie Ängste veranschaulichen, in was für einer Gesellschaft wir leben, führt Bude eindrucksvoll und auch etwas niederdrückend vor. Am Arbeitsplatz, in den Familien- und Intimbeziehungen, im Verhältnis zur Weltlage und großen Politik – überall stehen, so Bude sinngemäß, Identität und Seele vor gewaltigen Prüfungen, weil kein Platz, den das Selbst besetzt, auf ewig zementiert ist und das Bemühen, ein von Sinn erfülltes Leben zu führen, vor Niederlagen nicht gefeit ist.

Was Bude mit psychologisch geschärftem Blick seziert, sind die sich wie Mehltau auf unsere Existenzen legenden Binnen- und Außenkräfte der Verlierens- und Verlustangst. Die Angst vor dem Abstieg Deutschlands in der Welt- und Wirtschaftsordnung steht da neben dem Ressentiment und der Bitterkeit, das viele beruflich Abgehängten – ob in den Anwaltskanzleien, den Redaktionen oder Architektenbüros – nur mühsam unterdrücken können. In einer "The winner takes it all"–Umgebung beklagen sie gebrochene Versprechen, nämlich nicht den Platz im Berufsleben erobert zu haben, der ihnen zustehen müsste. Leistung ist nicht gleichbedeutend mit Erfolg.

Aber zum Wettbewerb gehören auch Verlierer, und in der heutigen Bilderwelt sind wir alle außengeleitete Charaktere, die sehen müssen, dass beim Nachbarn das Gras immer grüner ist. Die eigene Identität entsteht in vielfachen Spiegelungen, und Angst ist die Grundierung dieses aus der Konkurrenz mit vielen anderen entstehenden Bildes.

Was die Konsequenz dieser Verhältnisse ist? "Man glaubt, in jedem Moment mit seinem ganzen Leben zur Disposition zu stehen", schreibt Bude, der aber auch weiß: "Ohne die Anderen kein Selbst, ohne Ambiguität keine Identität, ohne Verzweiflung keine Hoffnung, ohne Anfang kein Ende. Dazwischen ist die Angst".

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