Hamburgische Staatsoper

„La belle Hélène“: Skurrile Liebesstammeleien ohne Gefühl

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Tom R. Schulz

Zum Abschied als Intendantin hatte sich Simone Young ein leichtes, zudem als besonders frivol geltendes Stück ausgesucht. Schön anzusehen: Offenbachs „La belle Hélène“ hatte in der Staatsoper Premiere.

Hamburg. Kein Brot, dafür Spiele satt: Als Ouvertüre zum langen Abschied von ihrem Amt als Intendantin der Staatsoper Hamburg, das sie zum Ende der Saison nach zehn Jahren aufgibt, hatte sich Simone Young ein besonders leichtes, zudem als besonders frivol geltendes Stück ausgesucht, „La belle Hélène“ von Jacques Offenbach. Die Premiere am Sonnabend wurde mit sehr freundlichem Beifall aufgenommen. Die Chefin selbst war allerdings nicht dabei, weder im Graben noch als Zuschauerin. Frau Young dirigierte am selben Tag an der Oper Zürich die Generalprobe zu Richard Wagners „Lohengrin“, dessen musikalische Leitung sie übernommen hat.

Am Pult in Hamburg stand sehr kompetenter Ersatz. Gerrit Prießnitz ist ein Allrounder, der sich als langjähriger Leiter der Volksoper Wien besonders gut auf die Zähmung der etwas leichteren Muse versteht. In den wenigen Passagen, die die Regie der Musik allein überließ – im Vorspiel zum zweiten und, schon weniger, zum dritten Akt –, konnte man ein paar Takte lang ungestört von all der Dauerbetriebsamkeit auf der Bühne die hohe Qualität der Musik und ihrer Erarbeitung genießen.

Doch diese Antiken-Farce, nach Rossinis „La Cenerentola“ die zweite Arbeit des Duos Renaud Doucet (Inszenierung und Choreografie) und André Barbe (Bühnenbild und Kostüme) für Hamburg, ist so tief ins Detail der Kostüme und der Ausstattung verliebt, ins Raffinement der Beleuchtung (Guy Simard) und in ihre burlesken kleinen Aktualitätsbezüge, dass wenig Raum bleibt für die Einlösung des ungeschriebenen Operngesetzes „prima la musica“.

Barbe/Doucet siedeln das vor 150 Jahren in Paris uraufgeführte Stück um den (von der Geraubten höchst einverständig mit vollzogenen) Raub der Helena auf einem Kreuzfahrtschiff zur Zeit der 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts an. Die Herren Helden – Achill, zwei Ajaxe, Agamemnon – samt ihrer Claques sind dekadent und nicht gerade vif, ein Trupp Hanswurste auf Vergnügungsreise. König Ménélas (Peter Galliard) scheint seinem stämmigen kleinen Diener mehr zugetan als seiner Gattin, der schönen Hélène, die sich hier im zweiten Akt als notgeile Königin mit einschlägigem SM-Besteck in ein geträumtes Abenteuer mit Paris stürzt.

Offenbach und seine Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy begehrten mit ihrer Geschichte von der in ihrer Ehe sexuell unterversorgten Hélène und ihren Klageweibern, die sich unverhohlen nach virilen Männern sehnen, noch gegen ein Tabu auf. Dieses Tabu aber ist 150 Jahre später zu dermaßen feinem Staub zerfallen, dass selbst der Rückgriff auf die 60er-Jahre, der im dritten Akt mit Love and Peace, Blumenkindern und dicken Joints genüsslich bis platt ausgespielt wird, nichts Handfestes zutage fördert. Die Fallhöhe des inhaltlichen Tiefgangs dieser Inszenierung übersteigt zu keinem Zeitpunkt die der Oberkante eines Flokatiteppichs.

Peter Galliard als Ménélas ließ sich die Unterforderung nicht anmerken

Da nicht eine der Figuren mit einem real existierenden Gefühlsleben ausgestattet ist, entfällt ein weiterer wesentlicher Daseinsgrund der Oper: Emotion. Wo ausschließlich Karikaturen agieren, mag der Betrachter schmunzeln; mitfühlen, mitleiden, mithoffen kann er nicht. Die beiden größten Gesangsmomente der Hauptfigur, der Jennifer Larmore mit intonationssicherem, allerdings eher herb timbrierten Mezzosopran nach anfänglicher Verhaltenheit deftige Präsenz verlieh, sind grotesk überzeichnete Liebesstammeleien. Peter Galliard als Ménélas ließ sich die Unterforderung als Knallcharge nicht anmerken. Jun-Sang Han segelte im ersten Akt wiederholt klippenscharf an den richtigen Tönen vorbei, fing sich zum Glück aber in der Pause. Der vielfältig ins Bühnengeschehen integrierte Chor sang prächtig (Leitung: Eberhard Friedrich).

Es geht in diesem Operchen, das sich schon zu seiner Entstehungszeit über sein Sujet lustig gemacht hat, inzwischen um rein gar nichts mehr, das aber mit ungebührlich hohem Materialaufwand. Alles ist haarfein gearbeitet, es gibt entzückende visuelle Effekte, wie etwa das sich auf dem wie gemalt scheinenden Vorhang urplötzlich in Bewegung setzende Schiff. Aber wer aus der Welt draußen in dieses knallbonbonbunte Paralleluniversum gerät, der fühlt sich wie einer jener Hungernden, denen eine französische Prinzessin angesichts der Knappheit von Brot empfahl, sich doch am Kuchen satt zu essen.

Bei allem Respekt vor den Höchstleistungen der Werkstätten – das Boudoir der Hélène im zweiten Akt ist ein Traum von einem Raum, die diversen Ausschnitte der „Jupiter Stator“ dürften in der Freien und Kreuzfahrtstadt Hamburg gewiss bei unzähligen Besuchern frohe Erinnerungen an Schiffsreisen wecken: Eines der größten Opernhäuser in Deutschland darf gerade in diesen Zeiten als Saisonauftakt etwas so glänzend Läppisches eigentlich nicht bieten.

„La belle Hélène“ wieder am Mi 24.9., So 28.9., Hamburgische Staatsoper, Karten unter T. 35 68 68