Hamburgische Staatsoper

Die schöne Helena: „Subversiv, anzüglich, aber nie platt“

Gerrit Prießnitz dirigiert an der Hamburgischen Staatsoper die Premiere von Offenbachs „La belle Hélène“. Ein Gespräch über die Herausforderungen der leichten Muse. Keine einzige Probe hat er verpasst.

Hamburg Beim „Wagner-Wahn zum Mitmachen“ in der Theaternacht am Sonnabend war der Herr Dirigent natürlich dabei. Aber nicht etwa am Pult. Gerrit Prießnitz hat sich in den Spontan-Chor von Theaternachtbesuchern eingereiht, der Chöre aus verschiedenen Wagner-Opern sang.

Prießnitz, ein Bonner mit Bonner Tonfall und Humor und Wohnsitz in Wien, war lange an der dortigen Volksoper engagiert. Er versteht sich als Kapellmeister im besten Sinne, als Diener am Werk. Während sich andere Operndirigenten wochenlang von ihren Assistenten vertreten lassen, hat er keine einzige Probe für Jacques Offenbachs Opéra-bouffe „La belle Hélène“ verpasst. Am kommenden Sonnabend hat nun die Satire um die Königin von Sparta, die sich erst einen Traum einbilden muss, um sich ihre sexuelle Freiheit nehmen zu können, Premiere an der Dammtorstraße. André Barbe und Renaud Doucet, die vor drei Jahren mit ihrer Revue-„Cenerentola“ für Aufsehen sorgten, verlegen die Handlung der „Hélène“ auf eine Ägäis-Kreuzfahrt der 60er-Jahre, mit Miniröcken in grellbunten Mustern und so. In der Titelrolle gibt die amerikanische Mezzosopranistin Jennifer Larmore ihr Hausdebüt.

Hamburger Abendblatt: Wenn man an der Volksoper war, hat man dann einen Stempel „leichte Muse“ weg?

Gerrit Prießnitz: Ja und nein. Ich habe mich auch zu meinen Volksopernzeiten viel mehr mit anderen Dingen befasst, ich habe Strauss, Henze und Krenek dirigiert. Aber man kommt dort doch mehr mit der Materie in Verbindung als anderswo. Frau Young hat mich übrigens engagiert, nachdem sie einen „Rigoletto“ von mir gehört hatte.

Was hat Sie an „La belle Hélène“ gereizt?

Prießnitz: Mir ist die Architektur sehr wichtig, also etwa die Aufteilung der Akte, die Gewichtung der Charaktere, das Verhältnis von Musik zu Dialogen. Es ist ein sehr gut gemachtes Stück Musiktheater.

Sie arbeiten mit André Barbe und Renaud Doucet zusammen, die hier aus Rossinis „La Cenerentola“ eine italienische Heiratsshow im Stile der 30er-Jahre gemacht haben.

Prießnitz: Ich kenne das Regieteam gut. Die beiden haben ein sehr gutes Händchen für dieses Genre. Sie haben das Gespür für Timing, das man braucht. Der Begriff „Show“ ist bei uns ja leider negativ besetzt, ganz anders als in Amerika übrigens. Da sagt man ja sogar bei einer Tragödie wie Verdis „Traviata“: „We meet after the show.“

Für die herrschende Klasse im bigotten Paris der 1860er-Jahre war das frivole Sujet ein Skandal. Der Minister der Schönen Künste hat der „Belle Hélène“ Vulgarität vorgeworfen, die auch für die Musik gelte. Teilen Sie das?

Prießnitz: Überhaupt nicht! Genau das ist Offenbach nicht. Er ist subversiv und oft anzüglich, aber nie in einem platten Sinne. Frivolität braucht ja gerade dieses Flirrende.

Wie erreicht er denn diese Frivolität in der Musik?

Prießnitz: Durch kleinteilige Wechsel. Die erzeugen dieses Unstete. Das macht ja Frivolität aus. In den großen Finali folgt ein Motiv aufs andere, eine musikalische Geste auf die andere.

Offenbach hat seine Partituren fortlaufend verändert. Welche Fassung haben Sie gewählt?

Prießnitz: Wir spielen die Pariser Fassung, also mit kleinem Bläsersatz – Oboe, Fagott und Posaune sind sogar nur einfach besetzt. Das ergibt ein ganz anderes Klangbild als die wesentlich größer besetzte Fassung, in der das Stück kurze Zeit später in Wien herausgekommen ist.

Was ist Ihr Klangideal?

Prießnitz: Ich wünsche mir die Musik möglichst vielgestaltig. Ich möchte nicht nur das gängige Offenbach-Attribut „knackig“ bedienen. Drive und Biss kommen vielfach von allein. Aber es sind auch lautmalerische Momente in der Musik. Offenbach beschreibt zum Beispiel an einer Stelle das Hereinflattern einer Taube mit zwei Flöten und solistischen Streichern.

Die Originalklang-Bewegung hat eine regelrechte Offenbach-Renaissance eingeleitet. Die verwenden Kornette statt Trompeten, mit Tierhaut bespannte Pauken und dergleichen.

Prießnitz: Ich bin froh über diese Renaissance! Aber die Musik soll auch nicht zu kratzbürstig werden. Man darf sie nicht überdrehen. Offenbach schreibt oft ein gemäßigtes Tempo vor: allegretto, moderato, andantino. Wenn er dann plötzlich allegro vivo oder più mosso schreibt, wirkt das im Kontrast viel stärker.

Haben Sie Quellenstudien betrieben, um die Partitur vorzubereiten?

Prießnitz: Natürlich habe ich über die Entstehungsgeschichte gelesen. Aber in erster Linie studiere ich die Partitur. Da steht ja schon alles drin! Sie bietet mir an vielen Stellen Varianten an. Da muss man sich beherzt entscheiden. So etwas muss man mit Schmackes machen, Halbherzigkeiten sind sinnlos.

Ist „La belle Hélène“ politische Musik?

Prießnitz: Gute Frage. (Pause) Wenn man der Musik an sich politische Bedeutung aufladen wollte, würde man sie überfrachten. Aber vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte kann man das Kleinteilige schon als politisches Statement verstehen.

Die Staatsoper bringt jedes Stück in Originalsprache heraus. Kommt bei den französischsprachigen Dialogen der Witz rüber, wenn man ständig die Übertitel im Auge behalten muss?

Prießnitz: Ich glaube schon, dass der Inhalt unmittelbar verständlich ist. Wir haben die Dialoge stark gekürzt. Sie sind in eine sehr klare Erzählsprache der Regie eingebettet. Barbe und Doucet bringen keine doppelten Brechungen – das wäre zu viel bei fremdsprachigen Dialogen.

Für die Musiker ist „La belle Hélène“ technisch keine Herausforderung. Langweilen die sich?

Prießnitz: Die Herausforderungen bei Offenbach sind anderer Art. Das Orchester muss sich erst mal auf seinen spezifischen Ton einstellen. Hier geht es nicht um die Einzelfiguren Larmore oder Prießnitz oder um die Philharmoniker Hamburg, sondern wir müssen wirklich eine Einheit schaffen. Das Zusammenspiel innerhalb des Orchesters ist unproblematisch, aber mit der Bühne gar nicht ohne. Offenbach hat eine ganz eigene Form von Rubato: nicht die subtile Mozart-Agogik und nicht dieses breite Bremsen, wie man es von italienischen Opern etwa des Verismo kennt.

Da braucht man Fingerspitzengefühl.

Prießnitz: Genau! Das steht auch so in Paragraf 19 meines Vertrages: „... wird für sein Fingerspitzengefühl engagiert“. (lacht)

Premiere „La belle Hélène“ Sa 20.9., 18.00, Staatsoper (Dammtorstraße);

www.staatsoper-hamburg.de