Soul im Hafen

Rapper Wyclef Jean: Fahrt nach Haiti und helft!

Wyclef Jean bei Soul im Hafen in Hamburg am 23. August 2014

Wyclef Jean bei Soul im Hafen in Hamburg am 23. August 2014

Foto: Imago/Isabell Schiffler/Future Image

Der amerikanische Musikstar im Interview über seine Heimat, US-Präsident Barack Obama und ein mögliches Comeback der Fugees. Wyclef Jean forderte 50 Liegestütze vom Abendblatt-Reporter.

Hamburg. Bevor wir im Backstagebereich das Interview beginnen, sagt Wyclef Jean so trocken es geht zu mir: „Mach 50 Liegestütze, dann reden wir.“ Meinen zweifelnden Blick kontert er so: „Okay, 20 gehen auch.“ Ich biete ihm an: „Ich mache 50 – und wir reden länger als vereinbart.“ Er mustert mich und schlägt ein.

Nach dem Interview fragt Wyclef Jean mich nach meinem Namen und bittet mich, während des Konzerts in Bühnennähe zu sein. Mitten in der Show ruft er mich auf die Bühne und fordert mich zum Wettbewerb heraus. Kopf an Kopf machen wir 30, 40 Liegestütze, dann gehe ich ab. Journalisten sollten sich nicht überschätzen. Das Gespräch:

Hamburger Abendblatt: Wyclef, Sie spielen nur eine überschaubare Zahl von Konzerten. Sehen Sie sich nach Ihren Hits mit Shakira, Carlos Santana oder Avicii mehr als Produzent?

Wyclef Jean: Man geht durch verschiedene Phasen. Quincy Jones hat mal gesagt, als Musiker ist man im 360-Grad-Modus. Manchmal ist man nur im Studio, manchmal auf Tour. Jetzt ist Saison für ein paar Auftritte, um den Leuten zu zeigen, wer hinter der Energie eines Albums steckt.

Was macht ein Produzent eigentlich? Zu Shakira sagen, dass sie mal ein paar Bläser braucht oder Carlos Santana zum Hip Hop bekehren?

Jean: Ich war als Teenager der Kapitän einer Jazz Band und übernahm später den Chor in der Kirche meines Vaters. Ein Produzent ist eine Art Komponist, er sagt, wie die Melodien aussehen müssen, wie die Energie zu einem Künstler kommt. Das sieht für Shakira, Santana oder Tom Jones jeweils anders aus. Deshalb hat man mir ja das Etikett „Eklektiker“ angeheftet, einer, der sich aus vielen Sachen was zusammenklaubt und Neues schafft.

Das Musikbusiness wandelt sich dramatisch schnell. Hat man mit einem Mega-Hit à la „Happy“ von Pharrell Williams heute ausgesorgt, oder muss man dauernd auf Tour gehen, damit man auch im Alter noch von seiner Musik leben kann weil CD- oder Internetverkäufe nicht mehr so viel einbringen?

Jean: Jay-Z gibt Konzerte, Puff Daddy ist auf Tour: Das Modell hat sich geändert. Viele Leute holen sich ihre Musik gratis aus dem Netz. Man muss also körperlich erscheinen, denn das können die Fans sich nicht downloaden. Das bleibt einzigartig und hält die Musik frisch. Man muss seine Musik live promoten, sonst bleibt man ein Geist für die Leute. Ich möchte aber Musiker und junge Produzenten ermutigen, sich alle Rechte zu sichern, denn allein von zehn Millionen Klicks auf Youtube kann man nicht leben.

Sie unterstützen ihre bettelarme Heimat Haiti und wollten sogar Präsident werden. Was hat sich seit dem verheerenden Erdbeben 2010 dort geändert?

Jean: Die Lage hat sich verbessert, Haiti ist einen Schritt weiter. Präsident Michel Martelly (auch ein Sänger, die Red.) macht einen großartigen Job. Es ist nur so, dass die Erinnerung der Öffentlichkeit kurzlebig ist. Alle zehn, 15 Tage gibt es ein neues Desaster, das Haiti aus dem Bewusstsein drängt. Das Stärkste, was man machen kann, ist: ein Ticket kaufen, hinfliegen, einem Waisenkind ein paar Schuhe schenken, das verändert mindestens ein Menschenleben. Die Haitianer sind sehr kluge Leute und haben eine wunderbare Insel. Jeder kennt Jamaika oder die Dominikanische Republik. So schön könnte es auch auf Haiti werden.

Sie haben Barack Obama unterstützt, als er 2008 für die Präsidentschaft kandidierte. Ist er noch Ihr Präsident nach diversen Kriegen und nicht eingelösten Versprechen?

Jean: Ja, Barack Obama ist ein erfolgreicher Präsident trotz aller Hindernisse, die ihm der amerikanische Kongress in den Weg legt.

Lauryn Hill, die ehemalige Sängerin der Fugees, tritt demnächst ebenfalls in Hamburg auf. Wäre trotz aller musikalischen und persönlichen Differenzen zwischen Ihnen ein Comeback der Fugees denkbar?

Jean: Bono von U2 hat mir mal gesagt, die Fugees seien die Beatles des Hip Hop gewesen. Ich würde ein Comeback nicht ausschließen. Vielleicht machen wir ja wieder ein Album zusammen.