Abendblatt-Kettenkrimi

Zweiter Teil

Hamburger Autorinnen und Autoren schreiben exklusiv im Abendblatt einen Fortsetzungskrimi: Ein Autor beginnt, der zweite setzt die Geschichte fort, dann übernimmt der dritte … Immer donnerstags erscheint eine der insgesamt acht Folgen. Heute: Teil 2

Hauptkommissar Peter Meran blickte auf seine Uhr. Dreiundzwanzig Minuten waren vergangen, seitdem die uniformierten Kollegen ihn im Polizeistern alarmiert hatten. Er rückte den Einsatzgürtel, an dem Dienstwaffe, Taschenlampe und Handschellen befestigt waren zurecht und schritt auf das Portal des Michel zu. Ein Kollege stand am Eingang und grüßte ihn durch ein kurzes Nicken.

„Haben Sie die Tote gefunden?“, fragte Meran.

„Die beiden Kollegen sind unten“, sagte der Polizist, der kaum älter als Mitte zwanzig sein konnte. „Ich soll hier nun absichern.“

„Unten?“

„Das Opfer liegt in der Krypta. Direkt neben dem Grab vom Bach.“

„Was für ein verdammter Bach?“

„Na, der Komponist. Der Hamburger Bach eben.“

„Großer Gott“, sagte Peter Meran und stieg die Treppe hinunter. Gleich am Eingang stand seine Kollegin Philine Clausen. Spurenermittler in Overalls sicherten den Tatort mit Flatterband und begannen nummerierte Schildchen aufzustellen. Der Polizeifotograf umrundete auf Plastikschonern die am Boden liegende Frau und feuerte Blitze auf den Tatort ab.

„Fremdverschulden?“, fragte Meran.

„Der Schal dürfte sich nicht allein zugezogen haben“, sagte Clausen. „Da sind Einblutungen in den Augen und Male deuten auf Gewalteinwirkung gegen den Hals.“

Meran nickte und streifte sich die Plastiküberzüge über die Schuhe.

„Zeugen?“, fragte er.

„Geben nicht viel her“, sagte Clausen und deutete auf einen jungen Mann, der in sich zusammengesunken auf einem Stuhl saß.

„Jens Bauer macht hier Führungen und hat die Tote kurz vor Elf gefunden. Hat wohl erst gedacht, die Frau würde schlafen und hat sie umgedreht.“

Meran stöhnte auf. „Na toll.“

„Und dann haben wir noch einen Obdachlosen, der draußen etwas Seltsames gesehen haben will.“

„Und?“, fragte Meran.

„Das will er nur dem ‚Chef persönlich‘ mitteilen.“

„Und wo steckt der Mann?“

„Lässt sich im Einsatzwagen von den Kollegen mit Kaffee abfüllen.“

Meran machte ein paar Schritte auf die Tote zu. Die Frau lag verdreht auf den Steinplatten, unter denen sich uralte Gräber befanden. Ihr Gesicht zeigte in Richtung des Gewölbes über ihr.

„Irgendein Zusammenhang mit der Toten aus dem Fleet erkennbar?“

Clausen zuckte mit den Schultern.

Zwei Tote in Abstand von einer Woche! Das war recht ungewöhnlich. Entsprechend die Schlagzeilen in der Presse. Und zwar vor allem, weil ein Zeuge im Fall der Fleetleiche ein mittelalterlich anmutendes Wesen in der Nähe des Ablageortes gesehen haben wollte.

„Das Opfer hatte einen Ausweis bei sich“, sagte sie. „Irina Jung, 28 Jahre alt, keine Vorstrafen. Verheiratet.“

„Warum hier?“, sagte Meran mehr zu sich und blickte sich noch einmal um.

„Aufmerksamkeit? Eine Tat im Affekt? Keine Ahnung“, sagte Clausen und kritzelte etwas in ihr Notizbuch.

„So einen Ort sucht man sich sehr gezielt aus.“

„Die Frage ist, wie sind Täter und Opfer hier reingekommen“, sagte Clausen. „Normalerweise ist die Krypta nachts geschlossen. Allerdings …“

„Ja?“

„Es soll hier Geheimgänge geben.“

„Unsinn“, sagte Meran. „Was ist mit den Kollegen, die als Erste am Tatort waren?“

„Nichts“, sagte Clausen und deutete auf zwei Uniformierte, die neben dem zusammengekauerten Jens Bauer standen. „Ihnen ist nichts aufgefallen.“

„Warum also hier?“, wiederholte Meran.

*

Zwei Stunden später saßen Meran und Clausen in ihrem Büro. Die Befragung der Streifenpolizisten und des Touristenführers hatte nichts ergeben.

„Wirklich keine Verbindung zwischen der Frau aus dem Fleet und dieser Irina Jung?“, fragte Meran.

„Nicht erkennbar“, sagte Clausen. „Die Frau, die wir im Fleet gefunden haben, war um die sechzig. Die Tote aus dem Michel war jung. Die Auffindeorte liegen nun nicht gerade dicht beieinander, außerdem wurde die Frau aus dem Fleet mit einem stumpfen Gegenstand getötet.“

Draußen auf dem Gang war das kehlige Stammeln eines Mannes zu hören. Männerstimmen redeten beruhigend auf ihn ein, darauf ein paar Sekunden Stille. Plötzlich schrie der Mann: „Freiheit! Brüder zur Freiheit!“

Meran sah Clausen fragend an.

„Der Obdachlose, der angeblich was Besonderes gesehen hat“, sagte sie. „Die Kollegen haben ihn zur Vernehmung gleich mitgebracht.“

„Wahrscheinlich hat er eine schwarze Fledermaus gesehen, die sich vom Himmel auf das Opfer gestürzt hat. Was wissen wir überhaupt über die junge Frau?“, sagte Meran.

„Eigentlich nichts. Sie wohnte mit ihrem Mann in Wellingsbüttel, keine Kinder, keinerlei Vorstrafen. Kollegen haben ihn benachrichtigt, dass wir seine Frau gefunden haben.“

„Gibt es etwas zu dem Mann?“

„Jochen Kettels, auch da keine Einträge. Sie denken an ein Beziehungsdrama?“, fragte Clausen.

„Warum sollte es diesmal anders sein?“

„Aber warum in der Krypta?“

„Noch wissen wir nicht einmal, ob der Auffindeort auch der Tatort ist. Vielleicht wollte er sie an ihr Eheversprechen erinnern?“

„In einer geschlossenen Krypta?“, fragte Philine Clausen, die ihren Blick nicht vom Bildschirm hob.

„Freiheit!“, kam es vom Flur. „Der Adel an die Laternen!“

Dann begann der Mann mehr schlecht als recht die Marseillaise zu schmettern.

„Hier ist was“, sagte Clausen plötzlich. „Das erste Opfer, Gerda Lehnbrinck, hat bei einem mobilen Hospizdienst gearbeitet.“

„Einem was?“, fragte Meran.

„Sterbebegleitung in den eigenen Wänden. Die Leute wollen in ihren letzten Wochen und Monaten nicht ins Krankenhaus oder auf eine anonyme Sterbestation. Da kommen die Sterbegleiter ins Haus.“

„Und was hat das mit der Toten im Michel zu tun?“

„Die war bei einem Pflegedienst beschäftigt.“

„Eine ziemlich vage Verbindung“, sagte Meran. „Allerdings kommen sich die Leute da näher und mancher zeigt auf dem Sterbebett noch mal seine Dankbarkeit. Verschenkt hier einen Tausender und da ein Perlencollier … vielleicht hat sich da jemand betrogen gefühlt und macht nun Jagd auf die Betreuer.“

Clausen schüttelt heftig den Kopf.

„Passt nicht“, sagte sie. „Das erste Opfer war eine schwerreiche Reederswitwe, die da ehrenamtlich mitgemacht hat. Die lässt sich garantiert keine Perlenkette schenken.“

„Die Frage ist: Was noch könnte die Beiden verbinden?“ Meran erhob sich. „Wir sollten den Ehemann befragen …“

Draußen stimmte der Obdachlose jetzt Brüder zur Sonne zur Freiheit an. Meran schien es, als würden ein oder zwei Kollegen mitsummen, aber das konnte wohl unmöglich sein.

Er riss die Tür zum Flur auf und der Mann, der umrahmt von zwei Kollegen auf einer Bank saß, sprang in die Höhe.

„Chef, ich muss Sie sprechen“, sagte er. „Is’ wirklich wichtig.“

Dann drehte er sich kurz zu den beiden Beamten um und sagte: „Mir nach, Männer.“

Mit seinem Tross im Schlepptau marschierte er in Merans Büro.

„Was gibt es so Besonderes?“, fragte der Hauptkommissar, als sie Platz genommen hatten.

„Besonderes?“, fragte der Obdachlose. „Ich schätze das sehr, wie Sie sich ausdrücken.“

„Lassen Sie mich raten“, sagte Meran. „Sie haben eine schwarze Fledermaus gesehen, die aus dem Michel geflogen kam.“

Überraschung breitete sich auf dem Gesicht des Mannes aus. Dann schüttelte er den Kopf.

Meran spürte, wie sein Geduldsfaden zu reißen begann.

„Es war also eine Fledermaus“, stöhnte er.

„Dicht dran“, sagte der Mann, der vorgebeugt vor ihm saß. „Verflucht dicht dran. Das war eine Krähe oder ein Rabe. Und schwarz war die auch nicht, sondern sie hatte so ein braunes Tuch um.“

„Und dieses Vogelwesen …“

„Genau das war es, Chef! Ein Vogelwesen! Verdammich, ihr habt Worte hier im Polizeikanzleramt! Ein Vogelwesen, das ist es.“

„Fein“, sagte Meran. „Und dieses Vogelwesen ist also an Ihnen vorbeigeflogen?“

„Unsinn“, sagte der Obdachlose. „Der ist gelaufen. Ich hab noch gedacht, da findet Mummenschanz im Michel statt. Ein Kirchenfest oder so.“

*

Schweigend fuhren sie die Alsterdorfer Straße hinauf. Draußen wehte ein laues Lüftchen. Der Frühling hatte die Bäume mit einem zarten Grün versorgt.

„Diesen Vogelmenschen müssen wir ernst nehmen“, sagte Clausen.

„Unsinn“, sagte ihr Chef eine Spur zu barsch. „Irgendein verrückter Spinner hat davon gefaselt, als die Leiche aus dem Fleet gezogen wurde. Und nun setzt sich das in den Hirnen fest. Eine unheimliche Krähe in Menschengestalt … da gucken die Leute sogar mal von ihren Smartphones hoch. Wie wär's damit: Wir haben bei dem Mord im Michel einen zweiten Täter. Der hat von der sagenhaften Krähe in der Zeitung gelesen, vom Gevatter Tod ohne Sense. Er hängt sich einfach dran, indem er irgend so ein Kostüm anzieht.“

„Möglich, aber er riskiert dabei, aufzufallen.“

„Das ist ja der Trick: Niemand achtet mehr auf den Menschen dahinter. Wie ist er gelaufen, wie groß war er, Haarfarbe oder was für eine Gesichtsform hatte er? Hat er gesprochen und hatte er einen Akzent, überhaupt, war es ein Mann oder eine Frau. Nichts, außer: Es war eine Krähe.“

Zehn Minuten später bogen sie in einen Weg, der von Siebzigerjahre-Reihenhäusern gesäumt war. Die üppigen Vorgärten waren akkurat hergerichtet, vereinzelt standen Liegestühle, Spielgeräte und aufblasbare Planschbecken auf den Rasenstücken.

Das Haus, vor dem sie hielten, war hell erleuchtet. Selbst bei geschlossenen Autotüren hörten sie die Musik, die aus dem Haus drang.

„Das die Adresse der toten Irina Jung?“, fragte Peter Meran ungläubig.

Philine Clausen nickte. „Der Ehemann hat wohl was zu feiern.“

Es ist an der Zeit vorsichtiger zu sein, dachte Gesche. Da hatten sie diese Frau aus dem Fleet gezogen und ein Zeuge hatte von einem vogelähnlichen Wesen gesprochen. War das ein Zeichen, das sie nur richtig deuten musste? Eine Art himmlischer Warnung? Dabei hatten die Patienten ihr ihre Dankesbezeugungen doch stets aufgedrängt. Was war falsch daran, wenn sie dem letzten Menschen, der sich in dieser Welt um sie sorgte, ihre Dankbarkeit zeigten?

Sie schritt an St. Katharinen vorbei und sah auf die Uhr. Vielleicht sollte sie sich nach der Arbeit an die Landungsbrücken setzen. Den Kopf durchpusten. Früher hatte sie das öfter gemacht. Die Fähren beim Ablegen beobachten und dabei ein Fischbrötchen essen. An diesem schönen Frühlingstag waren bestimmt jede Menge Menschen am Hafen unterwegs. Und wo Menschen waren, da hielten sich die Krähen in Menschengestalt zurück.

Sie ging durch den Fußgängertunnel, beschleunigte ihre Schritte und trat erleichtert in den kleinen Park. Plötzlich hörte sie das Rauschen. Und heftige Atemzüge. Nein, jetzt nicht zur Seite sehen. Nur schemenhaft nahm sie die Gestalt in der braunen Pelerine wahr. Es kam ihr vor, als würde das, was sie da einholte, seine Flügel ausbreiten. Dann brach ein Ast, und krächzend stieg eine Krähe in den Himmel auf.