Schauspielhaus

„Fliegender Holländer“: Auf hohem Niveau gescheitert

Götz Schubert brilliert mit Posen und Gesten, Anne Müller spielt mit rotzig-verletzlicher Präsenz. Und trotzdem ist die „Ballade vom Fliegenden Holländer“ am Schauspielhaus eine wagnerbefreite Von-allem-etwas-Sause.

Hamburg. Offenbar hat die neue Hausherrin Karin Beier an einer zentralen Stelle ihrer Dramaturgie eine Material-Zentrifuge aufgebaut, um so die bedeutungsschweren Brocken aus klassischen Stoffen heraus und als szenische Verfügungsmasse in ihren ersten Spielplan hineinzuschleudern. Für die „Rasenden“ wurden antike Dramen rund um Troja püriert, in strenge Formen gegossen und episch ausgewalzt, für den „Sturm“ wurde Shakespeare geschreddert, für „Schuld“ Dostojewskis Überlänge-Roman halbiert, und jetzt, für Sebastian Baumgartens Schlaumeier-Grusical, wurde so ziemlich alles auf einen Ideen- und Thesenhaufen geworden, was die Literatur- und Sagengeschichte seit dem 16. Jahrhundert an Variationen zum „Fliegender Holländer“-Leidmotiv hergibt.

Baumgarten gilt als Regisseur mit einer Vorliebe für erschöpfende Spaziergänge über Meta-Ebenen und systemkritische Rezeptionsabklopfung. Das klingt anstrengend und soll es ja gern auch sein. Baumgarten misstraut schnellen Eindeutigkeiten, Texttreue oder einfache Auflösungen sind mit ihm nicht zu haben. Lieber vier Bühnenbild-Ideen zu viel als eine zu wenig, beim heiteren Beruferaten mit Robert Lemke wäre garantiert der erhobene Zeigefinger die Handbewegung seiner Wahl gewesen.

Mit seinen Ideen zu Wagners „Tannhäuser“ – die Biogas-Anlage im Finale war von schwer zu übertreffender Ignoranz – ist Baumgarten 2011 in Bayreuth ebenso übel wie verdient auf die Nase gefallen. 2013 inszenierte er das Wagner-Original des Seefahrer-Schauermärchens in Bremen als Wiedergänger-Albtraum mit Militarismus-Anspielungen. Für Hamburg durfte es nun eine Zutaten-Revueversion des Dramas sein, eine Fleißarbeit am Urtext, die sich normalerweise nur in ungelesenen Programmheft-Meditationen versendet, eine Von-allem-etwas-Sause, sehr dekorativ bebildert und die nächste Leistungsschau der Schauspielhaus-Bühnentechnik, die schon in den Premieren der letzten Wochen ständig am Limit gefahren wurde. Der Erkenntnisgewinn über den zur Unsterblichkeit verfluchten Niederländer und seine existenzielle Tragik hielt sich allerdings in Grenzen. Das große Ganze trennte auch in diesem Fall von Assoziations-Übergewicht nur ein gefährlich schmaler Grat vom allgemein Beliebigen.

Die Welt ist aus den Fugen. Die ganze Welt?

Wir schreiben das Jahr 2073 und sind dort, wo das Elend des Holländers begann. Die Welt ist aus den Fugen, ein Begrüßungsvideo mit apokalyptischem Soundtrack dokumentierte den Weg in den Abgrund. Die ganze Welt? Nein, ein unbeugsames Dorf, auf den utopisch zweideutigen Namen „Nieuwe Staat“ getauft, voller keusch gezüchteter Buren-Gouda-Produzentinnen leistet am Kap der Nicht so guten Hoffnung Widerstand durch Anpassung. Spinnen geht auch ohne Spinnrad.

Arbeiten und beten, das soll hier fürs kollektive Seelenheil sorgen, und für die Nachwuchsproduktion bringt Sektenhäuptling Daland, eine krude Mischung aus Indiana Jones und separatistischem Gotteskrieger, regelmäßig eine Ladung tumbdeutscher Samenspender – alle blond, alle blöd – von seinen Handelsreisen nach Europa mit an Land. Die Fräuleins gehorchen und sprechen deswegen wohl auch nur chorisch; einzig Senta, anders als die anderen, will nicht vom Bild des geliebten Holländers lassen. Und Erik (Paul Herwig), ihr Verehrer? Bei Wagner noch ein flotter Jäger, hier nur ein strohiger Diskurs-Zausel mit Wikingerbart, der sich in der Wildnis abwechselnd am eigenen Systemtheorie-Geschwafel oder an Fliegenpilzsuppe berauscht, bis ihm der Geist von Genosse Marx erscheint und ihn mit irgendwas vom Kommunismus-Traum zuquatscht. Kann aber auch Derrida oder Baudrillard gewesen sein. Oberseminar-Humor-Belehrung, die brav ertragen werden soll. Frauen bekommt man damit jedenfalls nicht rum.

Man ist fast beleidigt von der Kitsch-Überdosis

Echtes Leben in diese Versuchsanordnung bringt erst der tote Holländer. Bei seinem Auftritt schaltet Hauschkas Bühnenmusik dann auch von mittelmäßig durchgepaustem Weill, frömmelnden Choralsätzen und halb wachem Hintergrund-Swinggeklimper auf expressionistische Lautmalerei ganz alter Schule um. Kein Wagner also, dafür aber ein eher lauwarmer „Sinfonie des Grauens“-Aufguss. Denn Götz Schubert, von Kopf bis Fuß in schwarzes, sehr benutzerunfreundliches Latex gesteckt und ein fleischgewordener Spannungsbogen, spukte mephistophelisch durchs Bild. Er brillierte mit Posen und Gesten, die jedem Stummfilm-Freund aus dem Klassiker „Nosferatu“ bekannt vorkommen dürften. Wer hat hier noch Angst vorm schwarzen Mann? Alle – außer Senta, die Anne Müller mit rotzig-verletzlicher Präsenz spielt, die ist hin und weg, ergibt sich in ihr Schicksal, seine Erfüllungsgehilfin bei der radikalen Aufräumarbeit unter den Sterblichen zu sein. Dafür darf sie, nachdem ihr Vater sie mit Elektroschock-Erziehungsmaßnahmen bearbeitet hatte, am Ende Hand in Hand mit der Droge ihres Vertrauens vom Boden der Tatsachen abheben. Sie weiß, er schwarz und ein Bilderbuch-Schluss mit Holländerchens Himmelfahrt, der so plakativ und stumpf daherkommt, dass man fast schon beleidigt ist von der Kitsch-Überdosis, die Baumgarten auf seinen letzten Textbuch-Seiten raushaut, als wäre das Ganze doch nur eine „Rocky Holländer Picture Show“ ohne Reiswerfen und Mitsingenkönnen.

Bleibt noch die Stiftung-Premierentest-Frage zu beantworten, erst recht nach dem einhellig freundlichen, aber eher kurzem Schlussapplaus: Was war das nun, und vor allem: wie? Überehrgeizig und deswegen unentschieden. Mann könnte dieses Musik-Theater-Experiment als gescheitert betrachten. Das allerdings auf hohem Niveau.