Premiere mit Charly Hübner

„Schuld“ am Schauspielhaus: gespaltene Persönlichkeit

| Lesedauer: 5 Minuten
Armgard Seegers

Sind wir nicht alle ein bisschen Raskolnikow? Diese Frage stellt sich Regisseurin Karin Henkel bei ihrer Inszenierung von „Schuld“, dem ersten Teil ihrer Bühnenfassung des Dostojewski-Romans „Schuld und Sühne“.

Hamburg. Raskolnikow heißt der Titelheld in Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“, der Name bedeutet so viel wie „der Gespaltene“. Raskolnikow ist ein bettelarmer Student, der einen fast perfekten Mord an einer Pfandleiherin begeht, weil diese, - aus seiner Sicht – unberechtigterweise über Geld verfügt. „Es gibt Tausende, die zugrunde gehen und die hat alles“, sagt er. Bis es aber zum Mord kommt, bewegt Raskolnikow alle Argumente, die für und wider die Tat sprechen hin und her. Er zaudert, zweifelt, bekommt Skrupel, redet sich dann zwanghaft in Rage über die Ungerechtigkeiten dieser Welt, treibt sich an.

Regisseurin Karin Henkel hat den ersten Teil des 800-seitigen, gewaltigen Romans unter dem Titel „Schuld“ nun im Malersaal des Schauspielhauses inszeniert. Ihr Gespaltener, ihr Raskolnikow wird von sechs Schauspielern verkörpert, auf die der Gedankenfluss des Helden sowie einzelne Szenen des Romans verteilt, also aufgespalten wird. Sie fallen einander ins Wort, ergänzen sich, sprechen im Chor wenn sie die Tat umkreisen. Soll ich oder soll ich nicht? Sie sitzen in der Kneipe und besaufen sich, sie erzählen von der Armut, die Sonja in die Prostitution treibt und Raskolnikows Mutter dazu, ihre Tochter an einen reichen Schuft zu verheiraten. Sie zittern, flehen, prügeln sich. Auf der Bühne (Thilo Reuther) sieht man das Haus der Pfandleiherin als Bild projiziert, ein paar schäbige Hochbetten, einen Abtritt und vorne rechts einen Tisch, von dem viele, Seiten gefallen sind.

Karin Henkel hat den zweistündigen Abend als Theater-Probe inszeniert. Noch wird nur probiert, wie der Mord aussehen könnte, noch ist alles ungewiss, genauso wie Raskolnikow im Ungewissen ist, ob er die Tat begehen soll. Und noch scherzt man auch herum, dass man diesen Abend ja nur als Vorabend eines größeren aufführen würde. Eigentlich hatte Karin Henkel geplant, den gesamten Roman auf die große Bühne zu bringen. Doch nach dem Bühnenunfall mit dem Eisernen Vorhang, der den Spielplan des Schauspielhauses gehörig durcheinander wirbelte, wird nun erst mal das Schuldigwerden des gescheiterten Jurastudenten Raskolnikow gezeigt, bevor in der kommenden Spielzeit, der umfangreichere Teil „Sühne“ herauskommt, in dem erzählt wird, wie Raskolnikow an seinen Schuldgefühlen scheitert.

Henkel steht ein glänzendes Ensemble zur Verfügung, allen voran Lina Beckmann und Charlie Hübner. Aber auch Angelika Richter, Matthias Bundschuh, Jan-Peter Kampwirth und Bastian Reiber, die alle gemeinsam Gedanken und Zweifel des Titelhelden spielen, die Freund, Mutter, Schwester und Wirtshausbekannte fragmentarisch vorführen, überzeugen. Jeder zeigt eine andere Facette des Charakters. Der magere Kampwirth zittert, was das Zeug hält, scheint überängstlich und antriebslos, bevor er es ist, der am Ende die Tat begeht. Da wird ein Skelett auf den Boden gelegt und mit roter Farbe übergossen. Die Axt, mit der er der Frau und ihrer Schwester den Schädel spaltet, trägt er nur mit sich herum. Und nun kann Charlie Hübner, der zuvor als bäriger Kraftprotz mit russischer Seele das Bühnengeschehen maßgeblich prägte, seinen durchs Fernsehen bekannten TV-Kommissar einbringen und Kreidelinien um die Toten ziehen und als Ermittler auftreten.

Matthias Bundschuh spielt das Grüblerische des Charakters, Bastian Reiber den jugendlichen Zorn („Soll ich anständig sein, wenn die Welt so verdorben ist?“), Angelika Richter das Aufrechte. Sie ist auch die jugendfrische Schwester, die verheiratet werden soll. Als deren Mutter zeigt Lina Beckmann Commedia dell’Arte-Talent. Rollt mit den Augen, zirpt, tupft sich die Stirn, girrt, balzt – keine Mutter der Nation, Inge Meysel, war je so komisch.

Wunderbar auch die Szene, als eine kleine Kneipe hereingerollt wird, in der Alain Croubalain Banjo spielt und die Darsteller sich betrinken sollen. Beckmann glänzt auch hier, wenn sie blau ist, poltert und redet Quatsch, dass es eine Freude ist. Wie es das Klischee vom betrunkenen Russen will, weint das Ensemble lautstark heulend. So ähnlich muss es klingen, wenn das bayerische Parlament über den Länderfinanzausgleich für Berlin abgestimmt hat.

Man muss sich einlassen, auf diesen Theaterabend, der auch ein wenig mit Metaebenen arbeitet. Michael Prelle spielt da einen Hamburger Maler, der das Bühnengeschehen stört, weil er die Wände schwarz anmalen soll. Ob das der Wahrheitsfindung dient? Insgesamt aber ein anregender, schauspielerisch überzeugender Abend.

Weitere Termine: 10./19./20.2, 4./13./14.3