„Die Rasenden“

Dramatischer Urknall – das Schauspielhaus ist zurück

Intendantin Karin Beier gelingt zur Eröffnung ihrer ersten Saison mit dem Antike-Projekt „Die Rasenden“ ein großer Wurf. Die knapp siebenstündige Aufführung wird den hohen Erwartungen mehr als gerecht.

Hamburg. Karin Beier hat ihre erste Spielzeit als inszenierende Intendantin am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg mit einem dramatischen Urknall eröffnet. Im Antike-Projekt „Die Rasenden“ mit 120 Schauspielern, Musikern und Chorsängern fasst die Regisseurin in einer knapp siebenstündigen Aufführung fünf Stücke und eine Komposition zu einem wort- und bildmächtigen Kosmos zusammen und erzählt mit Euripides, Sartre, Aischylos und Hofmannsthal Geschichten vom blutigen Beginn der Zivilisation bis zu ihrem, so scheint es nach diesem Abend, akut bevorstehenden Ende. Parallel zur vielschichtigen Historie der Errichtung der griechischen Säule der abendländischen Kultur – inklusive früher Zivilisationsschäden – spiegelt sich in den Stilelementen der Inszenierung die Theatergeschichte als Zivilisationsstory.

Das kontinuierlich aus Rache vergossene Blut zieht sich als roter Faden durch den Abend wie sonst durch die Menschheitsgeschichte. Mit den fünf Dramen stellt Beier zugleich ihr neues Ensemble vor, das mit einer Glanzleistung auf den hohen Erwartungsdruck antwortet, der wegen der mehrfach verschobenen Eröffnung auf dem Theater lastete.

Den Auftakt des großen Eröffnungswurfes machte am Sonnabend „Iphigenie in Aulis“ nach Euripides, dem antiken Mythenzertrümmerer. Im formal strengen Auftakt der „Rasenden“ vollzieht sich vor hölzernen und schwarzen Kulissenwänden das Schicksal der Iphigenie (Anne Müller), die von ihrem eigenen Vater Agamemnon (Götz Schubert) laut göttlicher Verfügung geopfert werden soll, damit die griechische Flotte auf dem Feldzug gegen Troja Wind in die Segel bekommt. Im engagierten Elternstreit um das Leben der Tochter tragen Agamemnon und Gattin Klytämnestra (Maria Schrader) überlebensgroße Masken vor dem Gesicht, die wirken, als seien sie soeben aus einem antiken Relief geschnitten worden. Beide halten ihre Plädoyers, er für, sie gegen den Kindermord, auf Podesten und unterstreichen ihre Argumente mit ausladenden Gesten. Strippenzieher Menelaus (Yorck Dippe), Agamemnons Bruder, gelingt es, das Opfer durchzusetzen. Als Iphigenie ohnmächtig niederstürzt, nachdem sie verkündet hat, dass sie freudig zum Wohle der Nation in den Tod gehe, blendet Beier zu einem Konzert über, das Opfer darf fortan als vollzogen gelten.

Hinter der Sperrholzwand kommt das klassische Orchester Ensemble Resonanz zum Vorschein und spielt auf der Bühne die Komposition „Eine große Stadt versank in gelbem Rauch“ von Jörg Gollasch. In allen Dramen des Abends verstärken durchgehend einzelne Musiker des Ensembles, meist an Cello und Schlagwerk, die Atmosphäre mit Livemusik. Im Konzert des ganzen Orchesters wird Troja vor unseren Ohren musikalisch niedergebrannt, vernichtet von der „Mutter aller Kriege“, dem Trojanischen Krieg. Dabei öffnet die Musik weite Assoziationsräume.

Das Konzert endet in Sprühnebelregen, sämtliche Orchestermitglieder stürzen samt ihren Instrumenten tot zu Boden. Da bedeutet Troja auch Hiroshima, der Regen Napalm, radioaktive Strahlung oder den Einsatz von Chemiewaffen. Von diesem erschütternden Bild an sind bei fast allen Figuren und Szenen Mehrfachdeutungen zwingend. In den „Troerinnen“ von Sartre nach Euripides, dem Abschluss des ersten Blocks der „Rasenden“, hängt ein megafonförmiger Lautsprecher über der Szene. Aus ihm erschallen Befehle des Griechen Talthybios (Carlo Ljubek). Der kommandiert die Trümmerfrauen Trojas, lässt sie bis zur Erschöpfung Sandsäcke über die Bühne schleppen. Da ist das zerstörte Troja auch ein KZ, ein Gulag, da lässt Talthybios auch an Adolf Eichmann, an Stalin denken, steht für Völkermorde. Die Troerin Andromache (Lina Beckmann), deren Sohn die Griechen töten, schleudert den Eroberern den Vorwurf der Barbarei entgegen. Kassandra (Rosalba Torres Guerrero) entfesselt archaische Stammestänze, schreiend prophezeit sie den Tod. Hekuba (Julia Wieninger) trauert um ihre Söhne und ihren Gatten. Kriegsanlass Helena (Angelika Richter) singt als Marilyn Monroe „Happy Birthday, Mister President“ um das Herz Menelaus zurückzugewinnen und dem Tod durch Steinigung zu entgehen.

Helena singt als Marilyn Monroe „Happy Birthday, Mister President"

Nach der ersten Pause wechselt Beier den Spielstil und entfesselt im glitzerrot gerahmten Wohnsitz der Iphigenie-Eltern (Bühne: Thomas Dreißigacker) den ersten Teil der Orestie. Der üppig ausgestattete, überladene barocke Edelpalast und -puff mit Stripteasestange und Königsthron beherbergt eine Küche samt Personal, einen Schlachthauscontainer, in dem gekühlte Schweinehälften baumeln, ein üppiges Obstbüffet, von dem der Chor der Greise nascht. Der Boden ist von Äpfeln bedeckt. In dieser Hölle erschlagen Klytämnestra und ihr Geliebter Ägisth (Markus John) den vom Krieg heimkehrenden Agamemnon per Beil im Bade. Der Chor der Greise (Joachim Meyerhoff, Michael Wittenborn, Gustav Peter Wöhler) lässt die Tragödie immer wieder in eine Komödie kippen. Götter werden als Barbaren entlarvt. Meyerhoff imitiert urkomisch die Tänze der Kassandra, kurz bevor sie ermordet wird. Im Schlachthaus überdröhnt nach dem Doppelmord eine Party den Tatort, bei der ein halbes Schwein am Kristalllüster baumelt.

Schließlich ereilt nach der zweiten Pause – jetzt im Regietheater unter Elektroeinsatz – in „Elektra“ nach Hugo von Hofmannsthal Klytämnesta ihr Schicksal von der Hand ihres Sohnes Orest. Über weite Strecken spielen Gaststar Birgit Minichmayr als Elektra und Lina Beckmann als Chrysothemis im Film, der über zwei Leinwände läuft. Doch anders als im rasant zwischen Tragödie und Komödie kippenden zweiten Teil schließt sich hier in konzentriertem Spiel mit dem mächtigen Wort Hofmannsthals der Kreis zum klassischen Auftakt. Nach der Rache des Orest (Carlo Ljubek) an seiner Mutter kommt es zum Freispruch.

Im letzten Stück des Abends, den „Eumeniden“ nach Aischylos, führt Beier elegant alle intellektuellen Fäden zusammen. Die Rachegöttinnen, die Erinyen sind von den Olympiern in Eumeniden, in Wohlmeinende verwandelt worden. Während Joachim Meyerhoff „verschmierte Zustände“ aus der Quantenphysik erläutert, geht sein wohlmeinender Kollege Michael Wittenborn der Frage „Freiheit oder Determinismus“ nach. Gustav Peter Wöhler fabuliert wohlmeinend über die Stringtheorie und Schwarze Löcher, in denen das All eines Tages kollabieren wird. Fast alles ist relativ. Mit absoluter Sicherheit steht nur fest: Das Schauspielhaus ist zurück, in der Stadt und als eines der führenden Theater im deutschsprachigen Raum.