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Der Kampf um die Macht beim "Spiegel"

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Wolfgang Büchner, Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur soll künftig den "Spiegel" und "Spiegel Online" leiten.

In Zeiten größter Unsicherheit haben wilde Gerüchte Hochkonjunktur, beispielsweise beim "Spiegel". Dort weiß keiner, was die Zukunft bringt, seit die Mitarbeiter KG als Hauptgesellschafter des Nachrichtenmagazins und die Ressortleiter auf der einen sowie Geschäftsführer Ove Saffe und der designierte Chefredakteur Wolfgang Büchner auf der anderen Seite sich einen Machtkampf liefern, bei dem es nur vordergründig um den "Bild"-Mann Nikolaus Blome geht, den Büchner zu seinem Stellvertreter machen will. Im Verlagshaus auf der Ericusspitze kursiert das Gerücht, Büchner würde sein neues Amt bereits diesen Montag und nicht, wie ursprünglich geplant, erst am 1. September antreten – und zwar auf Wunsch der Geschäftsführung.

Das ist so nicht richtig, denn der künftige "Spiegel"-Chef steht, obwohl er mittlerweile freigestellt ist, bis Ende des Monats in Diensten der dpa. Tatsächlich wird er Montag aber in Hamburg weilen, um in Gesprächen mit den Ressortleitern, aber auch mit einfachen Redakteuren, die Wogen zu glätten, die er vergangenen Mittwoch bei der Verkündung der Personalie Blome selbst aufgewühlt hat. In Büchners Umfeld heißt es, der künftige "Spiegel"-Chef sehe mittlerweile ein, dass er wohl etwas zu barsch auf Fragen wie die reagiert habe, ob die Berufung Blomes Ausdruck eines Richtungswechsels beim "Spiegel" sei. Diese Frage stelle sich nicht, hatte Büchner am Mittwoch geblafft.

Doch in einem zentralen Punkt wird der 47-Jährige nicht klein beigeben. Blomes Berufung zu seinem Stellvertreter sei, so Vertraute, für ihn nicht verhandelbar. Der Eindruck verstärkt sich , dass Büchner erst vor kurzem erfahren hat, dass nach Auffassung der Mitarbeiter KG die Ernennung neuer stellvertretender Chefredakteure prinzipiell von ihr abgesegnet werden muss. Vorausgesetzt, Büchner wusste wirklich nichts davon, wäre es interessant zu wissen, warum ihn sein künftiger Vorgesetzter, "Spiegel"-Geschäftsführer Saffe, nicht ins Bild gesetzt hat. Weil die "Spiegel"-Geschäftsführung schon seit Jahren in diesem Punkt eine andere Rechtsauffassung als die KG hat? Das hat Saffes Vorgänger nicht daran gehindert, die Berufung von Vize-Chefredakteuren einvernehmlich mit den Mitarbeiter-Vertretern zu regeln. Ein Schiedsgericht brauchte man nicht.

Wenn Saffe nun aufs Ganze geht, kann er das nur mit der Unterstützung von Gruner + Jahr und der Erben des Magazingründers Rudolf Augstein tun, den beiden anderen "Spiegel"-Gesellschaftern. Wie es in Branchenkreisen heißt, stehen beide Anteilseigner fest zum ihm. Angeblich soll Jakob Augstein an der Verpflichtung Blomes, mit dem er eine gemeinsame Talkshow auf Phoenix hat, nicht unbeteiligt gewesen sein.

Es geht also längst nicht mehr um eine simple Personalie. Es geht um die Macht beim "Spiegel". Es sieht ganz so aus, als solle Saffe im Auftrag der beiden Minderheitsgesellschafter den Einfluss der Mitarbeiter KG eindämmen, die 50,5 Prozent der "Spiegel"-Anteile hält. Offenbar befürchtet man bei Gruner + Jahr, aber auch bei den Augsteins, die Mitarbeiter KG sei zu einer grundlegenden Reform des Spiegel-Verlags nicht in der Lage. Der Umbau des Zeitschriftenhauses in ein digitales Medienunternehmen hat für die Minderheitsgesellschafter absolute Priorität. Der Mitarbeiter KG wird hingegen unterstellt, ihr gehe es vorrangig um die Sicherung eigener Pfründe. Wenn beispielsweise der "Spiegel" mit seiner Tochter "Spiegel Online" zusammengelegt werden sollte, würden die Online- auf Kosten der Print-Kollegen von den jährlichen Gewinnausschüttungen profitieren.

Büchner hat bei der Zusammenstellung seiner Mannschaft von Saffe völlig freie Hand bekommen, heißt es. Offenbar will er noch einige Ressortleiter auswechseln. Immer wieder fällt in diesem Zusammenhang der Name von Kultur-Chef Lothar Gorris.

Der Ausgang des Machtkampfs ist offen. Mittwoch werden sich die Mitarbeiter zu einer Informationsveranstaltung treffen. Zu einem späteren Zeitpunkt ist eine außerordentliche Gesellschafterversammlung der KG geplant.

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