Richard Ford

Das Schreiben ist ein langer, ruhiger Fluss

In seinem neuen Roman "Kanada" überschreitet Richard Ford nicht nur geografische Grenzen. Er war für eine Lesung in Hamburg.

Hamburg. Zuerst soll vom Buch einer anderen erzählt werden, auf das Richard Fords wütende Frau 1986 geschossen hatte. Dann von den Dingen, die er außerdem erwähnte.

Doch, doch, die funktioniert ganz ordentlich, diese Art des Geschichten-Einstiegs, um einen Leser hineinzuholen in eine Welt, in der ganz eigene Gesetze gelten. Für Richard Ford und seinen neuen, großartig unaufdringlich komponierten Roman "Kanada" (Hanser Berlin) war dieser "ziemlich schlichte Köder" derart effektiv, dass kaum eine Rezension ohne dickes Lob für den Anfang seines neuen Buches auskam. In Fords Version berichtet die Hauptfigur allerdings von einem Banküberfall seiner Eltern. Und außerdem werden Morde erwähnt.

"Komisch", amüsiert sich Ford und sein Südstaaten-Akzent wird noch eine Spur breiter, "ich fand den letzten Satz viel interessanter. Für den Beginn hab ich zwei Monate gebraucht. Aber ,Wir versuchen es. Wir alle. Wir versuchen es' ...", Pulitzerpreisträger-Fingerschnippen, " ... das war auf einen Schlag da. Die ersten Teile des Romans haben ja die ganze Arbeit erledigt, jetzt muss man den Leser nur noch auf anständige Weise aus dem Buch herauskriegen."

Anständigkeit, das ist wieder eines jener Richard-Ford-Worte, es sieht, so für sich stehend, nicht besonders groß aus, wird es aber, wenn man es genauer betrachtet. Es gebe auch noch andere: Angst, Schicksal. Scheitern, Liebe. Leben, Glück. "Alles in Ordnung", findet Ford, "bis auf das Scheitern. Das interessiert mich nicht besonders."

Ford war im Rahmen seiner Lese-Tourneen durch die USA und Europa nun auch in Hamburg gestrandet, um die Geschichte eines klugen Teenagers vorzustellen, der 1960, nach dem kläglich gescheiterten Banküberfall seiner Eltern aus Montana über die Grenze nach Kanada gerät, in ein sonderbares Paralleluniversum direkt neben den USA, in dem man Wildenten jagt und wildfremde Menschen erschießt, weil es ab einem gewissen Punkt im Leben notwendig ist. Bei der Lesung im Magazin-Kino übernahm Christian "The Voice" Brückner den deutschen Part, mit lakonischer Lässigkeit und diesem vom Rest der Welt verwunderten Staunen in den Zwischentönen, das keiner so gut hinbekommt wie das Stimmband-Double von Robert De Niro. Ford saß fast nur so da, wie eine Requisite seiner eigenen Erzählweise.

Gern würde er nun auch mal einen kürzeren Roman schreiben, hatte Ford einige Stunden zuvor erzählt, im verglasten Separee der Buchhandlung Sanftleben, während nur das Herbstlicht ständig seine Laune wechselte. Er schuldet seinem Verlag noch einen. Kürzer, das hieße in Fords Wort-Währung, so um die 150 Seiten. "Bei ,Kanada' hatte ich anfangs das Gefühl, es würde kurz werden, aber mittendrin änderte ich meine Meinung und wollte das so nicht mehr." Also hat "Kanada" jetzt 460 Seiten. Keine ist überflüssig. Womit wir uns, bildlich gesprochen, von der Alster nach Maine begeben könnten, zur Tiefkühlruhe von Ford und seiner Frau.

Seine Nachbarn in Maine - die Ford nicht kennt, was er gut findet - würden dort nur Vorräte lagern. Vielleicht die eine oder andere Jagdbeute. Ford mag das Jagen sehr. Er aber legte 1989 die 20 Ursprungs-Seiten für seinen siebten Roman auf Eis. Falls mal das Haus abbrennt, da wäre der Geschichten-Embryo garantiert sicher, dachte er sich damals. Im Laufe der Zeit wurden es Hunderte von Notizzetteln. Ford hat immer ein Notizbuch in der Hosentasche, auch heute, ein Griff, ein Blättern als Beweis. Seit zwei Tagen nichts geschrieben, grummelt er, das sei aber egal, es würde ihm schon wieder etwas einfallen.

Momentan lagern in der Tiefkühltruhe kein Roman und noch etwa vier Storys. "Eine ist noch nicht mal getippt. Ich hab die Kraft dafür noch nicht gefunden. Diesen Winter muss ich sie rausholen und sehen, ob alles zusammenpasst." Und was ist mit Frank Bascombe? Dem tragischen Helden aus seiner Sportreporter-Romantrilogie, die über einen amerikanischen Suburbia-Jedermann, seine Höhen und Tiefen erzählte, wird der wiederbelebt? "In Romanform? Das kann ich mir nur schwer vorstellen. Das wäre so anstrengend! Ich habe Unmengen von Notizen für ihn. Doch wenn all das nicht zu einem Buch zusammenklumpt, kann ich auch damit leben." Dell Parsons andererseits, der "Kanada"-Held, der soll garantiert nicht durch irgendeine Hintertür wiederkommen. "Damit bin ich durch. Ich bin durch mit Montana, ich bin auch durch mit dem Erzählen in der ersten Person."

Vor drei Jahren hatte Ford seine Zettelstapel für "Kanada" aufgetaut und mit dem begonnen, was er neben seiner Frau, gutem Südstaaten-Blues, den weltverlorenen Herzensbrecher-Tönen aus der Trompete von Chet Baker ("my kind of jazz"), traditioneller Bluegrass-Musik, der nostalgischen Americana-Symphonik Aaron Coplands und vielen anderen Dingen, die in einer knappen, amüsant verplauderten Stunde natürlich und leider unerwähnt blieben, am meisten liebt.

Ein freundliches, hausfrauenkompatibles Buch ist in seinem Werkkatalog nicht zu entdecken. "Den Wunsch verspüre ich schon, aber ich glaube nicht, dass das herauskäme, würde ich mich hinsetzen, um so etwas zu schreiben. Von Natur aus bin ich eine grübelnde Person. Sobald ich anfange, würde ich grübeln, mit Sätzen herumfummeln und von diesem Weg abkommen. Freunde von mir schreiben solche Bücher. Aber ich mag diese Bücher nicht."

Ford lächelt inzwischen praktisch ununterbrochen, wir reden über New Orleans, wo er lange lebte und seinen Zahnarzt hat, über die Musik dort, die Wahnsinnigen, das Lebensgefühl und das Essen, die Sonne scheint, hin und wieder. Wir sind unter uns. Also denn, was soll noch passieren: Das letzte wirklich tolle Buch, das er geschrieben hat? "So denke ich nicht über Dinge", antwortet Ford. "Jemand sagte über John Updike, dass er im Lauf seines Lebens einen Weg gefunden hat, alles, was ihm wichtig war, in seinen Büchern untergebracht zu haben. Das ist mein Ziel. Perfektion wäre schön! Es wäre schön, wenn meine Anstrengungen so etwas hervorbrächten. Aber sie tun's einfach nicht und werden es wohl auch nicht. Ich mochte bisher jedes meiner Bücher. Das wird genügen müssen."

Gut, gekonnt gekontert. Ford konnte aber auch mal anders. 1986 war es, als "Sportreporter", der erste Bascombe-Band, von der Autorin Alice Hoffman in der "New York Times" eine schlechte Kritik bekam. Die Geschichte mit dem erschossenen Buch, die zu Beginn versprochen war und noch fehlt. "Meine Frau war das!", sagt Ford. Hoffmans Verlag habe ihm eines ihrer Bücher geschickt, mit der Bitte um ein Klappentext-Zitat. Keine wirklich schlaue Idee, wenn es so stimmt. Frau Ford nahm damals ein Gewehr und durchlöcherte den Band, sagt ihr Mann. Als eine Woche später ein zweites Exemplar in der Post war, übernahm Ford das Löchern selbst. Scheint Spaß gemacht zu haben, auf die Autorin sei er auch heute noch nicht gut zu sprechen. Beide Bände gingen damals an Hoffmans Verlag zurück. "An den Verlag! Nicht an sie! Das wäre unfreundlich."