Literatur

Nur noch ohne meine Mutter - Schreiben als Therapie

Foto: Hamburger Abendblatt / Andreas L / Andreas Laible

Als Kind wurde Mona Michaelsen jahrelang von ihrem Stiefvater missbraucht. Jetzt hat sie ihr Schicksal auf beispiellose Weise öffentlich gemacht.

Ruckartig wird die Tür entriegelt, die Angst tritt ein. Mitten in der Nacht. Jetzt geht er wieder los, der Albtraum, der ihr Trauma werden wird. Sie zwingt sich, an etwas Schönes zu denken. Zum Beispiel daran, wie dieser Mann, der ihr seinen Atem aus Tabak und Suff heftig keuchend ins Gesicht bläst, überfahren wird. Oder daran, wie viel Spaß es machen würde, mit einer Schaufel so lange auf seinen Schädel einzuschlagen, bis er in tausend Stücke zerbersten würde. Minuten, die zur Ewigkeit werden, liegt sie zitternd da und lässt es über sich ergehen. Sie weint leise. Und sie schreit so leise, dass nur sie es hören kann.

Das kleine Mädchen stellt sich schlafend. Verschließt die Augen. Wie die Mutter es immer tut. Und die Großeltern. Und eigentlich dieses ganze verdammte Dorf bei Cuxhaven.

Das Mädchen von damals ist längst eine Frau. Mona Michaelsen nennt sie sich, 45 Jahre ist sie alt. "An meine Kindheit habe ich viele Erinnerungen", sagt sie. "Nur ist keine einzige davon schön." Während ihre Hände nervös um die Teetasse herumfahren, kämpft sie mit den Tränen. Und mit den Worten. Jahrzehntelang hat sie sie zurückgehalten. Hat kein einziges verloren. Darüber, wie dieser Mann, den sie "Papa" nennen musste, obwohl er gar nicht ihr leiblicher Vater war, sie in den 60er-Jahren fast jede Nacht angefasst hat. Wie dieser Mann, mit dem ihre Mutter in Kürze goldene Hochzeit feiert, sie neun Jahre lang missbraucht hat. Und wie ihre Mutter erblindet ist vor Liebe zu diesem Kerl und sogar dann nichts gesehen haben will, wenn sie zugeschaut hat. "Ich werde es nie vergessen. Ich werde es auch nie verzeihen", sagt Mona Michaelsen. Aber sie muss es verkraften.

So wie jedes der 15 000 Kinder, die laut Bundeskriminalamt in Deutschland jedes Jahr sexuell misshandelt werden. Die Dunkelziffer ist höher, der gleichnamige Verein geht von 200 000 Fällen aus. Die meisten Kinder schweigen aus Angst. Sie werden zu Erwachsenen, die nicht reden. Aus Scham.

Mona Michaelsen hat auch lange nichts laut ausgesprochen, war nur ein "Flüsterkind", wie sie es nennt. Doch jetzt hat sie unter diesem Titel ihrer Mutter, die für sie längst nicht mehr "Mama" ist, sondern nur noch Irma, einen öffentlichen Brief geschrieben, der zum Buch geworden ist. Eine Anklageschrift auf mehr als 280 Seiten. "Sie soll nicht ganz ungeschoren davonkommen", sagt die Frau mit dem rötlich-braunen Haar und blickt ins Leere. Durch Schweigen habe sich ihre Mutter zur Mittäterin gemacht. Sie habe ihre Kindheit zerstört. Und auch den Glauben an das Gute im Menschen.

In diesen Wochen wird sehr viel gesprochen über das lange Schweigen. Meist geht es dabei um die katholische Kirche oder um die Odenwaldschule. Selten geht es um Familien wie die von Mona Michaelsen, wo hinter der Fassade die heile Welt in Schutt und Asche liegt. Dabei kommen etwa 75 Prozent der Täter, so sagen Studien des Kinderschutzbundes, aus dem Umfeld der Familie, sind Bekannte oder gar Verwandte. "Man erwartet Schutz, doch was einen selbst erwartet in so einer Familie ist nichts als Gewalt", sagt Mona Michaelsen und nippt an ihrem Tee.

Ob sie ihre Mutter hasse? "Das ist ein großes Wort. Ich fühle mich einfach nur verraten, sie hat mich ausgeliefert." Ihre Kinderseele sei ermordet worden. Juristisch ist das längst verjährt. Der Täter, den Mona Michaelsen auch als Erwachsene nicht angezeigt hat, musste nie büßen. Aber sie, das Opfer, sie habe doch im Prinzip lebenslänglich. "Und das Schlimme ist: Wie mir geht es so vielen." Deshalb soll ihr Buch ein "Mutmacher" sein. "Vielleicht gibt es dem einen oder anderen die Kraft, das Schweigen zu beenden."

Fast 20 Jahre ist es her, dass Mona Michaelsen, damals eine junge Mutter und schon fünf Jahre mit ihrer Jugendliebe Frank, einem Fliesenleger, verheiratet, ihr Schweigen beendete. Endlich konnte und wollte sie über das sprechen, was im dörflichen Mief des 60er-Jahre-Deutschlands erstickt worden war. Sie erzählte ihrem Mann von dem Stiefvater, der in der Gegend zwar als Säufer und Gewalttäter verschrien war, aber nicht als jemand, der die eigenen Töchter vergewaltigte.

In einem "Armenhaus", so hatten die anderen Dorfbewohner die Wohnung am Friedhof geschimpft, hatte Mona als Kind mit Mutter, Stiefvater und den vier Geschwistern gehaust. In einer sozial benachteiligten Familie, wie es heute heißen würde. Die Kinder weggesperrt in einer stinkenden Kammer, aus der das Tageslicht ferngehalten wurde, aber nicht der Peiniger. Dieser Mann, der sich jahrelang an Mona oder ihrer kleinen Schwester Ulla vergriff. Auch mit Ulla habe sie lange nicht darüber gesprochen, sagt Mona Michaelsen leise. "Wir haben zwar oft telefoniert, aber ohne zu reden. Aber wenn nachts das Telefon klingelt und die Schwester am anderen Ende der Leitung weint, dann weiß man, was los ist." Verständnis braucht manchmal keine Worte.

Manchmal aber eben doch. "Jetzt verstehe ich endlich, warum du manchmal so abweisend bist", hatte Ehemann Frank nach der Offenbarung zu Mona gesagt. Ja, es dauere auch heute noch sehr lange, bis sie sich jemandem gegenüber öffne. Sie sei eben misstrauisch, sagt Mona Michaelsen. Details habe sie ihrem Mann damals nicht erzählt, die habe er aber auch gar nicht wissen wollen. Und sie selbst wollte es strikt trennen - das alte Leben im "Armenhaus" und das neue Leben mit Ehemann und den beiden kleinen Söhnen im Nachbarort. Nur ein paar Kilometer weiter, aber Welten entfernt.

An ihrem 30. Geburtstag hat Mona Michaelsen zuletzt mit ihrer Mutter telefoniert. Damals habe ihre Mutter sogar zugegeben, dass sie gewusst habe, was ihr Ehemann ihren Mädchen angetan hatte. "Ich war so erleichtert, fast glücklich. Und bereit, ihr alles zu verzeihen." Doch am nächsten Tag ließ die Mutter ihren Sohn Paul bei Mona anrufen. "Er bepöbelte mich als dreiste Lügnerin, die alles kaputt macht. Ich würde die Familie zerstören", sagt Mona Michaelsen, und eine Träne löst sich aus ihrem rechten Auge.

Sie sei die Schuldige. Das hatte ihr Stiefvater ihr auch immer einreden wollen, nachdem sich sein Atem wieder beruhigt hatte und er anfing, die kleine Mona zu baden und sich selbst reinzuwaschen. "Es liegt an dir", hat er ihr zugeflüstert. "Wenn du nur ein Wort sagst, hat die Mama dich nicht mehr lieb, und ich drehe deinen Geschwistern den Hals um." Jetzt ist es Mona, die ihre Mutter nicht mehr lieb hat.

Mona Michaelsen lebt heute mit ihrem zweiten Mann Michael, einem Drucker, in einer schleswig-holsteinischen Kleinstadt. Die Ehe mit Frank war nach 17 Jahren in die Brüche gegangen, in Freundschaft. "Es hatte nichts mit meiner alten Geschichte zu tun", sagt sie leise. "Unsere Liebe hat einfach nicht für ein ganzes Leben gereicht."

Ihre Lieblingsschwester Ulla hat es nie ganz hinter sich lassen können. Das "Armenhaus", die Gewalt, das Dorf, in dem jeder alles weiß, aber nichts wissen will. Sie wird wohl auch die goldene Hochzeit mitfeiern, vielleicht in wenigen Wochen sogar wie selbstverständlich neben dem Mann sitzen, der sie jahrelang missbraucht hat. Sie wird lächeln, um das Bild von der heilen Familie nicht zu zerstören. Wie früher, in der Kindheit. "Ich könnte das nicht mehr, aber ich verurteile Ulla nicht dafür", sagt Mona Michaelsen. Es gebe in Deutschland Zehntausende von misshandelten Mädchen, die zu schweigenden Frauen heranwachsen und das dunkle Geheimnis ihrer Kindheit sogar mit ins Grab nehmen. "Es erfordert Mut, über den Missbrauch zu sprechen und auszubrechen. Ich bin mit 18 Jahren von zu Hause weg. Weil ich wusste: Sonst gehe ich hier vor die Hunde."

Sonst würde sie womöglich immer noch dort wohnen und für die Mutter den Haushalt schmeißen. So wie ihre Schwester Antje es tut. Oder sie würde an der Heroinnadel hängen. So wie ihre Schwester Nina es lange tat.

Zum Glück dürfe man heute öffentlich aussprechen, was vor 40 Jahren nicht ausgesprochen werden durfte. Heute kämen solche Verbrechen an die Öffentlichkeit und die Bilder der Kinderschänder ins Fernsehen. Und es gebe Internetforen, in denen sich Betroffene anonym austauschen können. "Da kann man das Reden langsam lernen."

Wenn sie von Fällen wie dem der Familie Fritzl aus Österreich höre, wo der Vater die eigene Tochter jahrelang in einem Kellerverlies versteckt, vergewaltigt und mit ihr Kinder gezeugt hat, dann laufe es ihr eiskalt den Rücken hinunter, sagt Mona Michaelsen und zieht den pinkfarbenen Schal ein bisschen enger um den Hals. "Mein Gott, denke ich dann immer: Es hätte also offensichtlich alles noch schlimmer kommen können als in meinem Fall."

Mona Michaelsen hat mittlerweile an einer Fernschule eine Ausbildung zur Pädagogin für Entspannungsverfahren gemacht. Zum ersten Mal klingt in ihrer Stimme so etwas wie Kraft und Stolz mit, als sie sagt: "Ich kann Menschen beibringen, die Augen zu schließen und alles drum herum zu vergessen."

So wie sie selbst es sich als Kind so oft gewünscht hat. Immer wenn plötzlich nachts die Tür entriegelt wurde und sie die Augen verschlossen hat. Weil alle um sie herum es auch taten.

"Schreiben war wie eine Therapie", sagt Mona Michaelsen. Mehr als ein Jahr lang hat die 45-Jährige an ihrem Buch "Flüsterkind" (Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, 9,90 Euro) gearbeitet. Opfern sexuellen Missbrauchs will sie damit Mut machen.