Die Twitter-Plattform kämpft um ihren Ruf

Von echtem und falschem Gezwitschere

Promis ganz nah? Hinter mancher Internet-Adresse mit Namen berühmter Leute stecken häufig Witzbolde.

Hamburg. Die einen twittern um ihr Leben (zum Beispiel in China und Iran), andere führen ganz freiwillig ein virtuelles Leben für Freunde und Fans. Auch Promis nutzen gern die Internet-Plattform für Kurzmitteilungen, wollen selbst bestimmen, welche Nachrichten in Umlauf gebracht werden. Da trübt es die Euphorie, dass ganz offensichtlich hinter manchen Accounts mit den Namen berühmter Leute nur Witzbolde stecken, die andere Nutzer und vor allem etablierte Medien auf die Probe stellen wollen. Selbst Journalisten haben sich schon täuschen lassen.

Jeder, der will, kann über den Microblogging-Dienst kurz und knackig sein Befinden oder seine Meinung äußern. In Deutschland sollen inzwischen einige Zehntausend Menschen twittern. Die Marktforscher von Nielsen weisen aktuell für twitter.com 1,8 Millionen deutsche "Nettonutzer" aus - das sind Menschen, die die Webseite mindestens einmal im Monat anklicken. Doch wie so oft im Leben darf man auch hier nicht alles glauben, was man liest. Skepsis ist angebracht, um bei dem 140-Zeichen-Dienst nicht auf "Fake-Accounts" hereinzufallen. Gerade Journalisten müssten doppelt sorgfältig prüfen, sonst sind Fehler beim Internet-Phänomen schnell ein Problem der Glaubwürdigkeit.

So fielen einige Redaktionen bereits auf einen falschen Harald Schmidt herein oder auf einen falschen David Miliband, den britischen Außenminister. Das kann Spott bringen.

Doch was treibt Leute dazu, im Namen anderer zu twittern? Der Web-TV-Moderator Rob Vegas (eigentlich Robert Michel), der unter BonitoTV als Entertainer Harald Schmidt twittert, erklärt es so: "Am Anfang fand ich Twitter doof. Doch dann hatte ich die Idee, im Namen von Harald Schmidt zu twittern, um zu sehen, was passiert." Als der Name schon weg war, habe er sich den Namen von dessen Produktionsfirma gesichert. "Wirkt ja fast noch echter." Nun trägt er dort eine Mischung aus echten Schmidt-Zitaten und Sätzen ein, die durchaus von Schmidt sein könnten. Vegas sagt: "Ich frage mich manchmal, was ich da eigentlich tue. Alles vermischt sich. Aber es ist irgendwann ein Selbstläufer geworden und macht großen Spaß." Der 25-Jährige glaubt nicht, dass Schmidt seine Aktivität eines Tages mit Beachtung adeln werde, sondern dass er ihn einfach nur dulde. "Es ist ja irgendwie auch kostenlose PR für ihn."

Trotzdem: Twitter hat inzwischen gefakten Accounts den Kampf angesagt, zumindest zum Teil. Unlängst kündigten die Macher in ihrem Blog an, Nutzerprofile verstärkt zu prüfen. Das sollte bei Firmen, aber auch bei Promis geschehen. Wer den Echtheitstest besteht, bekommt ein Häkchen und hat einen "verified account" (ein geprüftes Konto). Zunächst bekommen vor allem US-Stars das Siegel - etwa Schauspieler Ashton Kutcher (aplusk), Musiker Lenny Kravitz (LennyKravitz), Popsänger Justin Timberlake (jtimberlake), US-Talklady Oprah Winfrey (Oprah) oder US-Präsident Barack Obama (BarackObama). Zu den eifrigen und geprüften twitternden Promis in Deutschland gehören Ex-Fußball-Manager und TV-Figur Reiner Calmund (Calmund) und der Komiker und Schauspieler Michael Kessler (kesslermichael).