Visionen von St. Pauli

Corny Littmann: "So attraktiv, so lebendig"

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Serie "Visionen von St. Pauli" (6): Theaterbetreiber Corny Littmann äußert sich über den steten Wandel und die zentrale Frage der Immobilienpreise.

Hamburg. Wie soll es in Zukunft weitergehen mit Hamburg? Für wen soll die Stadt da sein, welche Verantwortung tragen die Bürger - und was bedeutet das eigentlich: "Stadt"? Über diese Fragen will die Serie "Visionen von St. Pauli" diskutieren, exemplarisch an dem sich rasant wandelnden Stadtteil. Das Abendblatt hat dafür Kulturschaffende, Politiker und Wissenschaftler um ihre Meinung gebeten. Den Anfang hat vor Wochen der Architekt und Hochschulprofessor Friedrich von Borries gemacht. Ihm folgten der Leiter des Bezirksamts Mitte, Markus Schreiber (SPD), die GAL-Landesvorsitzende Katharina Fegebank, der Krimiautor Frank Göhre und Andreas Fraatz, der Enkel des "Kiezkönigs" Willi Bartels mit ihren Visionen des Kiezes entlang der Reeperbahn. In dieser Folge schreibt Corny Littmann darüber, wie er sich St. Pauli in zehn Jahren vorstellt. Littmann ist Besitzer des Schmidt-Theaters und des Schmidts Tivoli am Spielbudenplatz.

St. Pauli im Jahr 2021 - wer erahnen will, was sich im Stadtteil in den nächsten zehn Jahren verändert, der betrachte am besten die Veränderungen der vergangenen zehn Jahre. Fange ich doch sinnvollerweise vor der eigenen Haustür an. Im Jahr 2001 gab es noch das gute alte Schmidt-Theater, reichlich marode, die ehemaligen Union-Lichtspiele mit Platz für 230 Menschen. Heute steht dort das neue Schmidt-Theater, ein modernes Gebäude, nicht nur ein Theater, sondern ein zeitgemäßes Entertainment-Center. Und ein Theater, was innen noch viel Schmidtiges an sich hat, ganz im Stil des alten und um etliches größer und komfortabler dazu.

Vor unserer Haustür ist dort, wo vor zehn Jahren eine öde Sandfläche war, ein lebendiger Spielbudenplatz entstanden, mit Großevents wie dem Grand Prix, aber auch und gerade mit den kleinen, lebendigen Veranstaltungen, vom Wochenmarkt bis zum St.-Pauli-Weinfest.

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Und wer hätte vor zehn Jahren prophezeit, dass die Kiez- und Weinkönigin Olivia Jones heute nicht nur stets ausgebuchte Kiez-Touren durchführt, sondern auch noch erfolgreich zwei Lokale in der Großen Freiheit betreibt? Wer hätte gedacht, dass ein - wie wir sagen - ab vom Schuss in der Simon-von-Utrecht-Straße gelegenes Design-Hotel East einen solchen Zuspruch von einer jungen, hippen, wohlhabenden Klientel erfährt? Und eine Bar im obersten Stockwerk des neuen Empire-Riverside-Hotels ständig überfüllt ist? Und ganz ehrlich, hätte uns vor zehn Jahren jemand geweissagt, dass wir heute im 8. Jahr mit der "Heißen Ecke", dem St.-Pauli-Musical, bereits über 2000 Vorstellungen erfolgreich gespielt haben werden, wir hätten ihn für verrückt erklärt. Wer erinnert sich nicht an das alte St.-Pauli-Stadion? Zehn Jahre später ist davon - Gott sei Dank - baulich nicht mehr viel übrig, nur die Stimmung ist geblieben. Oder sogar noch besser.

Die Beispiele lassen sich beliebig fortführen: Schlagermove, Harley Days, Weihnachtsmarkt - alles vor zehn Jahren undenkbar. Oder nicht gedacht. Will sagen: St. Pauli ist und war schon immer ein Stadtteil im Wandel. Ein Stadtteil, der vom Wandel und der Innovation lebt. Das macht St. Pauli so spannend, so attraktiv, so lebendig. Der Wandel ist nicht aufzuhalten, sollte auch nicht aufgehalten werden.

Vor unserer Haustür wachsen die Tanzenden Türme, die hoffentlich nicht nur äußerlich tanzen, sondern auch mit Leben gefüllt werden. Einem Leben, das sich auf dem ehemaligen Brauereigelände ganz erstaunlich positiv entwickelt hat. Trotz ärgerlichem Büroleerstand. Und mögliche Baustellen gibt es ja viele im Stadtteil - vom Esso-Gelände bis zur ehemaligen Rindermarkthalle. Alles Baustellen, die auch die Chance zum Wandel in sich tragen, nicht nur die Gefahr, Liebgewonnenes durch Neues zu zerstören. Wer Angst vor diesem Wandel hat, der soll doch bitte in ruhigere Gefilde abwandern, Elmshorn und Pinneberg sind nicht weit. Und wer immer die Befürchtung hatte, St. Pauli könnte von einer einzigen sozialen Gruppe dominiert werden, der ist in den vergangenen zehn Jahren eines Besseren belehrt worden. Man denke nur an einen gewissen Herrn Becker, der den Hans-Albers-Platz und die umliegenden Straßen vergeblich in ein schickes Viertelchen umzuwandeln gedachte.

Und das ist kein Einzelschicksal - alle, die versucht haben, den Kiez zu dominieren, mit welcher schrägen Idee auch immer, sind kläglich gescheitert. Und werden scheitern.

Die Zukunft St. Paulis ist ein Rätsel. Heute noch ungewisses Neues wird entstehen und wichtiger noch: Dafür muss es Platz geben, müssen Möglichkeiten geschaffen werden. Das ist ganz wesentlich auch eine Frage der Immobilienpreise sowohl für bezahlbaren Wohnraum als auch für Gewerberäume. Da ist die Politik gefragt, und die hat es schwer, weil sich viel zu viel heute schon in privatem Besitz befindet. Und wo nur noch der Markt regiert, wo nicht mehr regulierend eingegriffen werden kann, da steigen die Immobilienpreise für privaten Wohnraum und Gewerbe schnell in astronomische Höhen. Das ist Gift für den Wandel, das ist Gift für Innovationen und Kreativität. Das war in den 70er- und beginnenden 80er-Jahren schon einmal die Ursache für den Niedergang des Kiezes. Aber aus der Geschichte kann man ja bekanntlich auch lernen.