NDR-Chefdirigent im Interview

Hengelbrock: "Man darf nicht die Nerven verlieren"

NDR-Chefdirigent Thomas Hengelbrock über sein Bayreuther Debüt mit "Tannhäuser" und die Arbeit im berühmt-berüchtigten Orchestergraben.

Hamburg. Qualvolle Enge, Temperaturen wie im Römertopf, Koordinationsprobleme satt. Für Dirigenten gibt es keinen tückischeren Arbeitsplatz als den Orchestergraben im Bayreuther Festspielhaus. Thomas Hengelbrock, ab September NDR-Chefdirigent, hat nach über 70 "normalen" Opern mit "Tannhäuser" nun auch sein Debüt am Grünen Hügel absolviert. Jetzt spricht er erstmals darüber, was ihm diese Premiere bedeutete.

Hamburger Abendblatt: Jetzt, wo Sie Ihr Debüt hinter sich haben – wie war es, das erste Mal Wagner im Allerheiligsten aller Wagnerianer dieser Welt zu dirigieren? Gottesdienst, harte Arbeit?

Thomas Hengelbrock: Es war erstaunlich viel Lust. Im Vorfeld war es an der Grenze zum Stress, weil es extrem wenig Proben gab. Wir hatten nur vier Bühnen-Orchester-Proben, vier mal drei Stunden. Sie können ich vorstellen, was das heißt. Das ist viel zu wenig, das weiß hier auch jeder.

Wie klingt Wagner dort im Epizentrum, wo Sie saßen?

Hengelbrock: Der Dirigentenposten hat den Vorteil, das Orchester so zu hören, wie sie wohl kein anderes je hören werden. Sie sind umgeben von einer Klanglawine, die ihresgleichen sucht. Der Nachteil ist, dass man von der Bühne fast nichts hört, und bei Balance und Dynamik haben Sie überhaupt keine Handhabe, Dinge zu korrigieren. Man ist vollständig in der Hand der Assistenten, die sagen, wo man lauter oder leiser spielen muss.

Also gilt die Faustregel: Wenn ich einen halben Takt voraus bin, passt es in etwa, es sei denn, der Chor steht ganz weit hinten?

Hengelbrock: Es gibt etliche solcher Regeln, das ist vollkommen absurd. Man muss sehr schnell sein, und, ganz wichtig, man darf nicht die Nerven verlieren.

Wagner hat den Graben als „mystischen Abgrund“ bezeichnet – das heißt auch, man kann aus unberechenbaren Gründen in ihm versinken.

Hengelbrock: Es gibt aber auch so herrliche Momente, wenn z.B. die Streicher spielen, das dringt durch alle Poren und geht bis ins Mark. Das ist ein sehr lustvoller Zustand.

Waren Sie vorher schon Wagnerianer, sind Sie es jetzt? Oder gerade nicht mehr?

Hengelbrock: Jetzt besonders. Der „Tannhäuser“ war die zweite Oper, die ich als Junge gehört habe. Die Liebe war also schon immer da. Aber hier in Bayreuth können Sie wirklich süchtig werden.

Was haben Sie bei Ihrem ersten Bayreuth-Besuch gehört – und war das der Grund für Ihr „Ich will da rein!“?

Hengelbrock: Für mich war es ja fast leichter, als Dirigent eingeladen zu werden, als an Karten zu kommen. Aber nachdem Wolfgang Wagner mich vor vier Jahren eingeladen hatte, bin ich in Vorstellungen und Proben gegangen, um die Eigenheiten und Tücken der Akustik kennenzulernen.

Was macht so ein Erlebnis wie dieses Debüt mit dem Kapellmeister-Ego?

Hengelbrock: Am Premierentag war ich erstaunlich gelassen. Aber ich bin ja nun auch schon einige Jahre unterwegs.

Wie weit waren Sie und die Bühne im Extremfall auseinander und vor dem Rest?

Hengelbrock: Im normalen Allegro einen Schlag. Der Einzug der Gäste beim „Tannhäuser“ ist hier eine der berüchtigsten Stellen, daran sind hier schon viele Dirigenten verzweifelt. Es gibt legendäre Geschichten, was da alles schief gegangen ist.

Vorher hatten Sie ja gesagt, ach, ich hab’ schon so viele Opern dirigiert, das ist lediglich eine mehr. Da war wohl auch Autosuggestion dabei.

Hengelbrock: Ja, aber andererseits bin ich noch nie so richtig baden gegangen. Das Kapellmeistern kann ich, das habe ich über Jahre gelernt. Dieses Selbstbewusstsein stützt.

Welches Feedback gab es nach der Premiere von den beiden Hausherrinnen?

Hengelbrock: Als sie mich dem Orchester vorstellten, betonten sie ganz besonders, dass ich ja von ihrem Vater engagiert worden sei…

… frei nach der Bayreuth-Devise „Den haben die Augen des Meisters noch geschaut“…

Hengelbrock: Genau. Aber sie waren wohl ganz zufrieden. Ein ganz großer Konfliktbereich war und ist jedoch, dass es auch für die Szene viel zu wenig Probenzeit gibt.

Sie hatten zwölf Stunden vor der Premiere.

Hengelbrock: Ziehen Sie mal die Pausen davon ab, dann sind Sie bei zehn Stunden für ein Drei-Stunden-Stück. Das war schon ein Himmelfahrtsunternehmen.

Gibt es kleine Hinterlassenschaften am Stuhl oder dem Dirigenten-Pult, kleine Gravuren à la „Wolfgang Wagner ist doof“?

Hengelbrock (lacht): Nein, das hab’ ich nicht gesehen.

„Es wäre unklug, nur dem schönen Gesang und dem philharmonischen Wohlklang nachzujagen. Ein Gesamtkunstwerk soll es schon werden“, haben Sie vorab zu Ihrer Arbeit am „Tannhäuser“ gemeint. Ziel erreicht? Die Regie wurde einhellig verdroschen.

Hengelbrock: Da muss ich nun auch den Regisseur Sebastian Baumgarten verteidigen, der einfach viel zu wenig Zeit hatte und vom Theater gewohnt ist, Dinge in den Proben entstehen zu lassen. Auf der Probenbühne konnte man das dreigeschossige Bühnenbild gar nicht aufbauen.

War Baumgarten Ihre Wahl?

Hengelbrock: Nein, die von Wolfgang Wagner.

Hatten Sie Mitsprache bei der Auswahl der Musiker für das Orchester?

Hengelbrock: Nein, hatte ich nicht. Ich hatte ein gewisses Vorschlagsrecht bei einigen Sängern.

Sie gelten durch ihre Alte-Musik-Kompetenz als Quellen- und Genauigkeitsfanatiker. Den „Tannhäuser“ haben Sie aus einem Faksimile der Dresdner Partitur von 1845 dirigiert. Was bringt das, ist das nicht nur Musiker-Aberglaube?

Hengelbrock: Nein, ich mache das auch bei vielen anderen Stücken. Wenn man sich an die Schriften gewöhnt hat, ist es tatsächlich angenehmer, daraus zu lesen. In der späteren Druckausgabe des „Tannhäuser“ sind wahnsinnig viele Fehler, und bevor ich die alle wieder eliminiere, dirigiere ich doch lieber gleich aus der Vorlage und lasse die Korrekturen in die Orchesterstimmen eintragen. Am liebsten hätte ich die Urversion des Stücks oder die allerletzte Fassung dirigiert.

Beides wurde Ihnen nicht genehmigt, Warum nicht?

Hengelbrock: Ohne Begründung.

Jetzt, wo Sie eigene Erfahrungswerte dort haben: Wie hat Wagner zu klingen? Und wie unrecht hat dann der Bayreuther Hausheilige Christian Thielemann, der das Gegenteil zu Ihrem Stil bietet?

Hengelbrock: Er hat überhaupt nicht unrecht, er ist ein großartiger Dirigent für dieses Repertoire. Er hat seinen ganz persönlichen Zugriff und ist fantastisch, gerade für die späteren Stücke. Und: Wagner hat nicht irgendwie zu klingen. Wir sind alle nachschaffende Künstler. Wir erkämpfen uns gegen viele Widerstände unsere Positionen zu einem Werk, das ist auch ein Prozess. Es ist nur wichtig, dass dieser Prozess immer in Bewegung bleibt.

Und es gab kein Genöle von altgedienten Musikern, das habe man schon immer so gemacht, da könne ja jeder kommen?

Hengelbrock: Zu mir kommen jetzt viele Leute, die begeistert sind. Die Musiker waren schon sehr offen, was nicht heißt, dass alle alles toll fanden, aber das wäre ja auch sonderbar.

Von Ihrer neugierig-kritischen Haltung her müssten Sie beim Thema Wagner-Pflege und –Perspektiven doch eigentlich mehr mit der im Weimar Exil befindlichen Nike Wagner sympathisieren als mit den jetzt in Bayreuth regierenden Halbschwestern.

Hengelbrock: Na ja, ich habe hier auch gesagt, dass die Richard-Wagner-Festspiele, so wie sie sich jetzt programmatisch darstellen, ganz klar Cosima-Wagner-Festspiele sind.

Mit der Meinung haben Sie sich bestimmt viele Freunde in Bayreuth gemacht.

Hengelbrock: Aber das wissen hier alle, man spricht auch darüber. Wir können auch offen mit Eva und Katharina reden, es gibt ja keinen Maulkorb.

Aber geändert wird auch nichts.

Hengelbrock: Sie sind ja auch noch ganz neu dabei und versuchen, das eine oder andere zu ändern. Ich fände es toll, wenn hier auch einmal zeitgenössische Oper gespielt werden würde, Nonos „Prometeo“ oder die Klassiker des 20. Jahrhunderts. Wenigstens einmal, oder ein Kompositionswettbewerb. Das könnte doch tolle Impulse geben, und ich bin mir sicher, dass das Richard Wagner wahnsinnig gut gefallen hätte.

Und der als orthodox traditionell geltende Freundeskreis bestellt danach den Kammerjäger zum Desinfizieren der heiligen Halle.

Hengelbrock: Bei allem, was Sie hier machen, haben Sie als künstlerisches Leitungsteam Leute, die dagegen sind und das furchtbar finden. Viele schreien automatisch Buh und sehen sofort den Untergang des Abendlandes kommen.

Ihre Hamburger Kollegin, Generalmusikdirektorin Simone Young, hatte an der Staatsoper einen eigenen „Ring“, war in Bayreuth aber „nur“ Assistentin von Daniel Barenboim. Sie sind Ihr nun mit der „Tannhäuser“-Premiere einen Schritt beim Wagner-Renommee voraus?

Hengelbrock: Nein, das hat mit Renommee nichts zu tun, wer hier eingeladen wird.

Der legendäre NDR-Chefdirigent Hans Schmidt-Isserstedt hatte öfter – und ganz problemlos – in der Staatsoper Oper dirigiert. Reizt Sie als sein Nachfolger und ausgewiesener Opern-Freund das nicht auch?

Hengelbrock: Nein, ich komme jetzt nach Hamburg, um das NDR-Sinfonieorchester zu übernehmen und freue mich wahnsinnig, auch zu meinem angestammten Repertoire zurückzukommen. Wir werden aber jedes Jahr eine Oper machen, wenigstens konzertant.

Konzertant ist nur halbschwanger.

Hengelbrock: Ja, aber im Gegensatz zu Schwangerschaften im wirklichen Leben geht das sogar sehr gut.

Werden Sie wieder in Bayreuth dirigieren?

Hengelbrock: Zunächst ist geplant, dass wir diesen „Tannhäuser“ ein paar Jahre lang weiterentwickeln.

Was planen Sie in Sachen Wagner fürs Jubiläumsjahr 2013?

Hengelbrock: Mit meinem Balthasar-Neumann-Ensemble einen konzertanten „Parsifal“, zum Teil auf Instrumenten, auf denen das Werk 1882 bei der Uraufführung gespielt wurde, und einen „Holländer“. Mit „Parsifal“ werden wir in Madrid sein, in Essen, Dortmund und vielleicht in Lissabon.

Überall, nur nicht in Hamburg.

Hengelbrock: Nein, aber es ist auch sinnvoll, dass wir die Dinge etwas voneinander trennen.

Wie entgiftet man sich als Dirigent von der Droge Wagner in Bayreuth?

Hengelbrock: Indem man CPE Bach, Telemann, Händel, Beethoven, Gershwin, Porter, Bruckner, Haydn und viele andere herrliche Komponisten direkt im Anschluss dirigiert. Ist wirklich wahr.

Termine: Am Sonntag, 14.8., überträgt Arte ab 17.15 Uhr erstmals live aus Bayreuth: Hans Neuenfels' "Lohengrin" -Inszenierung mit Klaus Florian Vogt in der Titelrolle und Annette Dasch als Elsa. Dirigent: Andris Nelsons. "Anything goes", Thomas Hengelbrocks NDR-Antrittskonzert , findet am 9.9. (Beginn 18.30 Uhr) in der Laeiszhalle statt. Kartentel.: 0180 / 178 79 80