Winterhuder Fährhaus

"Fisch zu viert": Ein Mordsspaß in der Komödie

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Die köstliche Parodie auf russische Sommerfrische-Dramen begeistert am Winterhuder Fährhaus. das Komödianten-Quartett harmoniert perfekt.

Hamburg. "Am Abend geht es um die Liebe, am Morgen geht es um das Geld." Ein trautes Gruppenbild aus wilhelminischer Zeit - mit frischem Hecht und einstimmig fröhlichem Gesang - eröffnet die Hamburg-Premiere von "Fisch zu viert". Doch die zur Schau gestellte Harmonie trügt.

Gleich bei ihrem ersten Gastspiel in der Winterhuder Komödie, das bis zum 11. September zu sehen ist, führt Judy Winter ein strenges Regiment. Als herb elegante Bierbrauerei-Chefin Charlotte beherrscht sie die zwei jüngeren Schwestern und den Diener Rudolf. Der betagte Domestik, den drei Frauen in Bett, Haus und Küche zu Diensten, wird renitent. Der klapprige Lustsklave (Achim Wolff) will der heimlichen Schicksalsgemeinschaft entfliehen und fordert seinen Liebeslohn aus dem Firmenvermögen. Denn keine der drei Schwestern weiß von den Affären der jeweils anderen und ist erpressbar. Doch Zeitungsberichte über groteske Todesfälle bringen das Trio in der Not auf mordlustige Gedanken.

Judy Winter, die 1998 als Marlene begeisterte, zeigt als Charlotte in der makabren Farce von Wolfgang Kohlhaase und Rita Zimmer eine weniger glamouröse, dafür umso komischere und skurrile Studie preußischer Disziplin. Geld, Pflicht und Standesdünkel sind Charlottes Marotten.

Auch ihre Schwestern haben es faustdick hinter den Ohren. Die füllige Cäcilie (Walfriede Schmitt) ist Kavallerieleutnants und anderen süßen Genüssen verfallen. Sie kommandiert Rudolf mit der Reitpeitsche zum gemeinsamen Ritt aufs Schaukelpferd. Nesthäkchen Clementine (Rita Feldmeier) gibt zwar die verblühte Jungfer, will aber ungeniert mit Rudolf durchbrennen. In seinen besseren Mannesjahren hat er den feinen Damen mit Walzerspielen am Klavier den Kopf verdreht und eine nach der anderen mit seiner ziemlich eindeutigen "Landschaftsnummer" von der "blutroten Sonne in goldgeäderten Wolken" flachgelegt. Doch anders als die elegischen, bei Anton Tschechow von Moskau nur träumenden "Drei Schwestern" schreiten ihre Berliner Verwandten resolut zur Tat.

Wolfgang Kohlhaase, der auch das Drehbuch zu "Sommer vorm Balkon" schrieb, liefert mit "Fisch zu viert" nun eine köstliche Parodie auf russische Sommerfrische-Dramen mit dekadenten Herrschaften. Auch ironische Anspielungen auf Joseph Kesselrings "Arsen und Spitzenhäubchen" sind kaum zu übersehen. Statt der Holunderwein-Karaffe im Krimi-Evergreen halten die schrulligen Brauerei-Erbinnen in ihrem brandenburgischen Domizil eine Kräuterlikör-Flasche griffbereit. Seit Jahren schon stärken und trösten sie ihren rebellierenden "Toyboy" immer wieder mit einem Gläschen scharfen Schnapses.

Zur Hatz nach dem Geld und Jagd aufs Opfer Rudolf bläst Regisseur Carl-Hermann Risse mit den Fanfaren aus Giacchino Rossinis "Wilhelm Tell"-Ouvertüre. Die anfeuernde Musik begleitet auch die Umbauten. Sie hätten noch deutlicher als Ballett von Bühnenarbeitern, Akteuren und Requisten arrangiert sein können. Anna Cumins Räume atmen Landhaus-Atmosphäre und symbolisieren mit unberührten Betten und Truhen die weggesperrten erotischen Sehnsüchte der Schwestern. Deren neurotische Ticks durch unerfüllte Liebe nützt das einander ebenbürtige Schauspielerinnen-Trio zu treffenden, doch stets komödiantisch bleibenden Porträts.

Judy Winters bis in die Lockenspitzen eiserne Charlotte hält ihre Schwestern beim tödlichen Katz-und-Maus-Spiel im Familienkäfig an der Kandare. Walfriede Schmitts Cäcilie entpuppt sich wenig heilig als dralle Domina mit unersättlichem Appetit und Hang zum Widerspruch. Rita Feldmeier als klein gehaltene Jüngste weiß sich mit der Verschlagenheit der schmollenden Unschuld zu wehren. Achim Wolffs Rudolf, der talentiert sein Lippenspiel beherrschende Sohn eines Flötenbläsers, jedoch ein Subjekt von niederem Stand, hat es offensichtlich nicht leicht als Hahn im Korb.

Wolff behauptet sich jedoch souverän mit jedem aufmuckenden Huster und jeder präzise gesetzten frivolen Pointe in den Dialogduellen mit der weiblichen Übermacht. Er geht zum Angriff über, beobachtet wachsam die zur Mitternacht mit Kerzenlichtern und eindeutigen Absichten herumgeisternden Frauen und verwöhnt sie noch einmal mit seinen Kochkünsten.

Das delikate Hechtessen mit "etwas zu viel Lorbeer" setzt die ebenso giftige wie vergnügliche Moritat über die zerstörerische Macht von Geld und Liebe ein wenig überraschendes Ende. Das brillante und perfekt miteinander agierende Komödianten-Quartett hat offensichtlichen Spaß am abgekarteten Spiel und macht es zu einem sehenswerten Genuss und sommerlichen Mordsspaß.