Elbphilharmonie

Ein faszinierendes und abschreckendes Beispiel

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Von Hamburg lernen heißt prassen lernen. Die Prestige-Baustelle gilt für viele Städte im In- und Ausland als warnendes Jahrhundertprojekt.

Hamburg. In Bonn werden noch erbitterte Grabenkämpfe um das Für und Wider geführt, während in Bochum vor Kurzem die Würfel für ein kommunal gedachtes Musikzentrum (Kostenplan: 33 Millionen Euro) gefallen sind. In München würden manche gern den ersten Spatenstich tun und streiten darüber so heftig wie seit Langem nicht. Denn sie wissen weder wo, wie und erst recht nicht, auf wessen Rechnung. Helsinki wiederum hat das Schlimmste bald hinter sich, 180 Millionen Euro bezahlt und die Eröffnung eines Sieben-Säle-Baus im Herbst voller Vorfreude im Blick. Paris will sich bis Ende 2013 für bislang rund 300 Millionen Euro einen Solitär aus Aluminium von Star-Architekt Jean Nouvel gönnen. Martin Hoffmann, Intendant der Berliner Philharmoniker, träumt von einem Anbau für Hans Scharouns Meisterwerk. In Luzern, wo das Geld für Klassik-Festivals vom Feinsten in einem der besten Säle der Welt bislang üppig auf den Bäumen zu wachsen schien, ist die Zukunft der "Salle modulable" unklar, weil die Mäzene für das multifunktionale Musiktheater ihre Zusage von 120 Millionen Franken wieder zurückzogen. Und in Kiel sprach Generalmusikdirektor Georg Fritzsch angesichts der chronischen Probleme mit dem örtlichen Konzertsaal, der zwar Schloss heißt, aber alles andere als hochherrschaftlich ist, gerade von einer "tickenden Zeitbombe".

Was alle Adressen, weltbekannte Metropolen wie überschaubare regionale Mittelstädte, eint, um die es bei dieser Momentaufnahme geht? Sie ringen mit sich und ihrem Kontostand, ob sie sich einen Konzerthaus-Neubau oder wenigstens einen Anbau leisten können. Leisten wollen. Ein Prestige-Denkmal, natürlich, soll es stets sein, ein Jahrhundertprojekt mit eingebautem Wahrzeichen-Groove, ein nie schwächelnder Touristenmagnet. Und mit jeder befürchteten oder realen Preissteigerung oder weiteren Verspätung bei der Hamburger Elbphilharmonie geht auch in anderen Städten das Hauen und Stechen um Kosten und Nutzen in die nächsten Runden.

Gerade erst zeigte der Baukonzern Hochtief der neuen Kultursenatorin Barbara Kisseler zur Begrüßung angeblich ebenso die Folterinstrumente wie ihren daran gescheiterten Amtsvorgängern. In den Spekulationen des NDR, die keine Seite bestätigen wollte, war - pünktlich zur Wiederbelebung des Elbphilharmonie-Untersuchungsausschusses - von Nachforderungen von bis zu 100 Millionen Euro die Rede. Eine halbe Milliarde Euro auf dem finalen Preisschild der gläsernen Welle auf dem Kaispeicher A ist für viele kein Ding der Unmöglichkeit mehr, offenbar ist nur noch der Himmel über der Kultur-Baustelle an der Elbe die Schmerzgrenze.

An der Isar wird diese Schmerzgrenze gerade frisch vermessen. Zu den engagiertesten Verfechtern eines Münchner Neubaus gehört dort seit etlichen Jahren Mariss Jansons, Chefdirigent des BR-Sinfonieorchesters. Nachdem Jansons in dieser Saison gleich drei herausragende Konzerte in der Laeiszhalle gegeben hatte (mit den Wiener Philharmonikern, dem Amsterdamer Concertgebouw und dem Münchner BR), machte er sich, begleitet von einigen seiner Musiker, ein eigenes Bild von der Elbphilharmonie-Baustelle. Dort also, wo er eigentlich aufgetreten wäre, hätte es nicht den allseits bekannten Desaster-Cocktail aus Kosten, Pech und Pannen gegeben. Den Gästen aus Bayern soll es vor Neid und Begeisterung die Sprache verschlagen haben; als er sie wiederfand, sagte der in Hamburg geborene BR-Kontrabassist Frank Reinecke: "Der Blick von da oben ist eine Droge." Doch Drogen vernebeln die Sicht auf die Fakten, sie verbiegen die Perspektiven und lassen Risiken zu Kleinigkeiten schrumpfen, bis man wieder nüchtern ist und klar im Kopf.

In München ist die Situation besonders vertrackt. Die Stadt inszeniert sich gern und gut als klassische Musikmetropole, man ist stolz auf seine Oper, aufs Musikleben, auf die örtlichen Orchester und ihre drei teuer eingekauften Pult-Zauberer Jansons, Kent Nagano und ab 2012 Altmeister Lorin Maazel. So viel Nobles - aber kein angemessener Saal. Jansons, für viele der beste Maestro unserer Tage, muss mit seinem Orchester zwischen zwei Adressen pendeln. Der Herkulessaal, die eine, ist für vieles zu klein und zu betagt, die überdimensionierte Philharmonie im Gasteig, die andere, eine akustische Zumutung. Dem BR sagte Jansons gerade, er sei weltweit unterwegs, "und wenn ich dann komme und das sehe, denke ich sofort: O Gott, wo bin ich, das ist doch Provinz. Das ist wirklich eine Blamage."

An dieser Stelle rückt ein Japaner ins Bild, dessen Arbeit auch für die Elbphilharmonie für Sein und Nichtsein entscheidend ist: Yasuhisa Toyota, weltweit gefragter Akustiker. Aus seinen Computerprogrammen stammen die Maße für den großen Saal der Elbphilharmonie. Er ist bei Nouvels Pariser Entwurf ebenso mit im Boot wie beim "Musiikkitalo" in Helsinki (und übrigens auch bei der akustischen Rettung der als ikonisch verehrten Sydney Opera, ein Paradebeispiel für das Sprichwort "Außen hui, innen pfui"). In München hatte Toyota im letzten Mai ein Gutachten abgeliefert, in dem er die Idee beerdigte, den ehemaligen Marstall neben der Oper für 120 Millionen Euro zu einem Konzertsaal im Machtzentrum des Freistaats aufzubrezeln.

"Burn it!", Leonard Bernsteins drakonische Meinung zum Gasteig gilt nach wie vor als ebenso richtig wie unwiderlegt. Aber ganz so einfach ist es nicht, denn die Stadt München hat einen Eins-a-Logen-Platz zwischen Baum und Borke. Weil die Leasing-Raten für den Gasteig noch bis 2030 zu leisten sind, wehrt sich der OB Christian Ude gegen eine Alternative, um nicht auch noch die eigene Konkurrenz mitzufinanzieren. Von der Stadt sei kein Euro zu erwarten, weil man insgesamt 75 Millionen Euro für den Gasteig bezahlen müsse, erklärte er auf einer Podiumsdiskussion. Ude möchte viel lieber - und viel günstiger - die Philharmonie brauchbar sanieren lassen. Zwölf Millionen Euro wurden gerade für Sanierungsmaßnahmen bewilligt, die noch nicht einmal etwas mit dem Klang zu tun haben. Dafür wären, je nach Ausmaß der Rettungsversuche, weitere 60 bis 70 Millionen Euro nötig.

"Es hat etwas mit politischer Willensbildung zu tun", sagte Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, der "Süddeutschen Zeitung", als es eigentlich nur um die lokale Konzertsaal-Misere gehen sollte. In München machen sich Rattle und seine Berliner seit Jahren demonstrativ rar, eben weil es keine angemessene Spielstätte gibt, die dem Qualitätsanspruch seines Orchesters gerecht wird. Das mag mancher für einen eitlen Luxus-Blickwinkel halten, doch musikalische Exzellenz und architektonisch-akustisches Mittelmaß vertragen sich nun mal nicht.

Rattles Interview war nicht nur pragmatisch und angriffslustig, es war auch beispielhaft, um das Denken, Planen und Hoffen der Politiker in etlichen Städten zu verstehen, die sich mit einem solchen Bau schmücken und ihre Bilanzen langfristig aufbessern wollen. "Wenn ein guter Saal da ist, macht das einen enormen Unterschied", sagte er, "die neue Oper in Oslo hat die ganze Stadt verändert. Wie damals bei uns in Birmingham." Dort begann Rattles internationale Karriere. Der Saal-Neubau, durch den aus einem Provinzorchester in wenigen Jahren ein weltbekanntes Ensemble wurde, war für seine Arbeit ein Sprungbrett in die große weite Klassik-Welt, die marode gewordene Industriestadt hatte ihr Geld langfristig ideal angelegt. "Als es mit den Fabriken und der Autoproduktion bergab ging, formierte sich der politische Wille, der Welt zu zeigen, was wir sonst noch alles können." Ein Grund, der vielerorts ins Feld geführt wird, um betagte Images von Städten für die postindustrielle Zukunft aufzufrischen, in der die Kultur vom weichen zum harten, noch lukrativeren Standortfaktor werden kann, als sie es jetzt schon ist.

Mit gutem Willen allein ist es dabei nicht getan. BR-Intendant Ulrich Wilhelm signalisierte, sein Sender könne sich bei einem neuen Konzertsaal zum Wohle des Rundfunkorchesters indirekt mit "über 20 Millionen Euro" beteiligen. Auch in Hamburg hatte sich der NDR durch stattliche Zahlungen an die Hansestadt den Status des Haus-Orchesters in der Elbphilharmonie erkauft, mit allen Rechten und Pflichten. Die beiden anderen, städtischeren Orchester Philharmoniker und Symphoniker waren langfristig verstimmt.

Private Sponsoren wollen in München angeblich für bis zu 30 Millionen Euro gut sein. Die Landesregierung nennt bislang lieber gar keine Zahlen für so etwas wie eine "Isarphilharmonie", um sie später nicht kleinlaut nach oben korrigieren zu müssen. Dafür hofft man bis Ende 2011 auf konkrete Vorschläge, für welche Adresse auch immer, und eine Willenserklärung des Kabinetts. Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP) wünscht sich schon jetzt einen "visuellen Knaller". Als erste Preisvorstellung geistern 200 Millionen Euro durch den öffentlichen Raum.

Ähnliche Probleme haben gerade auch die Befürworter eines Konzerthaus-Neubaus in der Ex-Hauptstadt Bonn. Dort hatten ortsansässige Konzerne versprochen, 75 Millionen Euro beizusteuern, der Kulturstaatsminister sagte 39 Millionen Euro zu. Die Stadt sollte - ähnlich wie in der Frühphase der Elbphilharmonie-Planung - das Grundstück zur Verfügung stellen und das Haus betreiben. 2020 ist der 250. Geburtstag Beethovens zu feiern. Große Träume wurden deswegen geträumt, von einem Salzburg am Rhein. Entwürfe zum Bestaunen lieferte unter anderen Zaha Hadid (ebenso wie die Elbphilharmonie-Erfinder Herzog & de Meuron Empfängerin des Pritzker-Preises, der als Architektur-Nobelpreis gilt), deren Opernhaus im chinesischen Guangzhou kürzlich eröffnet wurde.

Mittlerweile scheinen diese Träume von globaler Bedeutung aber geplatzt, dank eines Skandals um das "World Conference Center Bonn" am Rhein, das unvollendet und 130 Millionen Euro teuer daran erinnert, wie leicht sich Gemeinden bei solchen Bauten über den Tisch ziehen lassen können. Was dort schiefging, soll und darf sich nicht wiederholen, bangen Bonner Lokalpolitiker. Seitdem liegen sowohl die schönen Ideen für das neue Konzerthaus wie auch die Sanierung der maroden Beethovenhalle auf Eis. Und auf die Frage der "Welt am Sonntag", ob er keine Angst vor einem "Hamburg-Effekt" habe, entgegnete der Münchner Kunstminister Heubisch mit einem bayerisch-rustikalen "So was wird uns hier nicht passieren", um süffisant fortzufahren: "Interessant finde ich, dass die Hamburger die Elbphilharmonie so unbedingt wollen, dass man den Eindruck haben könnte, es ist ihnen egal, ob sie nun 360 oder 500 Millionen kostet." Alles eine Frage der Perspektive.

Ausstellung: "Snøhetta. Architektur - Landschaft - Interieur" 6. Mai bis 19. Juni, Di-So 11-18 Uhr. Freie Akademie der Künste, Klosterwall 23. Eine Ausstellung über das norwegische Architekturbüro Snøhetta, das die neue Oper in Oslo entworfen hat