Schulhausroman

Ein Lehrer muss mindestens dran glauben

An der Gesamtschule Stellingen schreiben Schüler einen Roman, der Hamburger Schriftsteller Stefan Beuse begleitet sie bei ihrer Arbeit.

Hamburg. An der Tafel steht ein Termin im Literaturhaus, dem wollen die Schüler der 11c demnächst mal einen Besuch abstatten. Sie waren da noch nie. Dabei sind die Oberstufenschüler der Gesamtschule Stellingen derzeit selbst Autoren, sie schreiben einen Roman . Oder sagen wir, sie schreiben eine Geschichte, vielleicht ist "Roman" ein zu hehres Wort. Oder vielleicht geht es auch genau darum: dass die Sphäre der Literatur kein abgeriegelter Bereich für Schöngeister und Stilkünstler ist. Sondern ein Feld, auf das jeder darf. Egal ob er den Kanon der Literaturgeschichte gelesen hat oder nicht, Janin Yapiskan schaut herausfordernd und sagt: "Mindestens ein Lehrer muss sterben, sonst ist es langweilig."

Sie meint die Lehrer in ihrem "Schulhausroman" und nicht etwa ihren Deutschlehrer André Müller. Der beobachtet mal lächelnd, mal stirnrunzelnd von der Fensterseite des Klassenzimmers, das so typisch ist wie nur irgendeines, das Treiben in selbigem. Vorne sitzt oder steht einer, der lehrt. Ihm gegenüber die, die lernen sollen. Im Deutschunterricht eilen sie gerade durch die Literaturepochen, bei Goethe sind sie noch nicht. Der Dichterfürst eignet sich trotz Werther nämlich nicht, wenn man junge Menschen in Stellingen oder Osdorfer Born für Bücher begeistern will. Wer kann und will sich schon in den Charakter eines Faust einfühlen, wenn man sich gerade mit den Nöten und Wünschen des Erwachsenwerdens abmüht? Wer liest denn eigentlich noch, wenn einem das Interesse an Literatur nicht gerade in die bildungsbürgerliche Wiege gelegt wurde, wenn Internet und Fernsehen viel komfortablere Zeitvertreibe sind?

Und: Wer will ernsthaft ein Buch schreiben, wenn die Lieblingstexte am Ende doch die eigenen SMS sind?

In der 11c wird trotz der widrigen Umstände am Schulhausroman gearbeitet, jetzt gerade schreiben die Schüler die Steckbriefe der Personen, die in ihrer Geschichte vorkommen. Sie haben sich überlegt, dass der Schulhausroman im Schulhaus spielen soll. Es soll um einen Amoklauf gehen, eine Schülerin dreht durch, weil die Eltern sich scheiden lassen. Mobbing, Töchterchen aus reichem Hause, erste Liebe - die Motive und sogar die Namen der Figuren kommen direkt aus der Daily Soap.

"Die sind total verhaftet in ihrer anderen Medienwelt, es ist schwer, sie da rauszuholen", sagt der Hamburger Schriftsteller Stefan Beuse, der die Nachwuchsautoren coacht. Heute ist er wieder in der Schule im Brehmweg, zum dritten Mal, nach sechs Sitzungen und viel Heimarbeit; nach Schreibstunden, die Deutschlehrer Müller dem regulären Unterricht abknapst, soll dann ein fertiges Werk stehen. Die Schüler tragen engagiert vor, es wird viel gelacht, trotz des ernsten Themas, einer sagt: "Die muss da 'ne Handgranate reinwerfen, die muss richtig amoken!"

Beuse hört sich die Ideen der Schüler an, erklärt ihnen, was ein Klischee ist, und sagt: "Das ist kein guter Charakter, so nehmen wir den nicht." Vor ihm liegen die Ausdrucke der Figur-Steckbriefe, die Mails zwischen ihm, Müller und den Schülern gehen hin und her, so ist das heute: technischer Fortschritt.

Man sollte den Schülern lieber nicht damit kommen, dass sie aus einer schwierigen Gegend kommen, sagt Beuse. Ist schon recht, ist ja auch ein billiges Etikett. Deutschlehrer Müller verweist auf die vergleichsweise hohe Zahl von Schülern mit Migrationshintergrund, die den Unterricht in Stellingen besuchen, seine Erklärung fördert Überraschendes zutage: "Im Deutschunterricht fließt die Rechtschreibung oft nur noch zu 20 Prozent in die Bewertung mit ein, wir fordern vor allem gute Inhalte." Müller, Jahrgang 1976, wuchs in Berlin-Marzahn auf, er studierte in seiner Heimatstadt und machte das Referendariat an einer Bochumer Brennpunktschule. Er sagt: "In Hamburg sind die Schüler weltoffen und tolerant."

Stefan Beuse, der Literaturcoach, sagt jetzt: "Wir müssen uns eine Erzählperspektive überlegen: Wollen wir den allwissenden Erzähler oder die Figurenperspektive?" Das müsse immer wechseln, je nachdem, antwortet einer unbedarft und vorlaut, alle lachen, und man denkt sich: klingt nach einem modernen Literaturverständnis. Die Schüler sind motiviert, die Fantasie schlägt Purzelbäume, die Handlungsstränge an der Tafel sind sehr beeindruckend.

Aber wer liest denn hier jetzt eigentlich? Janin Yapiskan, 19, greift gerne mal zum Buch, sagt sie. Ihr Vater ist Türke, die Mutter Deutsche. In der 11c wachsen viele bilingual auf. Bei Aakash Sundry zu Hause wird nur Deutsch gesprochen, obwohl seine Eltern aus Afghanistan stammen. "Ich will später Jura studieren, Literatur interessiert mich nicht so", erklärt der junge Mann.

Die jungen Leute sind ehrgeizig, und sie werden ernst genommen von ihren Lehrern. Wer es hierhin geschafft hat, der hat schon Durchhaltevermögen bewiesen, der hat gegen die Statistik gewonnen, nach der immer noch viel zu wenige Kinder von Einwanderern aufs Gymnasium gehen. Man hat es in dieser Klasse nicht mit Außenseitern der Gesellschaft zu tun, und so ist der Schreib-Workshop auch kein sozial motiviertes Angebot an als Problem wahrgenommene Schüler. "Aber es ist auch nicht so, dass wir mit dem 'Schulhausroman' in die Deutsch-Leistungskurse der Gymnasien wollen", erklärt Isabell Köster vom Literaturhaus, das das Projekt organisiert. Es gehe darum, literaturferne Schüler für die Kunst des Schreibens zu begeistern. Er wolle vermitteln, sagt Schriftsteller Beuse, "dass Bücher etwas Tolles sind".

Als das Literaturhaus bei ihm anfragte, ob er neben Kollegen wie Gerhard Henschel Schülern beim Schreiben eines Romans helfen könne, da habe er gedacht: Was für eine absurde Idee. "Dann kam da noch einer und gab mir einen Rap-Text, als ich denen eine literarische Aufgabe gestellt habe", sagt Beuse indigniert und grinst dabei.

Was "Literatur" ist und was nicht, liegt immer im Auge des Betrachters.