Neues Musical in Hamburg

Sister Act Premiere: Lass die Liebe rein

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Das neue Musical "Sister Act" im Hamburger Operettenhaus hat einige Schwächen, die fröhlichen Nonnen wissen aber himmlisch zu vergnügen.

Hamburg. Wer auf der Musical-Vorpremiere von "Sister Act" keine Sekttulpe in der Hand hält, fällt negativ auf: "Was machen Sie hier?", werde ich im Gedrängel des Operettenhauses von einer fein bezwirnten und betulpten Dame angefaucht. "Arbeiten!", knurre ich zurück. Auf dem Weg zum Platz ist sich mancher selbst der liebste Nächste, wie auf der absaufenden "Titanic".

Ich vermisse Konny, eine Freundin und Musical-Expertin. Sie hätte zur Sekttulpe geraten, den schnellsten Weg zum Platz gewusst. Aber sie hat keine Zeit: "Oh, ich wäre gerne mitgekommen, aber ich bin gerade in Bochum und schaue mir 'Starlight Express' an." Mir fällt fast das Handy aus der Hand. Bochum! Wenn Hamburger für ein Musical tief in den Westen reisen, wie viele Menschen kommen dann in die Hansestadt für den "König der Löwen", "Tarzan" oder "Sister Act"?

Viele. Ich falle erschöpft vom Mantel-Slalom in den Sitz. Ein paar Reihen weiter sitzen echte Nonnen, auf der Bühne stehen falsche Nonnen. Wie war das damals noch im "Sister Act"-Filmhit von 1992?

Ach ja: Die verlebte Nachtklub-Sängerin Deloris van Cartier aus Philadelphia, gespielt von Humorbombe Whoopi Goldberg (die für Bette Midler einsprang), beobachtet, wie ihr Liebhaber Curtis Shank einen Mord begeht. Das Zeugenschutzprogramm verfrachtet die sehr weltliche Deloris in ein sehr geistliches Nonnenkloster. Und da Deloris nicht viel mehr kann als fluchen und singen, übernimmt sie die Leitung des Chors, verwandelt ihn in ein ausgezeichnetes Gospel-Ensemble, und am Ende schaut nicht nur der Papst in der Kirche vorbei, sondern auch die Blues Brothers.

Die Musical-Adaption, von Whoopi Goldberg mitproduziert und von 2006 an in Pasadena, Atlanta und London mit gemischten Kritiken bedacht, hält sich im Grunde an die Filmvorlage, aber ein Musical braucht natürlich mehr: Glitter, Show und Revue. Das fängt schon bei der Musik an: Der New Yorker Komponist und Disney-Soundtrack-Meister Alan Menken, achtfacher Oscar-Abstauber, verlegt den Sound passend zur Musical-Handlung in das Jahr 1978. Funk und Disco.

Und so erleben wir Zodwa Selele, vielen schon als alternierende Hauptrolle im "König der Löwen" bekannt, zu Beginn als eitel röhrende Dancefloor-Queen Deloris, wie sie ihren schmierigen Gangsterfreunden den Disco-Soul Marke The Emotions ("Best Of My Love") präsentiert. Aber leider sind die ersten Takte, "Zeig mir den Himmel" und "Fabelhaft, Baby" auch gleich Hinweis auf die Schwachpunkte der Show.

Die deutsch übersetzten Songs zeigen erneut, dass unsere Muttersprache immer etwas unfunky klingt, dazu rührt das Orchester unter der Leitung von Bernhard Volk einen müden Groove an, gegen den das James Last Orchester wie die Funk-Götter Sly & The Family Stone wirkt. Kool, komm in Gang! Wo ist der Soul, der den Herrn erfreut? Und wo ist die Faszination des Diabolischen, die bei der blassen Darbietung von Cusch Jung alias Curtis Shank völlig verpufft? Und warum müssen seine drei fiesen Helfershelfer TJ (Dave Mandell), Bones (Tetje Mierendorf) und Dinero (Pedro Reichert) albern und mit blödem Akzent provinzielle Zirkus-Pausenfüller abarbeiten? Ärgerlich. Aber Gott sei Dank findet Deloris zuerst zum Innendienst-Polizisten Eddie (Mathieu Boldrion) und von dort aus ins Kloster.

Die Kulissenschieber leisten Schwerstarbeit auf Rampen und Drehbühnen, und da ist sie. Die Klosterkirche, wo Daniela Ziegler als Mutter Oberin ein strenges Regiment führt. Tatsächlich singt Ziegler passabel, brilliert vor allem als kühle Autokratin. Jetzt nimmt "Sister Act" endlich Fahrt auf. Die Schwestern, die den Ruf des Herrn "beim Rückwärtshören von Sgt. Pepper" oder "nach zu viel Klosterfrau Melissengeist" hörten, geben den Ton an. Gelungen, wie Deloris dem Kloster-Dumbo Mary Patrick (Martine de Jager), der greisen, Schnaps naschenden und rappenden Organistin Mary Lazarus (Sonya Martin) sowie Mauerblümchen Mary Robert (Ina Trabesinger) Feuer unter dem Habit macht. Sobald der Chor die Töne trifft, wird es fetzig. Die Choreografie lässt die Roben fliegen. Pinguintanz. Nur das Orchester ist nicht wie bei den Blues Brothers "die Baaaand!", sondern weiterhin "och, die Kapelle". Es kommt schwer aus dem herkömmlichen Musical-Quark.

Auch nach der Pause folgt "Sister Act" den Gesetzen, welche die laut Medienberichten täglich 3000 Kartenkäufer verlangen: höher, schneller, weiter. "Singt hinauf zum Himmel" und "Schütz die Show". Selele, der solide, aber nicht immer mit guten Pointen beschenkte Motor der Show, muss viel laufen, singen, weinen und beten.

Die Nonnenkostüme werden immer glitzernder, das sakrale Bühnenbild immer heller. Die Gangster finden heraus, wo sich Deloris versteckt, und dringen verkleidet ins Kloster ein. Klassischer Slapstick mit Verfolgungsjagden durch ein Tür-Labyrinth, die im Showdown enden; die schüchterne Mary Robert wird mutig, Mutter Oberin verteidigt ihre Schäfchen, und Disco-Cop Eddie macht am Ende alles gut - "Lass die Liebe rein." Sogar die Musiker spielen sich - ein Wunder? - in himmlische Ekstase. Der Saal tobt.

Und alles muss raus. Die letzten Minuten werden auf viele Besucher eine Wirkung entfalten wie zwei Liter Coca-Cola auf ein Kleinkind. Zuckerschock. Wer sich fragt, was Stage Entertainment mit dem jährlich in zehn Musicaltheatern eingenommenen 330 Millionen Euro anstellt - bitte schön: 27 000 LED-Lampen und eine große Madonna aus 25 000 Spiegelplättchen strahlen mit den Ensemble um die Wette. Gejohle, Standing Ovations, Halleluja!

Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn der Laden nicht bis zum 31. Mai läuft, auch wenn Dialoge, Dramaturgie, Arrangements und Besetzung noch optimierbar sind. Für fröhliche Musical-Unterhaltung, der Hamburger Kultur-Geldkuh, reicht es.

Und nach drei Stunden und einem letzten Mantel-Slalom bleibt immerhin das finale "Singt hinauf zum Himmel" hartnäckig im Gehörgang haften. Da hilft nur ein Griff ins heimische CD-Regal: "Mamma Mia!" - deine Mudder. AC/DC muss natürlich her: "Hell Ain't A Bad Place To Be". Amen!

Sister Act: bis 31.5., Di/Mi 18.30, Do/Fr 20.00, Sa 15.00, 20.00, So 14.30, 19.00, TUI-Operettenhaus (U St. Pauli), Spielbudenplatz 1, Karten ab 47,89 unter 01805/44 44; www.stage-entertainment.de