Philipp Otto Runge

Porträt des Unvollendeten als junger Mann

Foto: Hamburger Kunsthalle/bpk Photo: Elke Walford

Große Romantiker starben jung und unerfüllt - die Kunsthalle würdigt einen ihrer Besten, Philipp Otto Runge, mit einer großen Schau.

Hamburg. Ein sensibler junger Mann sieht den Betrachter fragend an, aber der Blick seiner dunklen Augen scheint doch eher nach innen gerichtet zu sein. Das Selbstporträt, das der Maler Philipp Otto Runge 1802 im Alter von 25 Jahren schuf, ist nicht nur das Bildnis eines nachdenklichen Künstlers, es ist das Dokument einer Selbstbefragung. Acht Jahre später war das Leben dieses außergewöhnlichen Künstlers schon zu Ende. Jung und unerfüllt zu sterben oder sich das Leben zu nehmen war für Romantiker nicht ungewöhnlich. Erfüllung und Vollendung lag nicht im Wesen der Romantik: Runge starb mit 33 an Tuberkulose, der Schriftsteller Heinrich von Kleist erschoss sich mit 34, Novalis wurde nur 29. Auch er fiel der Tuberkulose zum Opfer.

Heute jährt sich Runges Todestag zum 200. Mal. Er wurde auf dem St.-Petri-Friedhof am Dammtor beigesetzt, seit 1935 befindet sich sein Grab auf dem Althamburgischen Gedächtnisfriedhof in Ohlsdorf.

Von morgen an zeigt die Hamburger Kunsthalle nun eine Ausstellung, in der der große Romantiker erstmals seit Jahrzehnten wieder umfassend gewürdigt wird - stand er doch immer etwas im Schatten seines Maler-Kollegen Caspar David Friedrich. Doch im Unterschied zur letzten großen Runge-Schau in der Kunsthalle von 1977/78, die den Maler vor dem Hintergrund der deutschen und europäischen Kunst seiner Zeit erklärte, geht es diesmal darum, die Entstehungsbedingungen, die Motive, die Arbeitsweise und - vor allem - die geistigen Grundlagen des viel zu jung verstorbenen Malergenies darzustellen. Das ist ein anspruchsvolles Konzept. Denn Runges Ideen- und Bildwelt erschließt sich schwerer als die von Caspar David Friedrich, obwohl beide Künstler vieles miteinander verbindet.

Im Sockelgeschoss der Galerie der Gegenwart haben die Kuratoren Jenns Howoldt, Markus Bertsch und Andreas Stolzenburg in einer Mischung aus chronologischer und thematischer Ordnung den ganzen Kosmos des rungeschen Werkes ausgebreitet: 35 Gemälde (nur ein einziges konnte nicht ausgeliehen werden), 200 Zeichnungen, dazu etwa 50 Schattenrisse und Scherenschnitte.

Schon im Eingangsbereich wird dem Besucher jedoch klar, dass es bei Runge nicht nur um Bilder geht, sondern auch um die Ideen, die dahinterstehen, um Worte, um schriftlich formulierte Gedanken, um philosophische und theologische Betrachtungen, um Selbstzeugnisse und schließlich um Kunsttheorie. Der gesamte Raum ist mit Zitaten überzogen, die so gestaltet sind, dass sich der Blick festhakt an Sätzen wie diesem: "Dann erweitert sich der Raum in unserem Inneren und wir werden zuletzt selbst zu einer großen Blume."

Die Schau beginnt mit den Selbstbildnissen, dokumentiert dann die Blätter, die 1799 bis 1801 bei der akademischen Ausbildung in Kopenhagen entstanden sind, zeigt die Auseinandersetzung mit dem Klassizismus und die radikale Art, in der Runge diesen überwunden hat. Zu sehen sind die Studien zu seiner Farbenkugel, dem ersten dreidimensionalen Farbensystem, die Kinderbildnisse und die Familienporträts, und schließlich kann der Besucher an der Entstehungsgeschichte des unvollendet gebliebenen "Zeiten"-Zyklus teilhaben: von den Konstruktionszeichnungen und Kupferstichvorlagen zu "Der Morgen", "Der Tag", "Der Abend" und "Die Nacht" bis hin zu den symbolgeladenen Ölgemälden "Der kleine Morgen" von 1808 und "Der große Morgen" aus dem Jahr 1809. Hier wird der Prozess der Ideen- und Formfindung besonders deutlich, etwa bei den zeichnerischen Pflanzen- und Blumenstudien, bei denen Runge einerseits mit naturwissenschaftlichem Interesse den floralen Formen auf die Spur zu kommen suchte, andererseits aber nach einer geometrischen Ordnung, einem zugrunde liegenden Konstruktionsprozess gesucht hat, um die Formen dann mit völlig neuen Mythen, Symbolen und Inhalten zu füllen. Kunst trat für ihn an die Stelle des alten Glaubens, wurde zur neuen Religion.

Philipp Otto Runge stammte aus dem pommerschen Wolgast, als 18-Jähriger kam er nach Hamburg, wo er in der Handelsfirma seines älteren Bruders Daniel lernte, aber auch Kontakte zu dem Literaten- und Künstlerkreis um den Buchhändler Friedrich Christoph Perthes knüpfte. Nachdem er von der Arbeit im Kontor befreit war, konnte er endlich seinen künstlerischen Neigungen nachgehen, Zeichenunterricht nehmen und seine Ausbildung erst in Kopenhagen und dann in Dresden fortsetzen. In der sächsischen Residenz lernte er Caspar David Friedrich kennen und den Dichter Ludwig Tieck. Hier verliebte er sich in die Fabrikantentochter Pauline Susanna Bassenge, die er 1804 heiratete, um sich anschließend mit ihr in Hamburg niederzulassen. Aber schon 1806 musste er aufgrund der unsicheren politischen Lage und seiner schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse die Hansestadt wieder verlassen, um in Wolgast Zuflucht zu finden. Erst 1807 kehrte er für seine drei letzten Lebensjahre nach Hamburg zurück, wo er groß angelegte Projekte begann, die er alle nicht vollenden konnte.

Runge hat es schon seinen Zeitgenossen nicht leicht gemacht, seine Kunst zu verstehen. Selbst Goethe, der vor allem von seiner Farbentheorie sehr angetan war, räumte ein, dass er von Runges Bildern zwar fasziniert sei, sie aber nicht wirklich verstehen könne.

"Hier zeigt sich schon das Problem der modernen Kunst", meint Kunsthallen-Chef Hubertus Gaßner, der einen interessanten Vergleich zieht: "Das Schwarze Quadrat von Malevich hält der eine Betrachter für Unsinn, ein anderer hält es für dekorativ und ein dritter für hochphilosophische Kunst, die aber erklärungsbedürftig ist. Auch die Werke von Mark Rothko kann man als Dekoration betrachten oder als hochphilosophische Kunst. Diese Ambivalenz hat mit Runge begonnen, er war der erste Maler, der autonome Kunstwerke geschaffen hat."

Die Schau zeigt, wie Runge bis ans Ende seines kurzen Lebens nach neuen Ideen, einer neuen Religion und deren künstlerischem Ausdruck suchte, aber seinen Weg nicht zu Ende gehen konnte. Seine "Zeiten" waren als groß angelegter Zyklus mit sechs Meter hohen Tafeln für einen eigenen quasi sakralen Raum geplant. Vollenden konnte er für dieses Projekt nur Entwürfe, Zeichnungen, Kupferstiche und zwei Gemälde.

Die Ausstellung, die den Titel "Kosmos Runge. Der Morgen der Romantik" trägt, ist Ausdruck eines fragmentarisch gebliebenen Künstlerlebens.

Was hätte aus Runge werden können, wenn ihm eine lange Schaffenszeit vergönnt gewesen wäre? "Für Runge war es tragisch, aber vielleicht war sein früher Tod für die Kunst ein Glück", meint Hubertus Gaßner zu dieser hypothetischen Frage: "Wenn er alt geworden wäre, hätte er vielleicht aufgehört, Romantiker zu sein."