Thalia-Theater

"Was Ihr wollt" - Hinausgefegt aus dem Paradies

Foto: Heji Shin / Heji Shin/Thalia theater

Jan Bosse inszeniert Shakespeares "Was Ihr wollt" mit Schauspieler Mirco Kreibich im Thalia als Tragikomödie über eine moderne Identitätssuche.

Thalia-Theater. Der Kosmos ist leer. Kein Halt, nirgends. Illyrien, jener paradiesische Sehnsuchtsort, an dem der Mensch einst mit sich selbst und der Natur in Harmonie lebte, ist eine metaphysische Wüste. Flora und Fauna sind nur noch als museale Naturhistorie präsent.

Inmitten dieser von Bühnenbildner Stéphane Laimé geschaffenen Laborkulisse ringen die Restadeligen aus William Shakespeares "Was ihr wollt" um ihre Würde. Ihre Sehnsucht nach echten Gefühlen prallt auf eine Wirklichkeit, die von Zuständen des Rausches und der sinnfreien Unterhaltung dominiert ist. Herzog Orsino und Gräfin Olivia hausen hier samt Hofstaat als Verlorene, innerlich Ausgebrannte, die nur noch mit ihrer Macht spielen. "Das sind natürlich große Worte für eine Komödie", sagt Jan Bosse. Schließlich soll das Stück auch am Silvesterabend die Thalia-Besucher erfreuen.

Für einen Regisseur ist "Was ihr wollt" eigentlich ein Garant für einen sicheren Bühnenhit. Bosse hat schon 2006 mit Shakespeares "Wie es euch gefällt" Erfolge gefeiert, seine Inszenierung vom Wiener Burgtheater wurde zum begehrten Schaulaufen der Besten, dem Berliner Theatertreffen, eingeladen. Doch nun sitzt er im Café, trinkt Milchkaffee gegen die Probenmüdigkeit und stochert in einem Stück Kuchen. ",Was ihr wollt' ist toll geschrieben und bietet gutes Schauspielerfutter", sagt er. "Trotzdem gibt es darin etwas, das es wahnsinnig schwer macht, es umzusetzen. Eine tiefe Sinnlosigkeit, die sich durch das Stück zieht."

Derzeit steckt Bosse am Thalia-Theater in den Endproben für die Premiere der von ihm und Gabriella Bußacker erarbeiteten Stückfassung an diesem Sonnabend. Einen schnellen Trip in die Katastrophe will er zeigen, kein breites Trauerspiel. Roh. Handgemacht. Ohne technischen Firlefanz. Aber spielerisch.

Bosse interessieren vor allem die dunklen Seiten der Tragikomödie, die ihm eine Balance zwischen der Düsternis und dem eingeschriebenen Kalauer abfordert. Die junge Viola löst die Ereigniskette aus. Gestrandet an der Küste Illyriens, geht sie in der Kostümierung des Pagen Caesario an den herzoglichen Hof und sorgt dort bei Herrschaft und Dienerschaft für allerlei Liebesturbulenzen. Der Herzog missbraucht sie als Liebesbote für die von ihm angebetete Gräfin Olivia. Doch die hegt bald eher Gefühle für die Überbringerin als für die glühenden Nachrichten.

Alle Figuren fahnden nach einem Lebensmodell, mühen sich ab, ihre Identität zusammenzusetzen. "Das ist ein Menschenexperiment", sagt Jan Bosse. "Die Frage ist, was passiert, wenn eine sorgfältig konstruierte Identität in der großen Krise anfängt, sich aufzulösen." Die intersexuelle Verwirrung, die Viola stiftet - Thalia-Schauspieler Mirco Kreibich gibt sowohl Viola/Caesario als auch ihren Bruder Sebastian -, steht exemplarisch für Figuren, die nicht sind, was sie vorgeben.

Die Verstellung und das Künstliche erweist sich im völlig schiefen Happy End mit zwei heterosexuellen Paaren, der scheinbaren Erlösung durch die Liebe als die noch größere Illusion. Das Paradox, sich als Mann in eine Frau zu verlieben, die sich als Mann verkleidet und hier auch noch von einem Mann gespielt wird, bleibt unaufgelöst. "Es geht um Obsessionen. Um das, was passiert, wenn Begehren immer unterdrückt wird und sich seine Bahn in Sexualität, Gewalt oder Depression sucht", erzählt Bosse. "Das wird gesellschaftlich natürlich nicht akzeptiert."

Auf der anderen Seite treiben die Narren ihr neckisches Spiel. Kämpfen gegen ihre eigene Überflüssigkeit bei Hof. Ihre Lieder hat Rocko Schamoni gemeinsam mit Jonas Landerschier komponiert. "Was ihr wollt" stellt auch die Ansprüche aller an einem Theaterabend Beteiligten infrage. "Es gibt immer die Ebene von 'Ich bin nicht, was ich spiele, ich bin nicht, wer ich bin.' Aus dem Problem des Rollenspiels wird das des Identitätsspiels."

Nachdenklichkeit herrscht vor. Auch beim inzwischen 41 Jahre alten Regisseur. Seit Langem versuche er, seine Ideenwelt und Arbeitsweise auf den Kopf zu stellen. Nach Jahren der großen klassischen Stoffe hat er zuletzt unter anderem "Die Blechtrommel" und "Anna Karenina" in einer modernen Version von Armin Petras für die Bühne adaptiert und zwei Opern inszeniert. "Bei 'Was ihr wollt' habe ich in den Proben eine große Freiheit riskiert", sagt Bosse, der eher als Bastler, als ordentlicher Theaterarbeiter gilt. Katastrophal absurd sei doch die Existenz, erklärt Bosse, isst seinen Kuchen weiter und muss auf einmal an Samuel Beckett denken. Was bleibt? Vielleicht nur dieses: mit Rocko Schamoni im Schlusssong auf das Ende der Welt trinken. Und auf die Krise als Chance hoffen.

Was ihr wollt: Premiere Sa 27.11., 20.00, Thalia-Theater (U/S Jungfernstieg), Alstertor, Karten 27,- bis 66,- unter T. 32 81 44 44 oder www.thalia-theater.de