Thalia-Theater

"Was ihr wollt" - Narrenfreiheit in Illyrien

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Wer sagt, dass Shakespeare nichts für jüngere Zuschauer ist, der hat Jan Bosses Inzenierung "Was ihr wollt" noch nicht gesehen.

Hamburg. Liebende sind Verrückte, so viel ist schon mal klar in Jan Bosses Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt", die am Sonnabend am Thalia-Theater Premiere hatte. Denn dass hier so gut wie alle Figuren mechanisch auf einer Liebe beharren, die sich partout nicht erfüllen wird, lässt sie verzweifeln, verblöden, launisch und labil werden. Und damit auch lächerlich.

"Ich finde es bei Weitem das lustigste Stück Shakespeares", hat der große Shakespeare-Forscher Harold Bloom gesagt. Und genauso inszeniert es auch Jan Bosse. Als derben Spaß voller Witz und praller Pointen. Er hat sich dabei an die uralte Theaterregel gehalten: Dezenz ist Schwäche. Mag sein, dass dadurch Tiefe, Bedeutung und die Vielschichtigkeit mancher Figur verloren gehen, zumal das Personal reduziert wurde und sich die Protagonisten in einer sehr modernen Sprache verständigen und schon mal "Hä?" fragen, wenn ihnen etwas komisch vorkommt (Bosse hat das Stück mit Gabriella Bußacker neu übersetzt). Aber das ausnahmslos hervorragende Ensemble präsentiert sich so spielfreudig-burlesk, dass es ansteckend wirkt, auch wenn man am Anfang nicht so richtig weiß, ob man das gut finden soll. "Die zwölfte Nacht" heißt das Stück im Original. Zwölfnächte sind die Zeit der Feiern, die Zeit, in der Narrenfreiheit herrscht. Man merkt's dieser Inszenierung an. Und wie bei allen Feiern gehören Melancholie und Katzenjammer mit dazu.

Das Stück um die Liebe, die immer das falsche Objekt der Begierde trifft, wird den Hamburger Zuschauern in einem illyrischen Urwald präsentiert, in dem blaue, grüne und rote Blätter über putzigen Tieren und einer Hammond-Orgel wuchern, die mal Chillout-, mal Animations-Musik bietet (Bühne: Stephane Laimé, Musik: Rocko Schamoni und Jonas Landerschier).

Der Regisseur hat sein Ensemble in Kalauer und Slapsticks getrieben. Man neckt sich, quält sich, gelegentlich langweilt man sich auch und vertreibt sich die Zeit mit Blödsinn. Das ist lustig, manchmal auch ein bisschen oberflächlich, funktioniert aber glänzend. Die Rüpel Rülp (ausgiebig körperlich: Bruno Cathomas) und Bleichenwang (herrlich doof: Jörg Pohl) sind wirklich rüpelig, die Liebenden Orsino (Alexander Simon) und Olivia (Bibiana Beglau) schwermütig, überhitzt und sauer. Orsino ist ein melancholischer Macho mit Ringen an jedem Finger, der Typ, der mit 50 noch Single ist. Olivia ist genervt von Orsinos Anbetung und verliebt sich auch deshalb in den zarten Cesario, weil sie dann bestimmen kann, was gemacht wird. Karin Neuhäuser spielt ihren Narren als handfeste Zynikerin, hat Weisheiten parat wie: "Männer und Frauen passen nicht zusammen. Außer in der Mitte."

Jens Harzers Malvolio ist ein armer Streber, der sich in der Liebe verfangen hat. Der lächerlich wirkt, weil ihm alles ernst ist. Mirco Kreibich, der beide Rollen vom Geschwisterpaar Viola und Sebastian spielt und sich, wenn er ein Mädchen ist, als Junge Cesario ausgibt, macht das mit einer wunderbaren Zartheit, zeigt sich erst erschrocken, dann selbstbewusst, wenn er den Mann in sich entdeckt, und lässt sich durch die Liebe, die sowohl Orsino wie Olivia für ihn empfinden, fast zerreißen. Am Ende rennt er zwischen Orsino und Olivia hin und her. Und keiner will ihn/sie mehr.

Schon Shakespeare hat mit dem Stück unsere glatten Gewissheiten bezüglich der sexuellen Identität infrage gestellt. Heutzutage, wo ältere Frauen sich junge Liebhaber als Statussymbole halten (Madonna u. a.), wo Männer Männer lieben (Wowereit u. a.) und Frauen Frauen (Anne Will u. a.) überrascht uns wenig, dass sich Olivia in den Knaben Cesario verknallt und der, weil er ja ein Mädchen ist - oder doch androgyn? - sich in Orsino.

Ach, man liebt ja gerne kreuz und quer in einer Gesellschaft, die übersättigt ist. Sonst wäre es ja auch zu langweilig. So ist auch klar, warum die Akteure, die immer auf der Bühne bleiben, schon mal am Rande herumlungern, sich besaufen oder mit Pilzen in den sphärisch-bunten Rausch treiben ("Lass uns ein' Pilz nehmen"). Erst wenn es um die Liebe und die dazugehörigen Verrenkungen geht, erwachen alle zu neuem Leben.

Am Ende finden sich keine Hochzeitspaare, sondern man bleibt einsam singend auf der Bühne zurück "Wir trinken auf das Ende dieser Welt." Ein schöner Kommentar zur Single-Gesellschaft vielleicht. Auf jeden Fall aber ein amüsanter Abend mit einem hochspannenden Ensemble. Junge Zuschauer werden es lieben. Am Ende gab's jubelnden Applaus.