Musik

Seit 20 Jahren ein Berliner Trüffelschwein

Foto: City Slang

Das Indie-Label City Slang von Christof Ellinghaus feiert seinen Geburtstag mit vielen CD-Veröffentlichungen und einem Festival.

In diesem Jahr hat ihn Arcade Fire gerettet. "The Suburbs", das im Sommer veröffentlichte Album der kanadischen Indie-Rocker, verkaufte sechsstellig und spülte dringend benötigtes Geld in die Kassen von City Slang. "Wenigstens einen solchen Erfolg brauchen wir, um weiterarbeiten zu können", sagt Christof Ellinghaus, Begründer und Chef des Berliner Labels.

Geldsorgen sind nichts Neues für den Labelbetreiber. Seit 20 Jahren veröffentlicht Ellinghaus Musik, die er entdeckt hat und die erst einmal kaum jemand kennt. Er gilt als der Pate des deutschen Indie-Rock und auch als Trüffelschwein im Aufspüren neuer Künstler. In zwei Jahrzehnten hat er City Slang international zum vielleicht bedeutendsten deutschen Label gemacht, weil er niemals von seiner Veröffentlichungspolitik abgewichen ist. Bei City Slang erscheinen fast ausschließlich amerikanische Künstler, und Ellinghaus muss das Produkt persönlich gefallen. Der Mann ist ein Überzeugungstäter im positiven Sinne. Es gibt kaum jemanden in der Branche, der sich so begeistern kann wie der 47-jährige Familienvater. Enthusiastisch erzählt er von einem Konzert des Duos KORT, das er gerade erlebt hat, er schwärmt von einer neuen Band namens Tu Fawning, die er unter Vertrag genommen hat. Immer wieder übertrumpft der Musikfan den Geschäftsmann. "Es gibt so unfassbar viel gute Musik, die muss man doch herausbringen", so sein Credo.

Ellinghaus hat auf City Slang Bands wie Calexico und Lambchop populär gemacht, er hat das Augenmerk der Musikkenner auf kanadische Bands wie Arcade Fire, Broken Social Scene und Stars gelenkt, Combos wie Port O'Brien und Menomena entdeckt und mit Courtney Loves Band Hole viel Geld verdient, als er deren Album "Live Through This" 1994 herausbrachte. "Das Album hat sich etwa eine halbe Million Mal europaweit verkauft und war damals unser erster großer Erfolg." Der Verdienst wurde aber sofort wieder in neue Projekte investiert, die dann oft nicht im Entferntesten so erfolgreich waren, aber an die Ellinghaus ebenfalls geglaubt hat.

Zum Jubiläum werden bei City Slang fünf Alben wiederveröffentlicht, die Ellinghaus besonders am Herzen liegen und die mit reichlich Bonusmaterial ausgestattet sind. Das sind zum einen die beiden Calexico-Alben "Hot Rail" und "Feast Of Wire", 2000 und 2003 erschienen. Sie begründeten den Erfolg der Band von Joey Burns und John Convertino, die Mariachi-Musiker in ihre von Rock und mexikanischer Folklore geprägte Musik integrierten. Als Bonusmaterial gibt es für beide Alben spannende Remixe unter anderem vom Gotan Project.

Auch die Lambchop-Alben "Nixon" (2000) und "Is A Woman" (2002) zählen zu dem Paket der am morgigen Freitag erscheinenden Wiederveröffentlichungen. Als Zugabe zu "Nixon" gibt es einen 110 Minuten langen Videomitschnitt eines Konzertes, das die Band um den ehemaligen Fliesenleger aus Nashville 2000 in der Londoner Royal Festival Hall gegeben hat und bei dem die gekonnte Verbindung aus Alternative Country, Soul, Gospel-Chören und dicken Streichern sowie Wagners außergewöhnliche Stimme nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen ist. Für "Is A Woman" hat der umtriebige Wagner 16 unveröffentlichte Songs aus seinem Archiv ausgewählt, sodass daraus jetzt ein veritables Doppelalbum geworden ist.

Mit deutschen Bands hat Ellinghaus es nicht so, weil er mit US-Musik sozialisiert wurde und weil ihn Texte nicht besonders interessieren. "Ich verstehe die Stimme als ein weiteres Instrument. Bei englischen Texten kann ich das einfach wegschalten, bei deutschen geht das nicht." Doch The Notwist fanden Gnade vor seinen Ohren. 2002 kam bei City Slang "Neon Golden" heraus, das Meisterwerk der Band aus Weilheim. Auch dieses Album erscheint jetzt neu mit einer DVD, die einen Blick in den Mikrokosmos der Band enthält. Den 90 Minuten langen Dokumentarfilm "On/Off The Record" hat Jörg Adolph 2006 gedreht.

Gefeiert wird das Jubiläum von City Slang mit drei Konzerten vom 19. bis zum 21. November im Berliner Admiralspalast. Dort spielen unter anderem Calexico, Broken Social Scene, Lambchop, Tortoise, The Notwist, Get Well Soon und Menomena. Ein Geburtstagsgeschenk hat Ellinghaus sich zum Jubiläum auch gegönnt: "Wir bringen alle fünf Alben zusätzlich als Vinyl heraus. Das ist der Hammer", sagt er und strahlt dabei wie ein kleiner Junge.

20 Jahre City Slang www.cityslang.com