Probewohnen in Wilhelmsburg

Das tägliche Hetzen: Ich bin dann mal Kunst

| Lesedauer: 7 Minuten
Birgit Reuther

Foto: Roland Magunia

Auf einem Parkdeck lädt der Künstler Hasucha zum "Probewohnen in Wilhelmsburg" auf einem Parkdeck ein. Ein paar Stunden Kunst für jeden.

Hamburg. Ich trete ein, schließe die Türe hinter mir und stehe im Freien. Tief durchatmen. Ich bin dann mal Kunst. Und die Kunst, die hat es nicht so mit der Privatsphäre. Sie will sich ausstellen. Erst recht, wenn sie Kunst im öffentlichen Raum ist. In diesem Fall auf einem Parkdeck mit Blick auf S- und Busbahnhof in der Nähe sowie Hochhäuser und Kräne in der Ferne.

Der in Berlin lebende Künstler Christian Hasucha , ein Mann mit wachen blauen Augen in einem hellen rotbärtigen Gesicht, hat zum "Probewohnen in Wilhelmsburg" geladen und zu diesem Zweck eine nach zwei Seiten offene Loggia aufgebaut. Ein "Implantat", wie er es nannte, als er sein Projekt diesen Sommer ankündigte. An einem Tag, als der Beton vor Hitze glühte. Jetzt weht der Herbst spürbar herein. Und mit ihm der Regen. Damals hatte sich die Vorstellung, Kunst zu sein, noch sonnendeckartiger angefühlt. Aber Kunst soll ja auch unbequem sein.

Die Tropfen zeichnen Muster auf die Wände. Schlieren auf Papayaorange. So heißt die Farbe, die ich mir vorab aus Hasuchas Musterpalette aussuchen durfte. Und in der sie für heute gestrichen ist, meine temporäre Heimat. Drei mal drei Meter misst die Betonscholle und ragt zudem um 2,20 Meter auf einem Gerüst in den Himmel. Flugs war jetzt das Probewohnen ausgebucht. Eine Person pro Tag darf ein paar Stunden selbst gestaltet Kunst sein.

Wie sich das anfühlt? Exponiert und verletzlich, aber auch voyeuristisch. Und friedlich, fast meditativ.

Ich bin dann mal Kunst. Ich bin ein Stillleben. Frau an Thermoskanne. Ich bin eine minimalistische Installation. Sitzgruppe in Papayaorange. Ich bin Science-Fiction. Alien gelandet in Raumsonde. Und selbst wenn ich nur da sitze, bin ich auch interaktive Kunst. Ich beobachte und werde beobachtet .

Zahlreiche Passanten eilen unten vorbei, an diesem Knotenpunkt des Wilhelmsburger Nahverkehrs mit seinem urbanen Puzzle aus Fußgängerbrücken, Roll- und Wendeltreppen. Viele schenken mir keine Beachtung. Sie tragen Taschen, plaudern, fließen in den S-Bahn-Schlund und aus ihm hinaus. Manche schielen skeptisch aus den Augenwinkeln hinauf, um dann rasch wieder wegzugucken. Doch das Phänomen, genau zu spüren, wenn Blicke einen länger treffen, es funktioniert auch auf die Distanz: Drei Jungs laufen über den Platz, aufgekratzt nach der Schule. Sie schauen hoch, bleiben kurz stehen, zeigen mit den Fingern auf mich, glotzen, verschwinden dann Richtung Supermarkt. Hätte ich winken sollen? Oder ist das dann schon Performance-Kunst? Jedenfalls hat das neugierige Trio ihn durchbrochen, den Trott, das alltägliche Hetzen von A nach B.

+++ Kunst erfahren zwischen Altona und Wilhelmsburg +++

"Ey! Ich will auch hoch!", rufen zwei Mädchen kurz darauf. Der Tonfall frech, die braunen Haare wehen wild im Wind. Wir winken uns zu. Die Jugend, sie kann das Neue, Merkwürdige offensichtlich besser begrüßen.

Die Worte von Christian Hasucha, hier oben in dieser Wohnwabe klingen sie ganz anders nach. "Vielen Menschen ist gar nicht mehr bewusst, wo sie täglich entlanggehen und wie ihre Umgebung sie prägt", hatte der 56-Jährige gesagt. Mit "öffentlichen Interventionen" wie dem Probewohnen möchte er "Verwunderung auslösen", Kontexte verschieben, Orte neu definieren. Und Menschen. Ich zumindest fühle mich reichlich verschoben. Passend zu dem Motto des Kunstparcours "Aussicht auf Veränderungen", in den Hasuchas Projekt eingebettet ist. Bis zum 3. Oktober gruppieren sich entlang der S-Bahnlinie 3 knapp 20 Installationen. Von der Elbinsel bis nach Altona. Dort wohne ich normalerweise. Auf der anderen Seite.

Der künstlerische Sprung über die Elbe, bei dem ich nun mitspringe, ist ein Unterfangen der Internationalen Bauausstellung IBA. Das Großunternehmen, eine Tochter der Stadt, bringt bis 2013 viel Geld, Pläne und Kooperationen, Sanierungen und Neubauten auf die Elbinsel. Die Vorurteile lassen sich aber nicht so schnell fortbaggern, wegstadtplanen und kulturintegrieren. Wilhelmsburg heißt es, sei international, aber auch prekär. Und ich, ich sehe junge Männer, die sich zur Begrüßung, und alte Frauen, die sich zum Abschied küssen. Interessieren sich diese Menschen für die IBA?

Umstritten ist sie jedenfalls heftig. Gentrifizierung lautet das Stichwort. IBA-Gegner befürchten, dass mit der Aufwertung die Mieten steigen und ärmere Anwohner verdrängt werden. Erst kommen die Künstler und beleben den Stadtteil, dann kommen die Investoren und bürsten alles glatt, lautet eine gängige These. Und ich, als Kunstprojekt auf Zeit, gentrifiziere ich hier nicht fleißig mit? Zumal aus Altona, das sich längst vom sogenannten Problem- zum Besserverdienenden-Viertel gewandelt hat? Ich aus dem hübsch hergerichteten Ottenser Altbau mit Biomarkt-Mitgliedschaft und Ökostrom. Bin ich Teil des Problems oder Teil der Lösung, oder ist es einfach nur egal, wenn ich hier mal ein bisschen Kunst bin? Mir jedenfalls ist es nicht mehr gleichgültig. Ich habe die Komfortzone verlassen, sitze auf dem Präsentierteller und stelle mir Fragen. Zum Beispiel: Wohne ich wirklich in Hamburg, also in ganz Hamburg? Oder ist mein Radius nicht begrenzt wie bei so vielen auf Altona, Schanze, St. Pauli, "die üblichen Stadtteile", wie es in Wohnungsgesuchen so häufig heißt?

Eine Gruppe von Frauen mit einem Kind bleibt unten auf dem Bahnhofsvorplatz stehen. Sie kneifen die Augen zusammen, als sie zu mir schauen. Mittlerweile ist die Sonne herausgekommen. Das Papayaorange leuchtet jetzt fast goldgelb. Schön ist das.

Wenn der Betrachter das Kunstwerk macht, wie interpretieren mich dann die Leute unten? Halten sie mich für eine spießige Musterhausbewohnerin? Eine ehrgeizige Architektin? Eine schrullige Selbsterfahrungstante? Oder einfach nur für einen schwarzen Strich vor Papayaorange?

Doch nicht nur ich bin Projektionsfläche, sondern das Viertel ist auch meine. Möchte ich das Probe- in ein Dauerwohnen in Wilhelmsburg ummünzen? Fest steht, dass es sich nach einigen Stunden selbstverständlicher anfühlt, Kunst zu sein. Das schönste Fazit aber stammt vom Künstler Hasucha selbst: "Ich mag es, wenn Orte für kurze Zeit neu erfahrbar werden, wie ein Traum, der dann auch wieder vorbei ist."