Hamburg ohne Worte

Ein Kampf, der Jahrzehnte andauern wird

Foto: Roland Magunia

Zwei Millionen Bücher sind in der Staats- und Universitätsbibliothek vom Säurefraß bedroht. Restauriert werden die Bände in Leipzig.

Hamburg. Im September 2006 wandte sich die Staats- und Universitätsbibliothek (Stabi) mit einem dramatischen Appell an die Öffentlichkeit: Weil zwischen 1840 und 1990 fast alle Publikationen auf säurehaltigem Papier gedruckt worden sind, drohten sie durch Säurefraß für immer verloren zu gehen. "Hamburg ohne Worte" hieß die Spendenaktion, mit der die Stabi damals für Spenden warb, um zumindest die wichtigsten Schriften der Hamburgensien-Sammlung zu retten. "Wenn wir nicht sehr bald etwas unternehmen können, werden große Teile unseres Schriftguts für immer verloren sein", sagte Gabriele Beger, die Direktorin der Staatsbibliothek dem Abendblatt.

Vier Jahre später ist das Problem zwar bei Weitem nicht komplett behoben, es hat sich aber eine Menge getan. "Unsere Aktion 'Hamburg ohne Worte' war ein enormer Erfolg. Wir haben Spenden in Höhe von 70.000 Euro erhalten, noch wichtiger war, dass eine breite Öffentlichkeit auf das Problem aufmerksam gemacht worden ist", sagt Stabi-Pressesprecherin Marlene Grau.

Unterstützung kam auch aus dem politischen Raum: Noch 2006 beauftragte die Bürgerschaft die Stabi und das Staatsarchiv, die Schäden an Hamburgs wissenschaftlichen Bibliotheken und Archiven zu ermitteln. Zugleich stellte das Parlament als erste Maßnahme 250.000 Euro aus einem Sonderinvestitionsprogramm zur Verfügung.

Die Schadensanalyse ergab, dass 82,5 Prozent der Bestände säurehaltig und damit akut gefährdet sind. In der Stabi betrifft das zwei Millionen Bände, in den anderen Bibliotheken 1,9 Millionen. Anschließend wurde ein Bestandssicherungsplan erarbeitet mit dem Ziel, die gefährdeten Bücher in drei Prioritätsstufen einzuteilen, damit die vorhandenen Mittel möglichst effektiv eingesetzt werden können.

Bibliotheken suchen Paten für besonders edle Bücher

"Wir sind froh, dass die Politik die Dramatik der Situation wirklich erkannt hat. Jahr für Jahr werden jetzt Haushaltsmittel in beträchtlicher Höhe für Entsäuerungsmaßnahmen zur Verfügung gestellt. Die Bibliotheken erhalten in diesem Jahr 801.000 Euro, 2011 sollen die Bibliotheken und das Staatsarchiv gemeinsam eine Million Euro bekommen. Das sind schon Beträge, mit denen wir wirklich etwas anfangen können", sagt Ulrich Hagenah, der als Projektleiter für die Entsäuerungsmaßnahmen in der Stabi zuständig ist.

Dass die Situation dramatisch bleibt, zeigen andere Zahlen. So verfügt die Staats- und Universitätsbibliothek über zwei Millionen säuregeschädigte Bände, von denen 597.000 höchste Priorität haben. Davon werden bis Ende des Jahres nur 85.000 behandelt und damit für die Zukunft gerettet sein.

Die schwierige Lage ist die Folge einer Erfindung aus der Zeit der industriellen Revolution: Etwa 1840 begann man mit der maschinellen Herstellung von Papier. Das war zwar billiger als das handgefertigte Papier, hatte dafür aber auch eine deutlich kürzere Lebenserwartung. Ursache sind die bei der industriellen Produktion verwendeten Materialien Zellulose und Holzschliff, die die Bildung von Säuren im Papier verursachen. Dieses Papier altert, wird brüchig und zerfällt schließlich.

Um die Zerstörung zu stoppen, müssen die betroffenen Bücher entsäuert werden. Dafür gibt es inzwischen maschinelle Verfahren, die nicht nur die Säure entziehen, sondern außerdem einen basischen Puffer einbauen.

Die Staatsbibliothek lässt die Massenentsäuerung von der PAL Preservation Academy und dem Zentrum für Bucherhaltung (ZFB), beide mit Sitz in Leipzig, vornehmen. Obwohl in den dortigen Hightech-Maschinen zahlreiche Bände gleichzeitig behandelt werden können, wird die Rettung der wichtigsten Hamburger Bestände bis zu zwei Jahrzehnte in Anspruch nehmen.