Indierock-Trio aus Hamburg

Zwischen Freiheit und Egoismus: Wohin mit dem Hass?

Foto: Markus Wustmann

Das Hamburger Trio 1000 Robota präsentiert die Songs seines zweiten Albums "ufo" zum Sommerfestival auf Kampnagel mit Orchester.

Hamburg. Beim ersten Anhören war es noch amüsant, in der Wiederholung ist es ärgerlich. Es gibt diesen Song, den das Indierock-Trio 1000 Robota auf seiner zweiten, am 3. September erscheinenden Platte "ufo" versteckt hat, mit einigen Minuten Abstand hinter dem letzten Stück. In der Nummer beschimpft Sänger und Gitarrist Anton Spielmann seinen Musikerkollegen Thees Uhlmann von der Band Tomte. Der Name fällt zwar nicht, aber die Verweise sind eindeutig. "Lieber mach ich mir 1000 Feinde als mit dir falsche Freunde", ist noch eine der freundlicheren Formulierungen. Gut, der Verhasste hat auch amtlich Vorarbeit geleistet. In Onlineblogs lässt sich Uhlmanns Ansage nachlesen, die er von einer Festivalbühne rief: "Das nächste Lied ist gegen 1000 Robota, ich kann das Geld eurer Eltern bis hierher riechen." Das ist mindestens so platt wie jetzt die Replik.

Doch das Ärgerliche an dem Stück Hass der Hamburger ist nicht unbedingt dessen lyrische Schwäche, sondern die Tatsache, dass sie eine ansonsten starke Platte mit einem läppischen Konflikt beschließen. Die allgemeingültige Wucht, die "ufo" birgt, wird somit merkwürdig in der Zeit verhaftet.

"Wohin mit dem Hass?", fragte Jochen Distelmeyer, Diskursrocker Nummer eins, im vergangenen Jahr auf seinem Solodebüt noch abstrakter. Die Kulturform des konkreten "Dissens", also des gepflegten Niedermachens anderer, ist sonst eher im Hip-Hop zu Hause. Bei 1000 Robota bleibt der Hass in dieser direkten Form zwar ein Einzelfall, ist aber ein charakteristisches Gefühl ihrer Kunst. "Auf den Kampf scheißen ist das wenigste, was wir tun", erklärt Spielmann resolut. Und später sagt er: "Der Mittelweg, der zieht nicht." Das passt. Denn 1000 Robota polarisiert. Weit über den Streit mit Uhlmann hinaus. Und ist deshalb relevant. Weil sie den schmalen Grat ausloten zwischen Diversität und Beliebigkeit, Freiheit, Egoismus und, ja, auch der Liebe.

Zum Interview kommt Spielmann mit Strohhut und Weste. Sommeroutfit eines Bohémiens. Die Rollenaufteilung ist klar: Spielmann spricht viel, schnell, widersprüchlich, mitreißend. Schlagzeuger und Sänger Jonas Hinnerkort redet ab und an, Bassist Sebastian Muxfeldt gar nicht. Beim Treffen wirken die drei, mittlerweile alle um die 20, keineswegs wie die Lümmel von der letzten Bank, zu denen sie oft gemacht werden.

Vor gut zwei Jahren war 1000 Robota angetreten, um auszudrücken, dass sie sich nicht so fühlen wie die Gleichgeschalteten dieser Welt, die "Tausend Roboter". Vielfach wurden ihre nervösen Stakkato-Songs mit der unverkopften Verweigerung der frühen Tocotronic verglichen. Doch die Begeisterung der Pop-Gazetten auf das Debüt "Du nicht er nicht sie nicht" spiegelte sich nicht in den Verkaufszahlen wider. Im Kontrast zum Hype liefern 1000 Robota nun allein optisch weniger Projektionsfläche. Auf dem Plattencover schauen blasse Gesichter aus schwarzen Hemden. Trotz der Reduktion meint Spielmann: "Alles ist Politik, egal, was du tust, du siehst ja immer aus irgendwie."

Haltung, Politik, Bewusstsein sind Vokabeln, die er häufig nutzt. Auch dass die Band von der Bahrenfelder Plattenfirma Tapete Records zu Buback auf St. Pauli gewechselt ist, hat politische Gründe. Das Label, das 2005 von Maler Daniel Richter übernommen wurde, gründete sich 1987 aus dem Punk- und Agitprop-Kontext. Mit Künstlern wie Jan Delay und Die Goldenen Zitronen ist Buback links profiliert. Und Spielmann gefällt es, dass dort "nicht versucht wird, die gewisse Haltung, die die Band an den Tag legt, zu formen".

Diese gewisse Haltung, sie wird etwa in dem Song "Geh nicht zuweit" transportiert, in Versen wie "Zeig den Dummen nicht,/dass du schlauer bist,/zeig den Schlauen nicht,/dass sie dümmer sind". Ein Stück, das mit seinem heruntergebrochenen Klang, mit Störintermezzi, Eruptionen und repetitiven Schlaufen symptomatisch ist für den konzentrierteren Sound, den 1000 Robota auf ihrem Zweitling produzieren.

"Wie extrem kannst du werden? Wie laut? Wie leise?" waren bei den Aufnahmen mit Meense Rents und Ted Gaier zentrale Fragen, erklärt Spielmann. Und vor allem: "Wie weit können wir ruhig bleiben?" Die Antwort gibt unter anderem die Single "Fahr weg" mit seinen minimalistischen Wiederholungen, in der der Geist von Kraftwerks "Autobahn" herüberweht. Das Interessante an "ufo" ist, dass in einem Song oft mindestens zwei Ideen vertont werden. Wenn die Musik wie in "Nicht so und nicht so" vom Postpunk in einen Disco-Teil überblendet, macht das schlicht Spaß. Grenzen austesten werden 1000 Robota auch am Sonnabend auf Kampnagel, wo sie ihr Material mit dem Komponisten Benjamin Scheuer samt Orchester präsentieren. Musik polarisiert eben nicht nur, sondern verbindet. Denn letztlich ist Spielmann ein, wenn auch wütender, Weltverbesserer, der verhindern möchte, dass "Leute abbrechen, bevor sie überhaupt auf die Fresse gefallen sind". Lieber Narben als Teflon also. Er wünscht sich, dass "die Leute" sich für sich selbst gerademachen, dass sie sagen können: "Das ist vielleicht deine Idee vom Leben. Aber meine ist eine ganz andere." Diese gewisse Haltung, sie klingt dann doch recht tolerant.

"ufo" erscheint am 3.9. (Buback)

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