Ben Drew

Der Mann mit den zwei Gesichtern

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Ben Drew legt mit "The Defamation Of Strickland Banks" eine perfekte Soulplatte vor, mit Referenzen an den Motown- und Stax-Sound.

Hamburg. Viel Sympathie hat er für sein Alter Ego nicht. "Mit jemandem wie Strickland Banks möchtest du nicht befreundet sein. Er ist ein richtiger Wichser." Zimperlich in seiner Wortwahl ist Ben Drew ebenfalls nicht. Wohl normal für jemanden wie den 26-Jährigen, der im Londoner Forest Gate groß geworden ist, einem Viertel mit Prostitution und Drogenhandel auf den Straßen. "Ich hatte damit nur am Rande zu tun, ich habe nur Marihuana verkauft", sagt Drew, lässt seinen Blick von der Terrasse des Hotels Lindtner über Hamburg streifen und zieht gierig an seiner Zigarette. Wenn er spricht, ist eine latente Aggression zu spüren. Eine falsche Frage würde ihn sicher auf die Palme bringen.

Im Widerspruch zu der ruppigen Art des blassen Sängers steht die Eleganz seines zweiten Albums, das er unter dem Signum Plan B herausbringt: "The Defamation Of Strickland Banks" ist eine perfekte Soulplatte mit Referenzen an den Motown- und Stax-Sound und an Künstler wie Curtis Mayfield und Michael Jackson. Aber Ben Drew hat die Songs nicht wie ein Epigone arrangiert und gesungen, er verbindet diese Sixties-Musik mit modernen Elementen des britischen Hip-Hop à la The Streets und des Doo-Wop wie ihn Amy Winehouse wieder populär gemacht hat. Als Grime-Soul bezeichnet die an Begriffen findige britische Musikpresse das Plan-B-Werk.

"The Defamation Of Strickland Banks" erzählt in elf Songs die Geschichte eines Soulsängers, der im Stile der Motown-Künstler auftritt, damit riesigen Erfolg hat, aber ansonsten ein arrogantes Ekel ist, weil er glaubt, unantastbar zu sein. Er fängt erst an, über sein Leben nachzudenken, nachdem er wegen einer nicht begangenen Vergewaltigung verurteilt wird und in den Knast muss. Ein wenig kennt Ben Drew sich damit aus, berühmt zu sein. Als sein erstes Album "Who Needs Actions When You Got Words" 2006 herauskam, wurde er bereits als der "englische Eminem" bezeichnet. Dieser wütende und obszöne Aufschrei bescherte ihm Magazin-Storys, Fernsehauftritte und zwei Kinorollen, eine davon in dem Gang-Thriller "Harry Brown" als Gegenspieler von Michael Caine. "Aber für Ruhm gibt es keine Fibel. Berühmt zu sein ist eigentlich verdammter Mist", sagt er in seinem Cockney-Englisch.

"Strickland Banks" hat sich in Großbritannien mehr als 300 000-mal verkauft, war Nummer eins der Album-Charts, aber Drew interessiert sich nicht für Hitparadenplatzierungen. Sagt er. "Eigentlich wollte ich eine Hip-Hop-Platte machen, aber es ist ein Soulalbum geworden. Mein Debüt war mir vor vier Jahren viel wichtiger. 'Who Needs Actions' habe ich für die vergessene Unterschicht von Jugendlichen in England gemacht." Als er von seiner Teenagerzeit in Forest Gate im Nordosten von London spricht, springt er plötzlich aus seinem bequemen Liegestuhl auf und spielt vor, wie die Polizei das Haus seiner Eltern stürmen wollte, in dem er mit ein paar Freunden eine Party feierte. "Die sind durchgedreht, weil jemand uns mit einer Spielzeugpistole gesehen hat. Mann, war das krass. Die hatten sogar Scharfschützen auf einem Dach gegenüber. Wegen einer Spielzeugpistole!" Drew ist immer noch aufgebracht, wenn er an die Szene denkt, die neun Jahre zurückliegt.

Der immer etwas nervös wirkende Sänger macht keinen Hehl daraus, dass er damals mit den falschen Leuten abgehangen hat. Er landete öfter in Polizeiarrest und musste Kurse in Anti-Aggressionstraining absolvieren. Irgendwann steckte er seine Energie in die Musik und fing an, Songs zu schreiben. "Hip-Hop ist der beste Weg, um Details auszudrücken und Gefühle rüberzubringen", sagt er. Bei den Sessions zu "Strickland Banks" ist auch ein komplettes Hip-Hop-Album entstanden, das im kommenden Jahr erscheinen soll. Aber in den nächsten Monaten muss Drew auf der Bühne in den schnieken Anzug von Strickland Banks schlüpfen und von dessen Aufstieg, Fall und Erlösung singen.

Mit zehn Musikern wird Plan B dann auf Tournee gehen, fast alle kennt Ben Drew seit Jahren, denn sie sind wie er in Forest Gate aufgewachsen. "Sie sind meine Familie", sagt er. Musiker, die für ein paar Drinks in den dortigen Klubs gespielt haben. Mit ihnen an seiner Seite wird Ben Drew die Bodenhaftung nicht verlieren. Egal, wie berühmt er noch werden wird.

Plan B : The Defamation Of Strickland Bank (Warner). Plan B spielt am 19.11. Im Uebel & Gefährlich