Kaltstart-Festival

Nicht jeder Mensch ist ein Künstler

Foto: Patrick Piel

Das Kaltstart-Festival hat seinen wenigen Zuschauern eine Menge abverlangt, und von den Künstlern vor allem Idealismus und Energie.

Hamburg. Warten vor verschlossener Saaltür. Die Eiswürfel klimpern im Glas, dann am Zahnschmelz, was man deshalb so gut hört, weil niemand etwas sagt. Wer wartet, der schweigt. Zumindest meistens. Beim Kaltstart-Festival hieß es bis zu zehn mal klimpern und schweigen am Abend, so viele Veranstaltungen gab es zu besuchen; und manchmal - tja, manchmal schwiegen die Besucher auch nach deren Ende. Ist ja nicht schlimm, kleine Pannen können passieren. Vor allem bei einem Festival, das zwei Wochen dauert; und nur im schlimmsten Fall, genau viermal, hieß es: Vorstellung entfällt. Und das neu in den Festivalverbund von Kaltstart Pro, Finale und Fringe hinzugestoßene YoungStar-Festival verzichtete gleich ganz auf seinen im Park Fiction geplanten Sonntagsauftritt - aus Sorge, das elektronische Equipment könnte bei Regen Schaden leiden. Nun ja.

Eine Menge Idealismus und Energie haben die vergangenen zwei Festivalwochen von den teilnehmenden Künstlern verlangt, gut tausend waren es insgesamt, und manchmal - tja, manchmal, fiel einem das gute alte Bonmot von Joseph Beuys wieder ein: "Jeder Mensch ist ein Künstler", was hatte er da nur angerichtet, dachte man bei sich, aber in dieser Gehässigkeit wirklich nur manchmal. Trotzdem: Den Zuschauern, bisweilen durchaus in der Minderzahl, wurde da einiges abverlangt. Geduld, Neugier und Mut zum Risiko - denn das war wirklich groß, eine Niete zu erwischen, wie das überagierende "Kind, das in der Polenta kocht" oder zuletzt der ziemlich kopflose Lauenburger "Woyzeck".

Natürlich fand sich in der angebotenen Masse auch die Klasse der Glückstreffer: "Arabboy" aus dem Heimathafen Neukölln war einer, "Der Du" vom Düsseldorfer Schauspielhaus oder die Wiener "Liebesgeschichte". Auch erfreuliche Wiedersehen gab es mit Regisseuren, den beim Körber Studio Junge Regie 2010 aufgefallenen Sarantos Zervoulakos ("Liebesgeschichte"), Tim Egloff ("Glaube, Liebe, Hoffnung") oder Eva-Maria Baumeister ("Bermudadreieck"). Neuentdeckungen waren zu machen: Das "Prager Special" bot in der Monologserie eine Spitzenleistung.

In den Spielformen dominierte eindeutig der Trend zum Erzähltheater, mit mehr oder weniger ausgeformten Figuren. Mit mehr oder weniger Video-Einspielungen. Zuweilen störte ein zu "braver" Stadttheater-Stil die vorwiegend raue, ungebremste Energie im Programm. Aber es ermöglichte - weiterer Pluspunkt - neben den Studioproduktionen der staatlichen Bühnen den interessanten Einblick in die Off-Szene anderer Städte, brachte erstmals das in Bochum angesagte, für Debatten sorgende Theater Rottstr. 5 ("Nach Troja") in die brodelnde Schanze.

Im vergangenen Jahr kamen zu den etwa 60 Vorstellungen rund 3000 Zuschauer. Mit der Vorstellungszahl von mehr als 100 in diesem Jahr ist die Besucherzahl auf etwa 5000 gestiegen. Der Besucherschnitt pro Vorstellung ist mit etwa 50 Prozent Auslastung stabil geblieben. Erstmals wurde das Festival von Kulturbehörde und Stiftungen gefördert, was eine Ausweitung des Angebots (Festivalzeitung!) und Einladungen ermöglichte.

Kaltstart fungiert bereits als Fachmesse, Dramaturgen kamen, Inszenierungen wurden weitervermittelt. Die Macher sollten dem Konzept des kreativ vernetzten Chaos treu bleiben - aber doch bitte versuchen, es besser in den Griff zu bekommen.