Kino: "Twilight"-Saga

Sehnsucht nach dem Superspießer

Foto: © 2009 Concorde Filmverleih GmbH

Fans fiebern dem Filmstart von "Eclipse" entgegen. Am Mittwoch ist der dritte Teil der Vampir-Saga als Preview im Cinemaxx Dammtor zu sehen.

Cinemaxx. Es gibt diesen einen Satz in "Eclipse - Biss zum Abendrot", dem dritten Teil der "Twilight"-Saga. Heldin Bella (Kristen Stewart) versteckt sich mit ihrem Vampirfreund Edward (Robert Pattinson) vor einer wütenden Schar junger Blutsauger in den Bergen. Ein Schneesturm bricht los. Doch der untote Liebhaber kann seine bibbernde Angebetete im Zelt nicht wärmen. Sein mehr als 100 Jahre alter Körper ist kalt. Kein Herzschlag, keine Hitze. Damit Bella nicht erfriert, muss Edward eckzähneknirschend billigen, dass sein Rivale Jacob (Taylor Lautner), kurz Jake, als menschliche Heizung in den Schlafsack des Mädchens kriecht. Denn Jake ist ein Werwolf, voller pulsierender Wärme. Und dann fällt dieser Satz, mit dem der junge Hund seinen Konkurrenten ziemlich alt aussehen lässt. Und bis aufs Blut reizt. "I am hotter than you" (Ich bin heißer als du).

In der Pressevorführung waren einige Lacher zu hören, als Regisseur David Slade an Jakes blanker Brust, an der Bella ruht, in Nahaufnahme entlang filmt wie an einer Felswand. Für die (vornehmlich weiblichen) Fans jedoch ist die Zeltszene der große Schlüsselmoment.

In Internetforen diskutieren die Anhänger bereits angeregt über die neueste Umsetzung aus Stephenie Meyers Buchreihe. Und über das (immer und immer wieder gelesene) Zeltkapitel. "Ich hätte Jake den Kopf abreißen können. Ich bewundere Edwards Geduld. Alles nur damit es Bella gut geht", schreibt etwa "VampyCullen". Der Online-Name ist eine Anspielung auf Edwards Vampirfamilie, die Cullens, ein Verbund humanistisch orientierter Vorzeigeblutsauger.

An besagter Zeltszene lässt sich auch gut das mittlerweile bis in den Irrsinn überdrehte Pop(star)-Phänomen verdeutlichen, das dieses neuzeitliche Epos ausgelöst hat. Und das vom rockigen Soundtrack bis zur eigenen Kosmetik-Collection üppig mit Merchandise flankiert wird. Das Prinzip lautet: Teenagerhysterie lebt von den Extremen. Und Regisseur Slade inszeniert die Gegensätze zwischen hell und dunkel, Wärme und Kälte, letztlich zwischen Leben und Tod vor allem zu Anfang von "Eclipse" durchaus gekonnt.

Eine wie von der Sonne ausgeblichene Szene in Florida, wo Bella ihre Mutter besucht, schneidet der britische Filmemacher gegen den düsteren Wald von Forks im US-Bundesstaat Washington, wo sowohl die Cullens als auch das Werwolfrudel Jagd machen auf die mehr als bösewichtige Vampirfrau Victoria (neu in der Rolle: Bryce Dallas Howard). Slade, der sich mit Videoclips für Muse und Tori Amos einen Namen gemacht hat, koppelt geschickt die adoleszenten Lebenswelten zwischen Kuschelrock und Playstation. Wenn sich Edward und Bella auf einer lichtdurchfluteten Blumenwiese zu Lyrik und Pianoklängen küssen, mutet die Sequenz wie endlos aneinandergereihte Poster für Mädchenträume an. Jedes Standbild könnte sofort ohne Umwege in der Heftmitte der "Bravo" hochglänzen. Andererseits orientiert er sich in den Actionszenen mit ihren Unschärfen, Zeitlupen, Beschleunigungen und Special Effects an der Ästhetik von Computerspielen.

Am heftigsten pendelt das heranwachsende Herz aber natürlich im Widerspruch zwischen den beiden Verehrern. Längst haben sich unter den Fans zwei Lager gebildet, Team Edward und Team Jake, die auch für konträre Lebensmodelle stehen. Auf der einen Seite Edward, der "old school" ist, wie Bella ihrem Vater (Billy Burke) erklärt. Sprich: Er ist (anders als Bella) gegen Sex vor der Ehe und macht ihr fortwährend Heiratsanträge. Sie verknüpft mit ihrem Jawort Edwards Versprechen, sie für immer zu sich zu holen, also auf die Seite derer, die tot sind und doch ewig existieren. Das ist eine hoch konzentrierte Dosis für nach Romantik süchtelnde Mädchen, die ihren Schwarm lieber aus sicherer Entfernung anhimmeln, statt sich in die amouröse Realität zu begeben. Letztlich verkörpert dieser Vampir die Sehnsucht nach dem Superspießer in einer zunehmend sexualisierten Welt. Zwar ist Jake ebenfalls ein wohlerzogener junger Mann, doch in seinem ganzen werwölfischen Wesen heißblütiger, zupackender und lebensbejahender. Auch wenn Jake mitunter wütend in Wallung gerät, bleibt er doch das nette Pelztier von nebenan. Und Kumpelhaftigkeit wirkt nun mal auf die pubertierende Fantasie weniger betörend als ein mit dem Dasein hadernder Beau. Dass sich Bella zwischen diesen beiden Alphatieren nicht recht entscheiden kann und zwischen ihren Beschützern teils noch blasser wirkt als ihr Teint, mag nerven. Doch Slade hat begriffen, dass Teenageralltag eben ein stetes Hin und Her der Gefühle bedeutet. Und dass Gegensätze sich nicht immer gänzlich auflösen müssen.